Joe soll es richten. Joe ­Plumeri, die Legende von der Wall Street. Der Mann, der den Bankgiganten Citi­group North America und den Versicherungskonzern Willis in die Gänge brachte. Plumeri, der im ­Finanzsektor ein märchenhaftes ­Vermögen scheffelte, zwei Baseball-­Teams kaufte und zwei Sportstadien baute. Eines trägt den Namen seines Vaters Samuel J. Plumeri, Einwanderer aus Sizilien, das andere heisst schlicht Plumeri Park.

Der schillernde Italo-Amerikaner, der im Juli seinen 77. Geburtstag feiert, will es noch einmal wissen. Sein nächstes Revier ist allerdings nicht die Glanz verströmende Häuserschlucht Manhattans, sondern die Hinterbergstrasse in Cham ZG. Eine Gegend verstellt mit Bürohäusern, Imbissbuden, Lichtsignalen und Parkplätzen.

Mittendrin liegt der Hauptsitz von Se­lecta, Europas Marktführer bei der ­Automatenverpflegung. 455'000 knallrote Verpflegungsautomaten prägen Kantinen, Spitäler, Militärkasernen oder Bahnperrons, bestückt mit Schoko­riegeln, Mineralwasser, Präservativen, Gummibärchen und – aus aktuellem Anlass – Gesichtsmasken zu 3 Franken das Stück.

Selecta-Personal als Unternehmer

Beim 2-Milliarden-Konzern Selecta ist Plumeri seit letzter Woche im Amt. Er trägt den Titel Executive Chairman. Und so versteht er es auch. Er greift rigoros durch, keiner ist sicher, alles infrage gestellt. Den langjährigen Konzernchef schickte er letzte Woche in die Wüste, ein Nachfolger (Christian Schmitz) ist bereits installiert. Der Finanzchef und die HR-­Chefin sind ebenfalls Geschichte. Letztere war erst ein paar Wochen im Amt, als Joes Donner sie traf.

Auch den Verwaltungsrat erfasste der Sturm. Als Ersten traf es Präsident David Hamill, weitere vier VR-Mitglieder folgten. Firmenkenner schätzen, dass der neue Chef ein Dutzend Topmanager abserviert oder degradiert hat.

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Mit frischen Kräften will das Duo Plumeri/Schmitz die Verpflegungs­firma schneller, innovativer, rentabler machen. Viel erhoffen sich die neuen Chefs von einer hoch motivierten Truppe, die für «One Selecta» – so die interne Affiche – alles geben soll. Plumeri, ganz Amerikaner, will den Angestellten in Cham Unternehmergeist einimpfen, damit sich jeder als Mitbesitzer versteht. Und er erwartet täglich Mut und Passion, wie er in ­seiner Biografie «The Power of Being Yourself: A Game Plan for Success» schrieb.

Mitarbeiter bei Selecta verunsichert

Der Weg zum Erfolg dürfte freilich steinig werden. Denn die 9000 Mit­arbeitenden sind von internen Que­relen, Kurswechseln, Heimlichtuerei und Fehlentscheiden verunsichert. In einer Mitarbeiterbefragung vom letzten Herbst schlossen diverse Ländergesellschaften unterdurchschnittlich ab.

Besonders mies ist die Stimmung in Frankreich und Grossbritannien, zwei Selecta-Hauptmärkten. In in­ternen Mails ist von einer vermurksten Kultur die Rede. Wenig zur Trendwende trug eine Aktion der HR-Chefin bei, die Mitarbeitende zum freiwil­ligen Lohnverzicht aufforderte. Das Mail war vermutlich ihre letzte Amtshandlung, zwei Tage später war sie weg.

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Der neue Selecta-Präsident Joe Plumeri (links) war Topmanager im US-Finanzsektor; er gilt als hart und kompromisslos.

Der neue Konzernchef Christian Schmitz ist Direktor beim Selecta-Eigentümer KKR, einem der grössten Firmenkäufer. Zuvor war der Deutsche bei der erfolgreichen Sanierung der amerikanischen Gitarrenfirma Gibson engagiert.

