Einige zeigten sich überrascht, andere nicht: Immerhin war in der Finanzwelt bekannt, dass António Horta-Osório offen für Neues ist. Der Konzernchef der Lloyds Banking Group, 56 Jahre alt, hatte im Juli bekannt gegeben, dass er sein Amt nach zehn Jahren abgeben will. Nun übernimmt der Portugiese im April 2021 das Präsidium der Credit Suisse – sofern die Generalversammlung zustimmt.

Horta-Osório sei «a highly proven and recognized professional» des internationalen Bankgeschäfts, erklärt de scheidende CS-Präsident Urs Rohner zur Nominierung seines Nachfolgers. Tatsächlich gehört der kommende Oberaufseher der Paradeplatz-Bank zu den bekannten und anerkannten Figuren zumindest des europäischen Banking.

Horta-Osório zu Brexit und Digitalbanking: «Bloomberg»-Interview beim Wef 2020.

Seit März 2011 amtiert er als CEO der Lloyds Banking Group; zur Funktion gehört auch die operative Leitung der Lloyds-Töchter Bank of Scotland und HBOS Plc.. Die Gruppe hatte zuvor aus der Finanzkrise von 2008 gerettet werden müssen und gehörte zu zwei Dritteln dem Staat. Der neue Mann, eingewechselt von Spaniens Banco Santander, musste sich als Turnaround-Manager beweisen.

Unter anderem gliederte gut 600 Retail-Filialen aus und schuf dafür die Tochtergesellschaft TSB. Auf dem Weg zur Rentabilität strich er rund 15'000 Stellen – oder lagerte sie aus. Ein entscheidender Meilenstein wurde im Mai 2016 erreicht: Da kaufte Lloyds die letzten Aktien vom Staat zurück. Bald darauf kaufte Lloyds das britische Pensionskassengeschäft der Zurich-Gruppe.

Die Eigenkapitalrendite der Lloyds-Banken betrug letztes Jahr knapp 8 Prozent; fürs laufende Jahr hatte Horta-Osório – vor der Corona-Krise – ein Ziel von 12 bis 13 Prozent gesetzt. Das Gehalt des Lloyds-CEO erreichte letztes Jahr 4,73 Millionen Pfund (5,74 Millionen Franken) – nach 6,54 Millionen Pfund (7,93 Millionen Franken) im Vorjahr 2018.

Was ihn mit Ralph Hamers verbindet

Ende letzten Jahres beschäftigte der britische Finanzkonzern 65'000 Angestellte und verwaltete gut 1'000 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Die Credit Suisse hat 47'800 Mitarbeiter und wies letztes Jahr 821 Milliarden Franken an Assets aus.

In einem ersten Kommentar wiesen die Analysten der Bank Vontobel darauf hin, dass es eine Gemeinsamkeit zwischen dem nächsten CS-Präsidenten und dem neuen UBS-Chef Ralph Hamers gibt: Beide stammten aus dem Retail- und Firmenkundengeschäft.

Für die Zürcher Kantonalbank kommt die Wahl Horta-Osórios indes überraschend: Einige Investoren dürfen enttäuscht sein – so eine ZKB-Notiz –, dass nicht der frühere SNB-Präsident Philipp Hildebrand das Rennen machte. António Hort-Osório müsse nun prioritär das Investorenvertrauen wiedergewinnen und das Investment Banking stutzen (dazu: «Rohner-Nachfolger bei der CS weckt Dividendenfantasien»).

Antonio Horta Osorio

Antonio Horta-Osório empfängt den portugiesischen Orden Grã-Cruz, Juni 2014.

Quelle: imago/GlobalImagens

«Euromoney» hatte António Horta-Osório nach der Lloyds-Sanierung 2013 zum «Banker of the Year» gewählt – was das Fachmagazin unter anderem damit begründete, dass die Grossbank in den vorangegangenen 18 Monaten eine der zwei Top-Performerinnen unter Britanniens Finanzinstituten war. Dies verdanke Lloyds einerseits der entschlossenen Verbesserung der Kapitalbasis, andererseits dem Ausbau im KMU- und Hypothekengeschäft unter der Leitung von Horta-Osório.

