Cathie Wood, vor zwei Jahren sagten Sie, dass die Tesla-Aktie auf 7000 Dollar steigen würde, was heute, nach Aktiensplit, 1400 Dollar entspricht. Damals waren die Titel nicht mal bei 100, jetzt bei rund 410 Dollar.
Ich bin heute noch überzeugter von der Tesla-Aktie als damals.

Weil der Kurs gestiegen ist?
Vor allem weil der Marktanteil von Tesla nicht gefallen, sondern gestiegen ist.

Sie gingen davon aus, dass der Marktanteil von Tesla fallen würde?
Ja, von 17 auf 11 Prozent.

Weil viele andere Autohersteller in den Markt für Elektroautos drängen würden.
Insbesondere in China. Aber im Jahr 2019 ist der globale Marktanteil von Tesla auf 23 Prozent gestiegen. In den USA ist er bei 80 Prozent. Das hatten wir nicht erwartet.

Tesla könnte Fahrern ein Angebot machen: Ihr zahlt uns zwischen 5000 und 7000 Dollar, wir geben euch einen Model 3.

Sonst noch etwas?
In der Prognose damals war nicht enthalten, dass Tesla einen Fahrdienst wie Uber und Lyft aufbauen wird.

Wie?
Tesla könnte Fahrern ein Angebot machen: Ihr zahlt uns zwischen 5000 und 7000 Dollar, wir geben euch einen Model 3.

Das Auto kostet neu rund zehnmal so viel.
Der Rest könnte mit Fahrdiensten abgestottert werden.

Tesla wird an den Erträgen aus den Fahrten beteiligt. Ist das attraktiv für die Fahrer?
Ja, der Model 3 hat drei Jahre nach dem Kauf erst 10 Prozent an Wert eingebüsst, während es bei Autos von anderen Marken eher 50 Prozent Wertverlust sind.

Das senkt die Kosten für die Fahrer massiv.
Und Tesla kommt an sehr viele Daten, denn sie werden dauernd herumfahren.

Tesla stellt nicht nur Autos her, sondern ist auch im Energiespeichermarkt.
Das ist in unserem Kursziel nicht einberechnet, sondern nur der Automarkt.

Wie bitte?
Das Angebot an Batterien wird bald sehr knapp sein. Deswegen wird Tesla den Einsatz im Auto favorisieren. Zudem wird Tesla mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent bis in fünf Jahren selbstfahrende Autos auf dem Markt haben.

Technologisch möglich, aber wegen ethischer Einwände kaum so bald erlaubt.
Die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) kam zum Schluss, dass Unfälle mit den Systemen von Tesla 40 Prozent weniger wahrscheinlich werden.

Die NHTSA schreibt die Sicherheitsvorschriften in den USA.
80 bis 90 Prozent der tödlichen Autounfälle sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Und der Regulator hat festgestellt, das Tesla-Autos Leben retten.

Was ist, wenn der Tesla-Autocomputer entscheiden muss, ob er ein Kind auf der Strasse oder den Fahrer töten soll?
Ich bin sicher, dass es Unfälle geben wird, wo wir die Entscheidung der Maschine unethisch finden. Aber das viel wichtigere Fazit ist: Selbstfahrende Autos werden jeden dritten tödlichen Unfall verhindern, also Leben retten. Global würden wir bis
zu 1,25 Millionen Leben retten.

Das soll die Öffentlichkeit überzeugen?
Je mehr Daten Tesla sammeln und den Regulatoren zur Verfügung stellen kann, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass autonomes Fahren genehmigt wird.

Ja, schon.
In Zukunft werden autonome Taxinetzwerke in Gebiets-Monopolen arbeiten. Durchsetzen werden sich jene Firmen mit der höchsten Datenqualität und der besten Expertise für künstliche Intelligenz.

Die beste Investorin der Welt

Catherine Wood (64) ist Gründerin, CEO und Chefinvestorin von ARK Invest mit Sitz in New York. Mit über 30 Mitarbeitenden verwaltet sie mehr als 10 Milliarden Dollar. 5 Milliarden alleine im Flaggschifffonds, im ARK Innovation Fund, einem aktiv verwalteten ETF. Seit der Gründung im Jahr 2014 hat sie damit per Ende Juni 2020 eine jährliche Rendite von fast 27 Prozent erreicht. Das ist mehr als 99 Prozent der Konkurrenten – globale Aktienfonds mit mehr als 1 Milliarde Dollar Vermögen. Die grössten Positionen per Ende August sind: Tesla, Invitae, Square, Crispr Therapeutics, Roku, Proto Labs, 2U und lllumina.

