Jedes Jahrzehnt hat seine grosse Finanzwette, den «Big Short». In den Nullerjahren wetteten Hedgefonds gegen den amerikanischen Hypothekenmarkt – und gewannen in der Finanzkrise Milliarden.

Die grösste und vor allem spannendste Wette der Zehner-Jahre war hingegen die Wette auf den Untergang von Tesla. Diese Spekulation hatte von Beginn an alles, um berühmt und berüchtigt zu werden: eine neue Technologie, die die wahrscheinlich emotionalste und traditionellste Branche als Gegner herausforderte. Einen Konzernchef Elon Musk, den die einen für ein Genie halten, weil er nicht nur neue Autos baut, sondern auch Raketen zum Mond schiesst, und die anderen für einen Wahnsinnigen.

Spekulanten verlieren mit Untergangswette Milliarden

Doch diese Wette ist jetzt krachend gescheitert. Hedgefonds und andere Spekulanten haben mit der Untergangswette in den vergangenen sieben Monaten 8,4 Milliarden Dollar verloren. Das hat die Analysefirma S3 Partners in der Vorwoche herausgefunden. Die Summe dürfte höher sein als die Kosten der Gründung von Tesla.

Die Tesla-Skeptiker drehten das ganz grosse Rad. In der Spitze verkauften die Spekulanten 43,7 Millionen Tesla-Aktien im Wert von 8,1 Milliarden Dollar leer. Sprich: Sie liehen sich gegen eine kleine Gebühr von ETF-Anbietern und anderen Fondsgesellschaften 43,7 Millionen Aktien und verkauften sie an den Märkten.

Damals, im Mai 2019, notierten die Aktien bei 185 Dollar. Das Kalkül: Sollte die Aktie fallen, könnten die Skeptiker die Papiere zu niedrigeren Kursen an den Börsen zurückkaufen und sie dann an die Verleiher zurückgeben. Die Kursdifferenz wäre ihr Gewinn. Sollten die Aktien aber steigen, drohten Verluste und zwar unbegrenzt. Weil Aktien leer verkauft werden, ist im Jargon von Shortsellern die Rede.

Waterloo an der Tesla-Front

Doch die Shortseller erlebten ein Waterloo. Die Aktie stieg im Sommer erst zaghaft auf über 200 Dollar, ab Oktober beschleunigte sich der Kursanstieg rasant. Tesla notiert aktuell auf mehr als 500 Dollar je Aktie. Ein Teil der Shortseller stellte die Wetten glatt, ein Teil harrt weiter aus.

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Aktuell sind noch 26 Millionen Aktien leer verkauft. Das entspricht immerhin noch 18,5 Prozent der frei handelbaren Papiere, auch Free Float genannt. Im Mai war jede dritte Aktie leer verkauft. Höher war die Quote nur in den Jahren 2014 und 2016, als rund 40 Prozent des Free Float von den Spekulanten bewegt wurden. Über die vergangenen Jahre dürften Shortseller deutlich mehr als zehn Milliarden Dollar verloren haben.

Elon Musk behält die Dinge im Blick

Doch wie konnte es überhaupt zu einem solchen Irrtum kommen? Wie konnte praktisch die halbe Wall Street so genarrt werden? Die Untergangspropheten standen mehrfach kurz vor dem Sieg. Schon häufiger drohte dem Elektropionier das Geld auszugehen. Doch Improvisationskünstler Musk wendete die nahende Pleite dann mit pragmatischen Schachzügen ab. Als beispielsweise die Produktionszahlen abermals hinter den Erwartungen zurückzubleiben drohten, liess Musk neben der eigentlichen Fabrikhalle ein zusätzliches Produktionszelt aufbauen und übernachtete dort, um die Dinge persönlich im Blick zu behalten.

Die wichtigen Fakten

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Auch seine Eskapaden mit der US-Börsenaufsicht SEC, die Musk den Job hätten kosten können, überstand der Überlebenskünstler. Denn auch den Aufsehern war klar, dass Tesla ohne Musk nicht überlebt hätte. Und die Shortseller liessen nichts unversucht, um Tesla das K. o. zu versetzen.

