Bei der Impfstoff-Forschung macht sich vorsichtiger Optimismus breit. Anthony Fauci, Chef des US-National Institute of Allergy and Infectious Diseases und damit eine Schlüsselfigur bei der Bekämpfung von Covid-19, ist «hoffnungsvoll», dass bereits im kommenden Winter ein Impfstoff gegen das neue Coronavirus zur Verfügung stehen könnte. Er hoffe, dass «wir wissen werden, ob wir einen sicheren und wirksamen Impfstoff haben werden, wenn der Winter kommt», sagte er bei einem Anlass des «Economic Club of Washington»

Die Aussage geht in die gleiche Richtung wie die Einschätzung der Coalition for Epidemic Prepardness Cepi von dieser Woche, ebenfalls eine berufene Stimme. Die Organisation in Oslo, die von mehreren Regierungen und der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt wird, ist ein zentraler Akteur in der globalen Impfstofforschung; sie sagt, dass für besonders gefährdete Personengruppen – etwa das Gesundeitspersonal – nun doch schon in diesem Jahr ein Impfstoff zur Verfügung stehen könnte.

Die Unternehmen ziehen an einem Strick

Die Cepi, die eine Milliarde Dollar für die Covid-19-Impfstoffforschung mobilisiert hat, war bisher wie die WHO und andere davon ausgegangen, dass selbst ein Zeithorizont von 12 bis 18 Monaten ambitioniert sei.

Doch dabei sei man nicht davon ausgegangen, dass die Unternehmen so eng zusammenarbeiten würden, um den Prozess zu beschleunigen, sagte Cepi-Chef Richard Hatchett gemäss «Bloomberg» im Gespräch mit Journalisten. Auch habe man nicht erwartet, dass die klinischen Studien so schnell ausgerollt würden.

Er wolle keine übertriebene Erwartungen wecken, doch einige der von der Cepi unterstützten Impfstoffe könnten noch diesen Frühling oder im Sommer in die zweite Phase der klinischen Prüfung kommen, sagte Richard Hatchett. Das bedeute, dass ein erster Impfstoff noch 2020 zur Verfügung stehen könnte.

Impfstoffe müssen in drei klinischen Studienschritten auf ihre Sicherheit und Wirksamkeit getestet werden.

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Wie produziert man einen Impfstoff für Milliarden?

Gleichzeitig warnte Donald Trumps Chef-Immunologe Anthony Fauci, dass die Entwicklung des Impfstoffs nicht der letzte Schritt sei. Wenn der Impfstoff da sei, dann werde die Herausforderung darin liegen, die Produktion hochzufahren und dafür zu sorgen, dass er allen, nicht nur den reichen Ländern, zur Verfügung stehen werde.

Klar ist: In der Covid-19-Impfstoffforschung werden gerade bislang eherne Gesetze der Medikamenten-Entwicklung ausser Kraft gesetzt. Forschungs- und Entwicklungsprozesse, die sonst Jahre dauern, werden in Monaten durchgepeitscht. Trotzdem war die vorherrschende Meinung bis jetzt, dass es mindestens 12 bis 18 Monate dauern wird, bis ein Impfstoff gegen das neue Coronavirus Sars-CoV-2 zur Verfügung steht.

So sagte etwa Roche-Konzernchef Severin Schwan vor ein paar Tagen, das wahrscheinlichste Szenario sei leider, dass vor Ende 2021 keine Impfung verfügbar sein werde.

 

Doch nun überstürzen sich die Ereignisse, täglich gibt es Meldungen, wonach bisherige Fahrpläne beschleunigt werden. So will der US-Pharmakonzern Pfizer bereits nächste Woche in den USA mit Tests an Probanden beginnen. Der Impfstoff sei womöglich bereits im Herbst für eine Notfallzulassung bereit.

Pfizer arbeitet mit der deutschen Biontech zusammen, einem führenden Impfstoff-Unternehmen in Europa. Der Impfstoff wird im Rahmen einer kombinierten Phase-I/II-Studie getestet. Eine erste Kohorte der Studie mit zwölf Studienteilnehmer wurde bereits abgeschlossen, wie das Unternehmen aus Mainz mitteilt. Es handelte sich dabei um die ersten Impfstoff-Tests an Probanden in Deutschland.

Die Kohorte zur Dosisfindung der Phase-1/2-Studie werde ungefähr 200 gesunden Probanden im Alter von 18 bis 55 Jahren einschliessen und einen Dosisbereich von 1µg bis 100µg umfassen, schreibt das Unternehmen. Probanden mit einem höheren Risiko für einen schweren Verlauf einer COVID-19-Infektion würden erst im zweiten Teil der Studie aufgenommen.

Erfolgsnachrichten im Tages-Takt

Auch von Moderna, dem Impfstoffjäger der ersten Stunde aus Cambriged, Massachusetts, gibt es gute Nachrichten. Das Unternehmen ging im März als weltweit erstes Unternehmen in Tests an Menschen. Nun will es seinen Impfstoff-Kandidaten im Rahmen einer Phase-II-Studie an  600 Probanden testen. Die Planungen für die abschliessende Studie in der Phase 3 liefen, der Start sei für den Herbst 2020 geplant.

Die Aktien legten im vorbörslichen Handel in den USA UM 7,1 Prozent zu. 

Erst machen, dann testen

Neuigkeiten gibt es zudem bei dem ebenfalls von der Cepi und der britischen Regierung unterstützten Impfstoffprojekt der University of Oxford. Einem Bericht der «New York Times» zu Folge, wurde der Impfstoff erfolgreich an Affen getestet. 

Zudem beginnt das indische Serum Institute beginnt bereits mit der Produktion des Impfstoffs aus Oxford – obwohl erst im September feststehen wird, ob das Mittel überhaupt sicher und wirksam ist.

«Wir wollen nicht warten, bis die klinischen Studien zu Ende sind», zitiert «The Times of India» Adar Poonawalla, den CEO des Serum Institutes in Pune. Das Unternehmen will beim der klinischen Tests 20 bis 40 Millionen Impfstoffdosen bereit stellen können. Die Produktion geschehe auf eigenes Risiko, sagte der CEO – und er nannte bereits einen Preis: Rund 1000 Rupien pro Dosis, also knapp 13 Franken.

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Auch dieses Vorgehen zeigt, dass sich das Augenmerk immer mehr auf die Frage richtet, wie ein Impfstoff möglichst schnell in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt werden kann – sollte sich ein Impfstoff-Kandidat als sicher und wirksam erweisen.

Unternehmen wie J&J, die ebenfalls an Impfstoffen forschen, haben bereits angekündigt, dass sie mit Blick auf eine mögliche Zulassung durch die Behörden bereits die Produktionskapazitäten hochfahren. Auch dies geschieht auf eigenes Risiko.