Moosmattstrasse, Dietikon. Nicht unbedingt das Si­licon Valley des Swiss ­Retail. Und doch tut sich dort Spannendes: Klamm­heimlich lancierte Migrolino jüngst im Dietiker Industriequartier ein neues Robotervertriebsformat.

Bei Pick-me handelt es sich um einen Verkaufsautomaten, der rund um die Uhr in Betrieb ist. Im Inneren des 6 Tonnen schweren Schiffcontainers lagern in zwei Klimazonen Food- und Nearfood-Produkte, die per Screen bestellt und bezahlt werden können. Hinter der Holzverkleidung des Containers arbeiten zwei Roboterarme, die das gewünschte Produkt ausliefern. In einer ausgefeilteren Variante sollen Konsumenten ihre Produkte per App auch vorab bestellen können und den Abholschein mit Familie, Freunden oder einer Abhol­person, etwa einem Taxifahrer, teilen können.

Aus einer Niederlage geboren

Während Schweizer Konsumenten mit Verkaufsautomaten meist ein Angebot im Snack- oder Kaffeebereich verbinden, ist Pick-me umfassender: um die 400 Pro­dukte, von Brot, Obst und Fleisch bis zu Fertig­gerichten und Kosmetika bietet der Robo-­Laden. Varianten seien möglich, sagt Migrolino-Chef Markus Laenzlinger: «Der Automat könnte auch doppelt so gross sein wie der Prototyp und hätte dann Platz für bis zu tausend Artikel.»

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«Nach der Dietiker Testphase, die noch bis Mai 2020 läuft, ist das Ziel ganz klar der landesweite Rollout», sagt Laenzlinger. Als Standorte würden zunächst kleinere Tankstellen, danach auch Wohngebiete angepeilt. Denkbar sei zudem eine Hybrid­lösung aus bemanntem und unbemanntem Service, sagt Laenzlinger: «Pick-me wäre in diesem Fall tagsüber bedient und würde nachts als Automat laufen.»

In einer ersten Phase musste die Convenience-Tochter der Migros mit dem Konzept eines Verkaufsautomaten allerdings eine Niederlage einstecken: Als die SBB 2018 ihre Kiosk- und Convenience-Flächen ausgeschrieben hatten, reichte Migrolino ein Automatenkonzept ein, kam aber nicht zum Zug, weil Valora alle Flächen gewann. Danach entschied man bei Migrolino: «Das bauen wir jetzt trotzdem.»

Kann der Roboter auch Salami?

Frei von Friktionen sei die Entwick­lungs- und Testzeit für Pick-me nicht gewesen, erzählt Laenzlinger. «Der Robotergreifarm hat noch eine Lernkurve vor sich. Salami konnte er zu Beginn wegen der dünnen Verpackungshülle noch nicht richtig greifen. Aber das kommt schon.»

Ein jugendliches Paar steht am 18. Dezember 1980 im Shop-Ville am Hauptbahnhof in Zuerich vor einem Lebensmittel-Automaten und schaut sich das Angebot an. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

Auch im Dezember 1980 gab es schon Lebensmittelautomaten. Hier der Storematic im Shopville des Zürcher Hauptbahnhofs. 

Quelle: Keystone

Ein spezielles Thema für den Automaten ist Tabak und Alkohol. Die Migros-­Tochter Migrolino, die 2019 beim Umsatz um 15 Prozent zulegen konnte, lebt gut vom Verkauf solcher Ware. Wer bei Pick-me Zigaretten kaufen will, muss seine ID oder den Führerausweis scannen, um die Bestellung auszulösen. Alkohol ist noch nicht erhältlich. Hier gibt es ebenfalls rechtliche Restriktionen; ein Modus sei in Abklärung. Für das neue Format ist der Migrolino-Chef zuversichtlich: «In der ganzen Schweiz sehe ich ein grosses Potenzial für Pick-me-­Automaten

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Reifere Semester sehen sich bei Pick-me an eine Zeit weit vor Amazon, iPhone und Tinder erinnert. An die 1980er Jahre, als in der Einkaufszone Shopville des Zürcher Hauptbahnhofs der Verkaufsautomat Storematic für Furore sorgte. Konsumenten konnten über eine Wählscheibe Produkte bestellen und bezahlen – dann griff sich hinter der Glasscheibe ein Robo-Arm das Produkt und lieferte es aus. Bestes ­Robo-­Ballett, Showtime rund um die Uhr. Auch Laenzlinger erinnert sich daran, lebhaft: «Als Bub fuhr ich oft von Wil SG in den Zürcher Hauptbahnhof – nur um diesen Automaten zu sehen.»

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