Cathie investiert nur in Firmen, die disruptive Innovationen vorantreiben. Ihre Fonds kämen einem Risikokapitalfonds so ähnlich, wie man mit börsengehandelten Aktien könne. Vor ihrer Zeit bei ARK war sie zwölf Jahre beim Vermögensverwalter AllianceBernstein als Chefinvestorin für globale thematische Strategien. Sie geht sehr offen mit ihren Analysen um. Wer nach «ARK Tesla Github» googelt, findet das Tesla-Bewertungsmodell. Dort kann man die Eingaben anpassen und schauen, welcher Wert für Tesla sich daraus ergibt.

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Tesla?
Ja, in Amerika. Wir wissen nicht, wer es in Europa sein wird. Es sieht so aus, dass Volkswagen die strategische Richtung von Tesla einschlägt: eine vertikal integrierte Batterie-System-Fabrik.

Und in China?
Es könnte Nio sein. Aber wir denken, die Firma ist nicht richtig organisiert, nicht vertikal integriert. Trotzdem könnten die es schaffen, mithilfe vom Staat.

Und Tesla?
Tesla wird sich in China kaum durchsetzen. Die werden dort vielleicht 10 Prozent des Marktes erobern, wenn überhaupt.

Das Kursziel bleibt bei 1400 Dollar?
Das ist unser Basisszenario. Im Bull-Case steigt die Aktie auf 3000 Dollar.

Wie bitte?
Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit auf 25 Prozent, dass sie in den nächsten fünf Jahren auf 3000 Dollar oder mehr steigt.

Catherine Woods Investorin

«Firmen und Menschen sind viel eher bereit, sich zu verändern, wenn sie in einer Krise sind – wie jetzt, wenn sie keine Wahl haben.»

Quelle: ZVG

Sie haben viele erfolgreiche Investments. Aber unter den grossen Positionen  fällt mir die Firma Stratasys auf, die auf 3D-Drucker spezialisiert ist. Dort blieb  der Erfolg aus.
Wir befinden uns in einer langen Phase, in der sich die Aktie in einer Handelsspanne zwischen 10 und 39 Dollar bewegt. Wir kaufen zu, wenn sie am unteren Ende ist, und verkaufen oben. So generieren wir Zusatzrenditen zur Kaufen-und-Halten-Strategie. Aber letztlich glauben wir, die Aktie wird nach oben ausbrechen.

Im Moment ist die Aktie eher am unteren Ende dieser Handelsspanne.
Immer wenn der Ausbruch nach oben greifbar wird, tauchen neue Probleme auf. Die Firma hat eine überragende Position in der Luftfahrtbranche.

Die ist wegen Covid-19 am Boden.
Das ist auch ein Grund zur Hoffnung. Die Fluggesellschaften müssen jetzt Wege finden, Kosten zu senken und produktiver zu werden. Genau das bietet Stratasys.

Die Stratasys-Aktie war mal über 100 Dollar wert im Jahr 2014.
Ja, das war eine Bubble rund um das Thema, dass die Konsumenten bald 3D-Drucker zu Hause haben würden. Ich habe nie an die Story geglaubt. Die Kosten sind noch viel zu hoch dafür.

3D-Drucker schaffen in der Luftfahrt- und Automobilindustrie sowie im Gesundheitswesen Wert. Stratasys hat eine sehr gute Position in der Luftfahrt- und der Automobilindustrie sowie bei der Zahnmedizin.

Was ist Ihr Kursziel für Stratasys?
Im Basisszenario liegt es bei 114 Dollar.

Das wäre rund eine Verachtfachung.
Das Ziel ist auf fünf Jahre in die Zukunft.

Sie haben auch viele Aktien im Gesundheitssektor. Eine Ihrer grössten Positionen ist die Biotech-Firma Invitae.
Dort wachsen DNS-Sequenzierung und künstliche Intelligenz zusammen. Bald können wir Mutationen im Genom von jedem Einzelnen identifizieren, weil die Kosten dafür so tief fallen.

