Amazon hat bis heute keinen Sitz in der Schweiz. Wieso ist hingegen deren Cloud-Ableger AWS nach Zürich gekommen?
Jim Fanning: Wir sind nun seit fast drei Jahren in Zürich. Wir wollen nahe an unseren Kunden zu sein. Der direkte Kontakt ist wichtig, um gemeinsame Lösungen zu finden. Unser Team wächst kontinuierlich.

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Was ist in der Schweiz besonders zu beachten?
Jedes Land hat seine eigenen Regulierungen. In der Schweiz müssen wir uns nach dem Schweizer Datenschutzgesetz und den Finma-Regulierungen richten. Wir helfen den Kunden die Regulierungen zu verstehen und sich daran zu halten, wenn sie in die Cloud gehen.

Haben Sie einen bestimmten Fokus, etwa auf den Banken- oder Pharma-Sektor?
Wir haben Mitarbeiter, die auf bestimmte Branchen spezialisiert sind. Aber als Unternehmen fokussieren wir nicht auf ein bestimmtes Gebiet. Wir wollen den gesamten Schweizer Markt bedienen – vom kleinsten Startup bis zu den grössten Unternehmen in allen Industrien. Wichtig sind hierzulande aber schon die Bereiche Finanzdienstleistungen und Life-Science. Mit Novartis etwa haben wir eine spannende Zusammenarbeit.

Was tun sie mit Novartis?
Dank der Daten in der Cloud lässt sich eine gigantische Computerpower auf ein Problem ansetzen, man bekommt so viel schneller Resultate. Innert neun Stunden erzielte Novartis, wofür die computergestützte Chemie bisher 39 Jahre gebraucht hätte.

Konkret?
Es ging hier um die Suche nach Wirkstoffen gegen Krebs. Um die Forschung intern auszuführen, hätten dafür 40 Millionen US-Dollar investiert werden müssen. Tatsächlich hat Novartis aber Rechenkapazität in unserer Cloud angemietet, und dafür am Ende nicht einmal 5'000 US-Dollar bezahlt.

Früher diente die Cloud primär, um Daten zu speichern. Heute geht es eher darum, die Daten gewinnbringend zu nutzen.
Vor wenigen Jahren hatte AWS erst 18 Services in der Cloud. Heute sind es bereits mehr als 165 verschiedene. Es geht also nicht mehr nur um die Datenspeicherung. Immer mehr Kunden haben eine massive Anzahl an Daten, und daraus wollen sie Vorteile ziehen. Viele Kunden haben selbst aber nicht die Ressourcen oder die Infrastruktur, um künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen zu nutzen. Deshalb kommen sie zu uns.

Was können Sie den Unternehmen konkret anbieten?
Uns geht es nicht nur darum, Infrastruktur zu verkaufen, sondern Probleme von Unternehmen zu lösen. Und Sie bei neuen Geschäftsmodellen zu unterstützen. Diese können je nach Unternehmen ganz unterschiedlich aussehen.

AWS Fanning

Jim Fanning: Leitet seit 2016 AWS-Schweiz und baut die Standorte in Zürich und Genf laufend aus.

Quelle: ZVG

Wieso soll ein Unternehmen zu Ihnen kommen. Google oder Microsoft haben ebensogute Lösungen?
AWS startete bereits 2006, was sehr früh war. Wir bieten Cloud schon länger an als alle anderen Mitbewerber. Es gibt keinen Algorithmus, der diese Erfahrung wettmacht. Man kann nicht einen Zauberknopf drücken und auf einmal hat man das gesamte Wissen über das Cloud-Business und deren Herausforderungen.

Aber was macht AWS anders?
90 Prozent von unseren Entwicklungen basieren auf dem, was unsere Kunden verlangen. Dieser Fokus, den wir Customer-Obsession nennen, ist eine spezielle Eigenheit.

Sie haben Kunden von Startups bis zu Grossunternehmen. Inwiefern unterscheidet sich die Zusammenarbeit?
Die grossen Unternehmen haben bereits eine eigene IT-Infrastruktur. Für sie ist es viel komplexer, diese in die Cloud zu bringen. Ein Startup hingegen entsteht oft direkt in der Cloud. Wir empfehlen ihnen, nicht in eine eigene Infrastruktur zu investieren. In der Cloud, bezahlt man nur für den Dienst und die Kapazität, die man tatsächlich braucht. Und man ist jederzeit flexibel. Startups sollen sich ausprobieren können, ohne sich zu sorgen, dass es teuer wird, wenn sie scheitern.

Wo sehen sie die grösste Chance in der Schweiz?
In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden viele Firmen nicht mehr ein eigenes Datencenter betreiben und in die Cloud wechseln. Wir helfen den Kunden dahinzukommen. Wenn nun ein grosses Unternehmen in die Cloud wechseln will, fehlt ihnen oft das nötige Wissen dazu.

Die Schweiz ist ein Hochpreisland. Haben sie hier eine bessere Marche als anderswo?Nein, denn wir arbeiten auf Basis einer globalen Skala mit einem flexiblen Preismodell. Schweizer AWS-Kunden lagern ihre Daten beispielsweise in Frankfurt, Dublin oder Paris. Die Preise da sind sehr transparent.

Wann wird AWS ein Datencenter in der Schweiz eröffnen?
Das kann ich nicht sagen. Es ist aber denkbar, dass wir in der Schweiz eines in Betrieb nehmen. Die Regulationen haben sich jedoch gerade mit der EU-Datenschutzverordnung weiterentwickelt in Bezug auf Datenspeicherung. Laut den Schweizer Bestimmungen müssen Daten nicht mehr zwingend hier gespeichert werden, solange es in einem Land geschieht, das gleich hohe Standards hat.

Können Sie Zahlen zum Schweiz-Geschäft nennen?
Wir weisen nur weltweite Zahlen aus. Im Dach- sowie Zentral und Ost-Europa-Markt haben wir aber nur in Deutschland und Polen noch einen Sitz. Das zeigt die Wichtigkeit der Schweiz.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Mutterkonzern Amazon?
Für uns ist Amazon ein ganz normaler Kunde. AWS arbeitet ebenso mit Netflix und Zalando zusammen, die für Amazon Konkurrenten sind. Unsere Kunden vertrauen uns und wissen, dass wir ihre Daten niemals berühren würden. Das ist für uns oberstes Gebot.