Tesla-Skeptiker schliessen sich zusammen

Unter der Kennung «TSLAQ» schlossen sich die Shortseller zusammen. Schon das Kürzel offenbarte die Mission der verschworenen Skeptikergruppe. «TSLA» ist das Börsenkürzel des Konzerns. Und ein «Q» bekommt eine Aktie immer dann als Anhängsel, wenn das Unternehmen Insolvenz angemeldet hat.

Bei «TSLAQ» werden Satellitenaufnahmen über parkende und nicht verkaufte Autos ausgewertet oder wird versucht, grobe Managementfehler von Musk offenzulegen. Ohne den gewünschten Erfolg, wie sich zeigte. Ein zweiter Grund für die gescheiterte Anti-Tesla-Wette ist, dass die Gegner des kalifornischen Unternehmens zu spät erkannt haben, dass sich die DNA des Konzerns gewandelt hat. Hat Musk einst einen Autohersteller gegründet, ist er heute Chef eines Technologieunternehmens.

Viele Experten sind vor Jahren davon ausgegangen, dass die etablierten Autobauer schon bald viel bessere Elektroautos bauen können. Denn bei Daimler, VW oder Toyota hätte man viel mehr Know-how. Der Fehler dieser Idee ist, dass die Komplexität im Erschaffen eines guten E-Autos viel weniger im Antrieb liegt, als vielmehr in der Software.

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Und hier ist das Technologieunternehmen Tesla den klassischen Autobauern – trotz aller Ingenieure und Tüftler – noch immer weit voraus. Noch deutlicher zeigt sich dieser technologische Rückstand beim Thema Laden. Denn eine taugliche Lade-Infrastruktur besitzt nur Tesla. Es wird noch Jahre dauern, bis die Autos anderer Hersteller ohne Reichweitenprobleme quer durchs Land fahren können.

Musk baut die besten Elektroautos

Und so ist die populäre Prophezeiung vom «Tesla-Killer» bislang unerfüllt geblieben. All die Skeptiker warten nämlich darauf, dass es ein Unternehmen gibt, das das gesamte Tesla-Paket übertrumpft. Und wenn das passiert, so die Theorie, wäre der Musk-Konzern praktisch sofort erledigt. Doch der baut weiterhin – da sind sich nahezu alle Experten einig – die besten Elektroautos. Und auch die Modellpalette wächst von Jahr zu Jahr.

Und die Deutschen? Daimler, BMW und Volkswagen galten immer als Favoriten für die Tesla-Killer-Rolle. Doch sie haben – genau wie die Shortseller – offenbar nicht verstanden, dass es nicht genügt, ihre vorhandenen Strukturen einfach auf die E-Mobilität zuzuschneiden.

Beispiel Mercedes: Seit Jahren lässt der Daimler-Konzern verlauten, in naher Zukunft mehrere E-Modelle auf den Markt zu bringen. Doch bislang hat Mercedes ein einziges echtes Elektrofahrzeug anzubieten. Ein Fahrzeug, das haben erste Tests gezeigt, das mit der Tesla-Technologie nicht mithalten kann. Und BMW: Mit dem Kleinwagen i3 einst vielversprechend gestartet, wartet der Konzern mit jeder Menge Hybrid-Fahrzeugen auf. Neue Autos sind zwar angekündigt. Mehr nicht.

Angekündigt und auch schon präsentiert hat VW seinen ID.3. Der soll die deutsche Antwort auf Teslas Massenmodell Model 3 sein. Doch auch beim Volkswagen-Konzern, der sich gerade zum Anführer der deutschen Elektrobewegung aufgeschwungen hat, stockt es gewaltig.

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Der Marktstart des besagten ID.3 wurde wegen Problemen mit der Software auf den Sommer dieses Jahres verschoben. Bis dahin muss weiterhin der längst in die Tage gekommene E-Golf als elektrisches Aushängeschild herhalten. Von einem möglichen «Tesla-Killer» ist also keine Spur.

Tesla hoch bewertet

Doch auch wenn Tesla die Konkurrenz im E-Auto-Rennen auf Abstand hält, ist die Aktie nach der jüngsten Rallye ambitioniert bewertet. Die Kalifornierer haben in der Vorwoche mit einem Börsenwert von umgerechnet mehr als 100 Milliarden Franken sogar Volkswagen überholt.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel: «The Big Short» – darum gewinnt Tesla die grösste Wette aller Zeiten.