Das heisst?
Mutationen sind das Frühstadium von Krankheiten. Wir werden Krebs im ersten Stadium erkennen können. Wahrscheinlich sogar Vorstufen. Ihr Arzt wird sehen, welche Ihrer Gene mutiert sind, seit Sie das letzte Mal beim ihm waren, und eine da rauf ausgerichtete Therapie anbieten.

Was ist dabei die Rolle von Invitae?
Wir glauben, Invitae hat die am weitesten fortgeschrittene Technologie, um dahin zu kommen, und auch die beste Informa tionsqualität der Welt. Die Firma hat eine aussergewöhnliche Position in der Gen-Revolution. Da kommen nicht nur Gen-Sequenzierung und künstliche Intelligenz zusammen, sondern auch Gen-Veränderung mittels der Methode Crispr.

Da sind Sie in die Firma Crispr investiert.
Ja, Crispr Therapeutics ist unsere viertgrösste Position. Wenn eine Mutation identifiziert ist, wird mit der Methode Crispr der Fehler im Genom korrigiert.

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So werden Krankheiten geheilt.
Wir sehen jetzt schon in Versuchsphasen erste Erfolge bei Menschen. Da gibt es den Fall von Victoria Gray, die sich in Nashville mittels Crispr behandeln liess.

Sie hatte Sichelzellanämie.
Sie lebt jetzt ohne Bluttransfusionen.

Und auch ohne die Schmerzen, die bei Sichelzellanämie ausgelöst werden.
Bei einer anderen Person wurde Beta-Thalassämie behandelt. Es geht bisher um Krankheiten, die auf einem Gen liegen, monogenetische Erkrankungen. Von denen können nur 5 Prozent behandelt werden.

Das sollen mit Crispr mehr werden?
Es wird vielen Kindern helfen. Heute kommt eines von hundert Kindern mit einer monogenetischen Erkrankung auf die Welt.

Was verstehen Sie unter «Gen-Revolution»?
Die Firma Illumina hat die Gensequenz von Covid-19 in zwei Tagen identifiziert. Im Jahr 2003 dauerte es noch fünf Monate, um Sars zu sequenzieren.

Aktien von Illumina sind auch in Ihrem Flaggschifffonds. Eine weitere Topposition ist die Fintech-Firma Square.
Ja, das Kursziel dort ist 374 Dollar.

Wir sind bereit, Kontroversen auszuhalten, wenn eine Firma viel in die Zukunft investiert.

Das wäre mehr als eine Verdoppelung.
Die Firma bietet eine Bank in der Hosen tasche. Im Vergleich zu traditionellen Banken hat Square viel tiefere Kosten für die Kundenakquisition. Während es Square 20 Dollar kostet, einen Kunden für das digitale Portemonnaie zu gewinnen, kostet es traditionelle Banken 350 bis 1500 Dollar.

Square ist sehr erfolgreich in den USA.
Die Firma hat monatlich mehr digitale Nutzer als jede andere Bank in den USA.

Ja, schon, aber die Firma ist auch sehr hoch bewertet an der Börse, ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von weit über 300, bei Tesla liegt es über 1000.
Unsere Firmen sind so hoch bewertet, weil sie in die Zukunft investieren. Wir haben einen langen Anlagehorizont. Das ist eine unserer Stärken. Wir sind bereit, Kontroversen auszuhalten, wenn eine Firma viel in die Zukunft investiert. Wir mögen das.

Andere nicht so.
Die wenigsten mögen das. So können wir oft in Aktien investieren, die aus kurzfristigen Gründen verkauft werden.

Was sind Neuzugänge im Portfolio?
Huya, eine chinesische Firma im Game-Streaming, einer der schnell wachsenden Unterhaltungsindustrien. Und Docusign, die elektronische Signaturen anbietet.
Die Beglaubigung von Dokumenten wird so viel einfacher.

Ist das so eine grosse Sache?
Firmen und Menschen sind viel eher bereit, sich zu verändern, wenn sie in einer Krise sind – wie jetzt, wenn sie keine Wahl haben. Das hat Docusign in eine sehr wichtige Position katapultiert.

Sie schauen auch Kryptowährungen an.
Wir sind extrem positiv für Bitcoin und positiv für Ethereum. Bitcoin ist die Reservewährung der Kryptos.

Heute sind alle Bitcoins zusammen 200 Milliarden Dollar wert. Wie geht es weiter?
Wir glauben, ultimativ geht die Marktkapitalisierung auf mehrere Billionen Dollar.

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