Eine erstaunliche Stille prägt seit Wochen das ­Geschehen im Fall Aryzta, dem Gipfelibäcker aus Schlieren ZH, bei dem es im Aktionariat brodelt und die Führungscrew zur Debatte steht. Das Einzige, was man weiss: Hinter den Kulissen liefen Verhandlungen.

Hier die ­irische Führung von Aryzta, die seit der Übernahme des einstigen Schweizer Nationalbäckers Hiestand das Sagen hat. Da eine Aktionärsgruppe um den Investor Veraison, der auch schon mit forschem Auftreten aufgefallen war. Jetzt also geht es um die Zukunft des Backwarenkonzerns. Und in der Branche war man zuletzt um jeden Tag froh, an dem es nicht krachte.

Gefahr der Eskalation

Mit der Stille könnte es bald zu Ende sein. Aus verschiedenen Quellen verlautet, dass eine einvernehm­liche ­Lösung in den Gesprächen bisher nicht zustande gekommen sei. «Die Gefahr einer Eskalation nimmt nun deutlich zu», berichtet ein Kenner der Verhältnisse. Abgelehnter Vorschlag der einen Seite, abgelehnter Gegenvorschlag der anderen Seite. So geschehen in den letzten Tagen.

«Das Fenster für eine ­Einigung ist nur für eine beschränkte Zeit offen», sagt ein zweiter Insider aus Bankenkreisen. «Irgendwann müssen sich die Parteien für den Ernstfall positionieren.» Im Fall Aryzta findet der Ernstfall voraussichtlich Mitte August statt. Dann dürfte die ausserordent­liche Generalversammlung (GV) über die Bühne gehen, an der jede einzelne Stimme zählen wird.

Die Ausgangslage ist schon jetzt klar: Drei Aktionäre haben sich zu ­einer Gruppe zusammengeschlossen und sind mit ihren 18,4 Prozent Ak­tienanteil eine nicht mehr zu ignorierende Kraft. Sie verlangen die grosse Rochade im Verwaltungsrat von Aryzta, auch Präsident Gary McGann soll gehen. Die Gesellschaft ihrerseits prüft alle strategischen Optionen. Mandatiert ist die Bank Rothschild.

Der Vorwurf der Aktionäre an den heutigen Verwaltungsrat lautet zu­gespitzt: Komplettversagen. Zu viele Geschäftsfelder hätte Aryzta unter seiner Führung zugekauft, zu viel dafür bezahlt und zu lange schönen Grossmachtfantasien nachgelebt. Gleichzeitig drückt die Schuldenlast seit Jahren. Den grossen Befreiungsschlag – wie zum Beispiel den Verkauf des US-­Geschäfts – prüfte der Verwaltungsrat nie ernsthaft.

Anzeige

Dabei hätte es seriöse Angebote schon vor der letzten Kapitalerhöhung 2018 gegeben. So soll etwa ein Finanzinvestor mit Verbündeten aus der Industrie zwischen 1,2 und 1,8 Milliarden Dollar für das US-Geschäft offeriert haben. Offenbar mit Nachdruck. Doch davon erfuhren die Ak­tionäre nichts. Immer hiess es, es lägen keine Angebote vor, der eingeschlagene Weg sei alternativlos. Deswegen ist das Vertrauen in den heutigen Verwaltungsrat auch bei den kleineren Aktionären nicht mehr grenzenlos.

24 Prozent weniger Umsatz

Krisenmodus: Wegen der Corona-Krise sanken die Umsätze von Aryzta zwischen Februar und Ende April um minus 24 Prozent. Im Mai schloss das Unternehmen acht Produktionsstandorte in Europa und den USA. Hauptziel: Sicherung der Liquidität.

Schulden: Aryzta ist immer noch hoch verschuldet. Um die Bedingungen der Banken nicht zu verletzen, wurde mit den Gläubigern vereinbart, die Kreditrichtlinien zu lockern und ein Schulden-zu-Gewinn-Verhältnis von 6 zuzulassen. Dieses kann Aryzta laut UBS einhalten, wenn der Umsatz über das Jahr maximal um 15 Prozent einbricht.