Quelle: zVg

Nicht nur bei der Firmenkultur liegt einiges im Argen, auch bei der Kundenzufriedenheit gibt es Luft nach oben. In einer konzernweiten Kundenumfrage fielen wiederum die Problemfälle Grossbritannien und Frankreich ab. Selecta wollte sich ­gegenüber der «Handelszeitung» nicht äussern.

Trotz Positivtrend kein Bonus

Plumeri und sein Erster Offizier Schmitz sind bestellt von der US-­Finanzgesellschaft KKR, die seit 2015 Besitzerin von Selecta ist. Eigentlich war geplant, die Automatenfirma im Oktober 2019 an die Schweizer Börse zu bringen und sich mit einem satten Gewinn zu verabschieden. Doch weil potenziellen Investoren beim Blick auf den Schuldenberg in der Höhe von 1,6 Milliarden Franken angst und bange wurde, blieb KKR nur das ­Verschieben des Börsengangs, der ­intern unter dem Codewort ­«Sapphire» lief.

Beim nächsten Anlauf, dies zweifellos die Vorgabe an Plumeri und Schmitz, muss der Edelstein feiner ­geschliffen und die Börsenstory überzeugender sein. Zu diesem Anspruch passt der zupackende Plumeri perfekt, dem Schaumschlägerei ein Gräuel ist. Im Widerspruch zum Plumeri-­Klartext stehen mitunter die Selecta-­Firmenreports, wo jede Kurve steil nach oben zeigt und die Outlooks in Rosa geschrieben sind. So schwärmte der mittlerweile entmachtete Selecta-­Chef letzten November in einer Investoren-Präsentation überschwänglich vom «positiven Momentum», vom profitablen Wachstumspfad und von steigenden Betriebsmargen.

Derweilen landete wenige Tage nach dem Schulterklopfen eine ganz andere Botschaft in der Mailbox der Kaderleute: Man werde die Finanzziele nicht erreichen, war da trocken zu ­lesen. Ergo käme auch kein Bonus für die Top 100 zur Auszahlung. Das positive Momentum hatte sich offenbar innert Tagen ins Negative gedreht.

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Selectas Plan: Wachsen, Schulden abbauen – und dann an die Börse.

Der Corona-Schock macht die anstehende Fitnesskur von Plumeri und Schmitz nicht einfacher. Denn beim von oben verordneten Homeof­fice stehen die Selecta-Verpflegungs­apparate verloren in Bürogängen und Bahnhofshallen. Die fernbleibende Kundschaft lastet schwer auf dem ­Frequenzgeschäft: Im ersten Quartal brach der Betriebsgewinn um die Hälfte ein. Gleichzeitig drückt unerbittlich die Schuldenlast, die jedes Jahr geschätzte 100 Millionen an ­Zinszahlungen verschlingt.

KKR musste Millionen einschiessen

Die Schulden sind eine Altlast aus der wechselhaften Vergangenheit: 2001 kaufte die britische Compass Group den Selecta-­Konzern auf Pump und stiess ihn 2007 an die deutsche Allianz Capital ab. 2015 stieg KKR ein und hoffte auf den Quick-Fix. Stattdessen mussten die Amerikaner für Wachstum und Technologie weitere Hun­derte Millionen einschiessen.

Plumeris Ziel wird es sein, die Hypotheken abzutragen, denn künftige Investoren lockt nur der Ausblick auf Kursgewinn und Dividende. So ist zu verstehen, dass in der Finanzwelt das Gerücht kursiert, Selecta-Eigner KKR poche bei den Gläubigern auf einen Schuldenschnitt und sei im Gegenzug bereit, weitere 250 Millionen einzuschiessen. In der Hoffnung, beim Börsengang umso mehr einzufahren.

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Für Finanzinvestor KKR und seine Vertrauten Joe Plumeri und Christian Schmitz steht in Cham allerdings noch mehr auf dem Spiel: Es geht um ihre Reputation als gewiefte Firmensanierer.