Abgesagte Konzerte, gestrandete Touristen, Produktionsausfälle. Bleiben die Kosten der Corona-Krise an den Versicherern hängen? Droht ihnen eine Schadenwelle? Viel zitiert wird derzeit ein Absatz aus dem soeben publizierten Jahresbericht von Munich Re. Im «sehr unwahrscheinlichen Fall» einer Pandemie, wie sie statistisch nur alle zweihundert Jahre vorkommt, rechnet man im Bereich Leben und Gesundheit mit einem Schaden von maximal 1,4 Milliarden Euro.

Das tönt nach viel. Es sei aber so viel wie ein «mittleres Naturkatastrophenszenario», schreibt der Rückversicherer.

Im Bereich Schaden erwartet Munich Re Kosten im tiefen bis mittleren dreistelligen Millionen-Bereich. Dem Vernehmen schlüge sich hier vor allem die Absage der Olympischen Spiele in Japan durch – mit der mittlerweile ernsthaft gerechnet wird.

Swiss Re: Noch zu früh für Aussagen

Zum Rückversicherer Swiss Re – vor Munich Re der weltweit grösste Rückversicherer – liegen derzeit keine Aussagen vor. Dafür sei es im Moment noch zu früh, sagt ein Sprecher auf Anfrage von HZ. ZKB-Analyst Georg Marti schätzt die Kosten auf ein ähnliches Niveau wie bei Munich Re; im «tiefen bis mittleren dreistelligen Millionen-Bereich».

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Um die Zahlen in eine Relation zu setzen: 2019 bezahlte Munich Re knapp 40 Milliarden Euro an Leistungen aus. In den vergangenen Jahren schwankten diese Zahlungen – auch ohne Pandemie – in einem Bereich von etwa sieben Milliarden Euro.

Bei den Rückversicherern landen vor allem Grossrisiken, die von Erstversicherern wie Zurich, Baloise oder Mobiliar nicht selbst getragen werden können. Die Erstversicherer dürften vor allem im Bereich der Reiseversicherungen von der Corona-Pandemie betroffen sein, wie Bâloise-Chef Gert de Winter vergangene Woche an der Bilanzmedienkonferenz sagte. Er rechnete damals, dass sein Unternehmen mit Kostenfolgen im «tiefen zweistelligen Millionenbetrag» konfrontiert sein könnte.

Viele Gründe dafür, dass Versicherungen nicht zahlen

In vielen Fällen dürfte die Kosten der Coronapandemie jedoch nicht von den Versicherungen gedeckt sein. Aus mehreren Gründen:

  • Bei Betriebsunterbruch-Versicherungen für Unternehmen sind Krankheits-Epidemien und Pandemien in der Regel ausgeschlossen, oder sie werden nicht explizit als Ursache für eine Zahlung genannt. Versicherer bezahlen nur wenn es in den Unternehmen zu konkreten Schäden wie Feuer oder Wassereinbrüchen kommt.
  • Im Bereich Krankentaggeld-Versicherung, die den Lohnausfall kranker Mitarbeiter deckt, gelten oft Karenzfristen, die über die übliche Dauer einer Corona-Erkrankung hinaus gehen. Lediglich bei schweren Erkrankungen könnte es hier zu Kostenfolgen kommen.
  • Auch Reise- und Event-Versicherungen schliessen Pandemien in der Regel generell aus. Auch Absagen aufgrund behördlicher Reiseverbote sind meist nicht gedeckt, da solche politischen Entscheide in den meisten Policen ausgeschlossen sind. Bezahlt wird in der Regel nur, wenn der Versicherte selbst erkrankt – wobei es derzeit einen breiten Kulanzbereich zu geben scheint, der von Versicherer zu Versicherer höchst unterschiedlich ausgelegt wird.
  • Lebensversicherer müssen wegen Todesfällen kurzfristig womöglich mit zusätzlichen Zahlungen rechnen. Allerdings dürften sich diese Summen nicht in einem Bereich bewegen, der für die Gesellschaften existenziell wird. Und gleichzeitig könnte es auch zu Einsparungen kommen, wenn Rentner wegen Corona frühzeitig versterben.

Gefahren liegen eher am Kapitalmarkt

Am ehesten leiden die Versicherer denn auch nicht im technischen Versicherungsgeschäft, sondern unter den Verlusten an der Börse. Zwar halten die meisten nur wenige Aktien – und dies meist auch abgesichert gegen grosse Verluste. Hingegen liegen grosse Vermögensteile in Obligationen, und dort oft auch in solchen mit tieferen Ratings im Bereich BBB.

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«Sollte es tatsächlich zu Ausfällen solcher Bonds kommen, müssten die Versicherer wahrscheinlich massgebliche Verluste hinnehmen», sagt ZKB-Analyst Marti. «Die höheren Credit-Spreads bedeuten im Moment aber vor allem Marktwertverluste, die sich in einer tieferen Eigenmittelausstattung zeigen werden. Die Spreads können sich aber auch wieder verringern, womit sich die Marktverluste wieder aufheben würden.»

Die Versicherungswirtschaft beobachte die Entwicklung aufmerksam und beurteilte die Situation laufend, sagt Takashi Sugimoto vom Schweizerischen Versicherungsverband SVV. «Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch nicht möglich, die effektiven Auswirkungen des Coronavirus für die Versicherungswirtschaft zu beziffern.»

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