V, U oder L: Welche Entwicklung der Schweizer Konjunktur ist – bildlich gesprochen – aus heutiger Sicht wahrscheinlich?
Man bekommt den Eindruck, der Markt «spielt» eine sehr schnelle V-förmige Erholung. Das scheint uns angesichts der bereits eingetretenen Schäden und der hohen Unsicherheit recht optimistisch.

Für realistischer halten wir eine Erholung, die zwar im 3. Quartal startet, aber wohl etwas länger braucht, um uns wieder auf die Ausgangsgrössen zurückzubringen. Die Erholung könnte sich also mehr wie ein «Wurzelzeichen» darstellen.

Wichtig ist, dass die Wirtschaftsakteure ihre Zuversicht wieder zurückerlangen und die Nachfrage ankurbeln, wenn die Märkte wieder geöffnet sind. Eine zweite Welle mit erneuten «Shut-downs» verträgt es allerdings nicht. 

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Christian Zogg ist Stv. Geschäftsführer der LLB Asset Management AG in Vaduz und verantwortlich für den Bereich Equity & Fixed Income der LLB-Gruppe, die in Liechtenstein, der Schweiz, Österreich und im Nahen Osten vertreten ist.

Quelle: ZVG

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Unternehmen, die regelmässig Dividende ausschütten, sind bei Anlegern beliebt. Ist es ratsam, solche Dividendentitel zu halten, wenn viele Unternehmen heuer auf Ausschüttungen verzichten?
Die wirtschaftliche Situation im laufenden Jahr und wohl auch 2021 wird sicher dazu führen, dass Unternehmen ihre Ausschüttungen einschränken oder ganz suspendieren werden.

Die Firmen-Verantwortlichen tun sicher gut daran, jetzt ihre Cash-Reserven greifbar zu halten, um nicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt den Kapitalmarkt bemühen zu müssen.  

Die meisten Unternehmen werden mit der Zeit wieder zu ihrer alten Dividendenpolitik zurückfinden. Ein Anleger sollte seine Anlagestrategie nicht wegen eines ausserordentlichen Ereignisses über Bord werfen.

Wir verfolgen selbst teilweise auch dezidierte Dividendenstrategien in Fondsprodukten (mit nachweislichem Erfolg) und halten weiter daran fest. Im Einzelfall kann es bedeuten, dass man sich vom einen oder anderen Unternehmen trennen muss, wenn dessen Zukunftsperspektiven nicht mehr gegeben sind.

Der Preis für Rohöl ist eingebrochen. Unter welchen Voraussetzungen wird sich der Rohstoffpreis wieder deutlich erhöhen?
Der abrupte Nachfrageschock hat an den Ölmärkten zu einer wahrlich spektakulären Preisbildung bis zu negativen Future-Preisen für die demnächst fälligen Liefertermine geführt, von denen Konsumenten aber nicht wirklich profitieren können.

Insbesondere die geringen Lagerkapazitäten und die damit in Zusammenhang stehenden panischen Verkäufe von Öl-Futures führten im US-Markt zu dieser grotesken Situation. Wenn sich die Volkswirtschaften wieder aufrappeln, Autos fahren und Flugzeuge fliegen, wird sich auch das Geschehen an den Ölmärkten normalisieren. Wir erwarten aber auch in näherer Zukunft eher tiefe Preise und eine erhöhte Volatilität.

Sie äusserten sich im Januar positiv zu UBS und CS. Hat sich Ihre Sicht auf die Grossbanken verändert, nachdem diese die Erstquartalsergebnisse präsentierten?
Die Finanzwerte, Banken und Versicherungen, haben in diesem Bärenmarkt sehr stark gelitten. Die Aktie der UBS hat allerdings nur rund die Hälfte dessen verloren, was der gesamte europäische Branchensektor eingebüsst hat. 

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Das erste Quartal hat gezeigt, dass die Ergebnisse, angetrieben durch ein hohes Transaktionsvolumen, erstaunlich gut waren. Zum ersten Mal seit über 10 Jahren spielen Rückstellungen für Kreditausstände eine wichtige Rolle in den Kommentaren. Wir empfehlen, in einem Portfolio mit Schweizer Aktien sowohl UBS als auch CSG relativ zum Swiss Performance Index (SPI) leicht überzugewichten.

Die Auswirkungen des Corona-Virus dominieren seit Anfang März das Börsengeschehen - ist dies weiterhin der Fall?
An den Finanzmärkten gibt es derzeit eigentlich nur ein Thema: Covid-19 und seine Folgen. Die Volkswirtschaften sind mit Regierungsbeschlüssen praktisch ins künstliche Koma versetzt worden, und es stellt sich die Frage, wie kommen wir möglichst rasch wieder aus diesem Zustand heraus.

Nachdem es in der ersten Phase ein Angebotsschock war, weil die Produktion weitgehend heruntergefahren werden musste, droht mit zunehmender Fortdauer ein daran anschliessender Nachfrageschock. Derzeit läuft die Berichterstattung der Unternehmen zum abgeschlossenen ersten Quartal.

Teilweise sind die Zahlen gar nicht so schlecht. Man muss aber bedenken, dass Aufträge und Umsätze im ersten Quartal meist auf Entscheiden beruhen, die noch im vergangenen Jahr getroffen wurden. Den wirklichen Schaden werden wir wohl erst mit Abschluss der Halbjahreszahlen sehen. Ob der Markt nach der recht schnellen Teilerholung über die nächsten Monate seinen Optimismus beibehält, wird sich erst noch zeigen müssen.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Der Schweizer Aktienmarkt dürfte sich etwas weniger volatil als andere Aktienmärkte bewegen, da die Index-Schwergewichte in dieser Marktphase sehr viel Stabilität verleihen. Sollte sich das Konjunkturszenario wieder verschlechtern, wäre der Schweizer Aktienmarkt im internationalen Vergleich weiterhin ein Outperformer.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
In einer Bandbreite von 10'500 bis 11'000 Punkten. Das Aufwärtspotenzial scheint uns nach der bereits starken Erholung eher begrenzt.  Die gute Performance ist primär den defensiven Schwergewichten aus Pharma und Basiskonsum geschuldet.

Diese Titel sind denn auch dafür verantwortlich, dass wir nur noch rund 5 Prozent unter Jahresbeginn notieren. Das unterscheidet das schweizerische Börsenbarometer markant von anderen europäischen Börsenindizes, die deutlich zyklischer aufgestellt sind.

Das Interview wurde schriftlich geführt.