Thomas Klühr will Ende des Jahres aufhören als Swiss-Chef, seit fünf Jahren war er in Kloten an Bord, mehr als dreissig Jahre ist er schon beim Lufthansa-Konzern. Schon länger hatte er vor, abzutreten. Das bestätigen mehrere Quellen. Dann kam die Corona-Krise, alle drängten Klühr, doch noch zu bleiben.

Klühr, geboren 1962, erreicht bald die 60-Jahre-Grenze, ein Alter, in dem Topführungskräfte bei der Lufthansa sowieso ihr Amt an einen Nachfolger übergeben. Jetzt, da Klühr bald das Zepter weiterreicht, stehen viele Aufgaben an, zumal die Swiss in ihrer bisher grössten Krise steckt. Eine entspannte Übergabe an die nächste Führungskraft ist es allerdings nicht. Dies sind die grössten Baustellen und Herausforderungen für die Swiss:

1. Die Nachfolge schnell regeln

Eigentlich läuft es bei Lufthansa und Swiss eher geordnet: Geht der Chef, ist klar, wer übernimmt. Doch nun herrscht Verwirrung, wer es werden soll. Ein Schweizer? Inklusive bester Connection in heimische Wirtschaft und Politik? Beste Aviatik-Fachkenntnisse sind sowieso nötig. Ebenso der Mut, unbequeme Entscheide zu treffen. Ein Deutscher vielleicht? Ein Gesandter aus Frankfurt ohne Mundart-Expertise?

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Das dürfte weniger gut kommen. Ziemlich gute Karten für die Klühr-Nachfolge hat Swiss-Finanzvorstand Markus Binkert. Er wurde schon längere Zeit für den CEO-Posten aufgebaut, für ihn spricht vieles. Mal sehen, ob er will, kann und auch darf.

2. Die Swiss neu aufstellen

Die Corona-Krise trifft die Aviatikbranche mit voller Wucht. Und die Krise ist nicht, wie viele gehofft haben, bald verschwunden. Aussicht auf Besserung? Nach dem Sommer sollte es ja stetig aufwärtsgehen. Doch bei Swiss und Lufthansa sagen sie mittlerweile: Vielleicht 2024 oder 2025 wird es so sein wie früher. Bis dahin steht Schrumpfen und Sparen auf dem Programm. Und ganz viel Unsicherheit, die Planungen unmöglich macht und viel Flexibilität erfordert.

Flugpläne, Einreiseregeln, Flugpreise, Personalpläne und Kundenwünsche – nichts ist wirklich absehbar. Auf das alles muss die Swiss eine Antwort finden. Zum einen gegenüber der Kundschaft, aber auch nach innen: Welche Rolle will und kann sie in Zukunft im Lufthansa-Konzern spielen? Welche Position übernimmt der Hub Zürich?

Dabei sind natürlich auch die Wünsche der Politik zu berücksichtigen, die mithilfe der Banken die Airline gerettet hat. Kurzum: Nun werden die Rollen neu verteilt. Die Swiss muss sich neu aufstellen, zumal die bisherige Konzernorganisation der Lufthansa, die Matrix, beerdigt wird.

3. Die Airline fitter machen

Die Swiss war kein Sanierungsfall, nicht träge und unbeweglich, bevor die Corona-Krise kam. Die Pandemie hat vielmehr eine profitable Airline getroffen, die seit Jahren hohe Gewinne an die Konzernmutter lieferte. Doch nun gibt es Verlust, der Staat hat mithilfe Schweizer Banken Kredithilfen organisiert. Damit wachsen die Abhängigkeiten.

Hinzu kommt: Auch die Swiss hat Fett angesetzt, sicherlich nicht so viel wie die Konzernmutter, aber sie muss fitter und agiler werden. Die Swiss wirkt etwas behäbig im Krisenmanagement. So erscheint es mit Blick auf die Schwere und Dauer der Krise überraschend, dass bei der Lufthansa immer radikalere Veränderungen und Sparübungen anstehen, in Zürich die Uhren aber anscheinend immer noch etwas langsamer laufen – und der Veränderungsdruck weniger drastisch scheint.

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Abschied von Thomas Klühr

4. Wieder Premium liefern

Vor der Krise konnte die Swiss auf ein schönes Wachstum vertrauen. Mehr Passagiere, grössere Flieger, es lief gut. Auch am Boden das Motto: Neue, hübsche Lounges, alles prima. Mit Corona und exorbitanten Stornierungen sowie Rückforderungen für bezahlte Flugtickets zeigte sich aber: Der Ruf des Premiumanbieters ist beschädigt.

Nicht erreichbar zu sein für die Kunden, sie ständig zu vertrösten und hinzuhalten sowie einzugestehen, dass weder das Personal noch die IT-Infrastruktur vorbereitet sind für die enormen Herausforderungen in der Krise, hat viele Kunden vergrault – auch wenn sich Swiss-Manager mehrfach öffentlich entschuldigten.

Jeder hat Verständnis, dass Airlines wegen Corona leiden und nicht alles perfekt läuft, doch oft hat die Swiss sich im Zusammenspiel mit den Kunden Patzer erlaubt. Damit wurde viel Goodwill zerstört. Die Marke in Sachen Premium zu stärken, dürfte eine längerfristige Herausforderung bleiben. Mehr noch: Wo und was ist in Zukunft genau die Swissness bei der Swiss?

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5. Personal abbauen

Wenn ein Grossteil der Flotte längerfristig nicht unterwegs ist, viele Routen dauerhaft kaum geflogen werden, braucht es erheblich weniger Personal. Bei Lufthansa erhöhen sich die Zahlen bezüglich eines möglichen Stellenabbaus stetig: 27'000 Stellen sollen es sein, zudem 1100 bei den Piloten, die wegfallen könnten, die Pilotenausbildung ist gestoppt.

Bei der Swiss gilt noch bis August 2021 Kurzarbeit, schon jetzt arbeiten weniger Menschen für die Fluggesellschaft als vor der Krise. Derweil ringen Gewerkschaften und die Swiss um Sparmassnahmen. Viel entgegenzuhalten haben Gewerkschaften derzeit nicht, zu ernst ist die Lage. Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern wäre es wohl am liebsten, die Politik würde mehr helfen: Daher drängt die Branche vehement darauf, Quarantänezeiten zu verkürzen und weitere Test-Center an den Flughäfen einzurichten. Die Idee: Würden Passagiere direkt per Schnelltest  auf Corona getestet, könnten Reisebeschränkungen aufgehoben werden.

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Fliegen in Corona-Zeiten

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