Jetzt, da die Gespräche hinter den Kulissen nicht fruchten, nimmt die Hektik an verschiedenen Orten zu. Gary McGann suche einen Weissen Ritter, wird in der Finanzbranche kolportiert. Eine neuerliche Kapital­erhöhung sei ebenfalls Gegenstand der Planspiele beim Konzern. Was der Verwaltungsrat und die Rothschild-­Berater wirklich vorhaben, steht allerdings noch nicht fest. So richtig entspannt können aber auch die revol­tierenden Aktionäre nicht auf einen Showdown im August warten. Ein epischer, womöglich anhaltender Machtkampf bände überall Kapazitäten und würde letztlich auch dem Unternehmen schaden. Und so sind die angestrebten Ziele der Aktionärsgruppe, des Präsidenten und des Chefs von Aryzta trotz allem irgendwie miteinander verknüpft.

Das beginnt bei McGann. In der Schweiz wird er bisweilen verkannt als blosser irischer Statthalter. Dabei ist McGann eine Ikone in seinem ­Heimatland. Bestens vernetzt, überall ­dabei und in der Wirkung eine Kom­bination von Hans Hess (Swiss­mem-Präsident und Multiverwaltungsrat) und Valentin Vogt (Arbeitgeberverbandspräsident). McGann hat vor allem etwas zu verlieren: seinen Ruf. Würde er bei Aryzta seines Amtes enthoben, wäre das eine Schmach. Seinen Einfluss sollte niemand unterschätzen. Will man ihn für eine friedliche Lösung gewinnen, muss er sein Gesicht wahren und den Vorschlag gutheissen können.

Kevin Toland ist die zweite Schlüsselfigur. Er kam 2017 als unbelasteter Joker von aussen, um die schon damals arg schlingernde Aryzta als Chef auf Kurs zu bringen. Sein Marken­zeichen: Optimismus versprühen. ­Zunächst wollte er den Konzern ohne Kapitalerhöhung sanieren – vergeblich. Dann stellte er einen zügigen Turnaround in Aussicht – davon ist Aryzta nicht nur wegen Covid-19 weit entfernt. Und dennoch: Keiner kennt das Unternehmen und seine wich­tigen Kunden inzwischen so gut wie Toland. Würde er wegfallen, nähme die Unsicherheit zu. Das will in dieser Phase niemand. Was der Situation Brisanz verleiht: Toland und McGann stehen sich nahe. Sie wohnen in der gleichen Nachbarschaft und auch sonst sind sie schon als Gespann aufgetreten, wie aus irischen Quellen zu erfahren ist. Es ist nicht abschätzbar, ob der Chef an Bord bliebe, wenn der Präsident desavouiert würde.

Noch gibt es eine Schnittmenge

Die Aktionärsgruppe schliesslich ist auf dem Papier am Drücker. 18,4 Prozent sind es bereits heute und es könnten noch mehr werden. Die ­finanziellen Mittel hierfür sollten vorhanden sein. Veraison jedenfalls hat zuletzt seine Position bei Comet abgebaut und dürfte über weitere Reserven verfügen. Zudem scheint der 4-Prozent-Aktionär J O Hambro Capital Management den Anliegen der Aktionärsgruppe zugetan. Ganz sicher kann sich die Aktionärsgruppe trotzdem nicht sein. An einer umstrittenen GV könnten mehr Aktionäre auftauchen als üblich. Und eben: Je weniger Geschirr zerschlagen wird, desto leichter gelingt der Turnaround.

Anzeige

Noch ist eine weitere Verhandlungsrunde zwischen den Kontrahenten nicht ausgeschlossen, denn es existiert eine Schnittmenge ihrer Vorstellungen. Unbestritten ist, dass die von der Aktionärsgruppe vorgeschlagenen neuen Verwaltungsräte fachliche Expertise mitbringen. Und sollte der Verwaltungsrat nach der Strategieüberprüfung guten Willen zeigen und beispielsweise signalisieren, dass die enorm hohe Last der Hybridanleihe rasch verringert wird, dürften auch von Aktionärsseite Zugeständnisse möglich sein. Denkbar ist, dass McGann Zeit für seinen geordneten Rückzug und den Aufbau eines externen neuen Präsidenten erhält. «Aber wie durch Butter wird jetzt nichts mehr gehen», äussert sich ein Aktionär.