«Samurai der City»

Die Spaniens führende Tageszeitung «El País» nannte ihn 2017 als den «Samurai der City». Dabei war sein Einstieg in die britische Finanzszene eher «rocky» gewesen, wie man in der City sagt: António Horta-Osório wechselte Anfang 2011 von Santander – Spaniens führender Bank mit starken Standbeinen im spanischen und lateinamerikanischen Retail- und Firmenkunden-Geschäft – nach London. Er kam als einer der bestbezahlen Banker in die City, was angesichts der grossen Staatsbeteiligung bei Lloyds automatisch Kritik weckte.

Und dann musste er sich nach wenigen Monaten wieder zurückziehen: Er erlitt ein Burnout.

«In der Nacht kreisten all seine Gedanken um die Probleme bei der Bank, am Morgen ging er hundemüde zur Arbeit.»

Im November 2011 liess er sich in Priory-Klinik, ein spezialisiertes Rehab-Zentrum, einliefern. Er wurde sediert, mit Tabletten schlief er neun Tage lang 16 Stunden täglich. Wie er später der «Times» erzählte, war er in eine Spirale des Schlafmangels gerutscht: In der Nacht kreisten all seine Gedanken um die Probleme bei Lloyds, am Morgen ging er hundemüde zur Arbeit und wusste, dass er in der nächsten Nacht ebenfalls keinen Schlaf finden würde. Zuhause wiederum habe er sich schuldig gefühlt für seine ständige Abwesenheit, so der Vater von drei Kindern – weshalb habe ihm die Zeit mit der Familie ebenfalls nicht helfen konnte. Und Gesprächspartner für seine Probleme hatte er, der die Chefrolle immer sehr einsam und unpersönlich interpretiert hatte, auch nicht zur Verfügung.

Citibank, Goldman Sachs, Santander

Geboren wurde António Horta-Osório im Januar 1964 in Lissabon, der Vater war ein bekannter Anwalt. Nach einer MBA-Ausbildung in Portugal und einem Abschluss an der INSEAD arbeitete er bei der Citibank (und dort zuletzt als Head of Capital Markets), 1991 wechselte er ins Corporate-Finance-Geschäft von Goldman Sachs in New York und London.

Mit 29 Jahren ging er zu Santander und übernahm die Leitung der Geschäftsbank in seinem Heimatland. Geleitet von Emilio Botín, dem Vater der heutigen Präsidentin Ana Botín, begann die spanische Bank nach Portugal, Brasilien und Grossbritannien zu expandieren. Horta-Osório gehörte bald zum engsten Mitarbeiterkreis des Firmenpatriarchs. Ab 1997 leitete er das Retail-Geschäft von Santander in Brasilien, stieg auf zum dortigen CEO und schliesslich zum Chairman. Nach diversen weiteren Funktionen für die Grossbank in Portugal wurde er 2000 Mitglied der Santander-Konzernleitung. Bald galt er als Kronprinz und potentieller Nachfolger von Alfredo Sáenz Abad, der 2013 zurücktreten sollte. 

«In Spanien hatte er sich einen Ruf als 'Mourinho der Finanzwelt' erarbeitet – wegen seiner Herkunft, aber auch wegen seiner Hartnäckigkeit.»

Allerdings gehörte zu seiner Funktion auch die Leitung von Santander UK – und dieser Schritt brachte ihn näher ins Herz der europäischen Finanzwelt. 2006 war er nach Grossbritannien gegangen, wo er erst CEO von Abbey National, welche kurz darauf von er spanischen Bank aufgekauft wurde, und dann von Santander UK wurde. Unter seiner Führung kaufte Santander in Grossbritannien weitere kleinere Banken auf. 

In Spanien hatte er sich einen Ruf als «Mourinho der Finanzwelt» erarbeitet – wegen seiner Herkunft, aber auch wegen seiner Hartnäckigkeit. Schwierige Situationen herumzureissen, sei seine Spezialität, schreibt «El Pais».

In einem Interview mit «El Pais» sagte der leidenschaftliche Tennisspieler einmal, er identifiziere sich mehr mit der Hartnäckigkeit eines Rafa Nadal als mit der scheinbaren Leichtigkeit eines Roger Federer.  

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