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Tabak
Die Rauch-Melder: E-Zigaretten verraten Nutzerdaten

E Zigaretten Ueberwachung

Ein Chip erzeugt Daten zu Gerätenutzung, Batterieverbrauch und Puffanzahl: Techgerät E-Zigarette.

Quelle: Getty Images

Die E-Zigaretten von Philip Morris senden Daten der Raucher an einen Server. Was damit passiert, ist umstritten.

Von Bernhard Fischer
am 03.05.2019

Man glaubt den Werbespruch von Philip Morris aufs Wort. «In jedem Iqos stecken Jahre wissenschaftlicher Forschung.» So lobt sich der Tabakriese selber. Und meint zweifellos auch jene Technik, die in seinem Trendprodukt steckt. Iqos verbrennt Tabak nicht, es erhitzt ihn. Was gerade bei jungen Leuten und gesundheitsgeplagten Rauchern bis in die Schweiz für steigenden Absatz sorgt.

Doch das Know-how des Marlboro-Herstellers geht weiter, wie Recherchen zeigen. Wer zur E-Zigarette wie Iqos greift, muss sich an eine neue Welt gewöhnen: ihre detaillierte Überwachung. Der weltgrösste Tabakkonzern Philip Morris International (PMI) mit einer operativen Zentrale und mit Forschungssitz in der Schweiz hat elektronische Zigaretten-Geräte im Umlauf, die das können.

Neue Raucherwaren wie Iqos

Der Tabakmulti unternimmt viel, um den Absatzrückgang mit Brennzigaretten bei rückläufigen bis stagnierenden Gesamtumsätzen durch neue Raucherwaren wie Iqos zu kompensieren. Werbeverbote und immer strengere Auflagen drängen Tabakkonzerne zur Neuausrichtung ihrer Geschäftsmodelle. In E-Zigaretten und Dampfern sieht PMI seine Zukunft.

Bis Ende 2019 will der Konzern allein in der Schweiz 100 000 Raucher auf E-Zigaretten umstellen. Der Konzern steckt weltweit Milliarden in den Umbau. Um Zielgruppen und Märkte effizienter bearbeiten zu können, lässt sich Philip Morris einiges einfallen, unter anderem die elektronische Erhebung von Raucher- und Nutzerdaten.

Datenkrake im Rahmen des Gesetzes

Die kanadische Firma Techinsights hat das Produkt samt Akku seziert und einen übermittlungsfähigen Speicherchip entdeckt (siehe Grafik). Alles zum Wohl der Konsumenten, wie PMI betont. Doch Datenschützer sind alarmiert.

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Ein Chip in der E-Zigarette erzeugt Daten zu Gerätenutzung, Batterieverbrauch und Puffanzahl. Auch die Lokalisierung des Geräts ist möglich: über Bluetooth mit dem E-Zigaretten-Gerät verbunden kann mittels Smartphone via Google Maps und GPS-Navi der Standort festgestellt werden. Über Online-Registrierung, Handy-App, Ausweisdaten, den hauseigenen Kundendienst und Internetforen sammelt der Konzern Nutzerdaten und wertet sie aus. Der gläserne Raucher wird zur Realität – und zum Vermarktungswerkzeug für den Tabakmulti. PMI versichert, sich an Schweizer und EU-Datenschutzbestimmungen zu halten. Das gelte nicht nur für E-Zigaretten, sondern auch für Dampf-Geräte. Kontakt mit dem Eidgenössischen Datenschützer (Edöb) gab es nicht.

Datenschützer äussern Bedenken

Ein grosser Teil der von PMI gesammelten Daten läuft in der Schweiz in einem Datenzentrum im Norden von Zürich zusammen und wird auf Servern gespeichert. Ein Aufwand, der sich lohnt. Die Daten sind bestens zu Marketingzwecken geeignet, wie bei der US-Gesundheitsbehörde FDA eingereichte Unterlagen belegen. «Post Market Assessment» heisst das Programm des Konzerns, um «Wahrnehmung, Verhalten und Gesundheit der Verbraucher zu erfassen und auszuwerten».

Das Programm ermöglicht unter anderem, «den Einsatz von Iqos und anderen Tabakerzeugnissen auf Bevölkerungsebene zu überwachen und das damit verbundene Tabakkonsumverhalten zu bestimmen», berichtet Philip Morris an die FDA.

Datenschützer äussern Bedenken. «Es handelt sich bei der Datenbearbeitung bei diesen Produkten um Gesundheitsdaten, die einem besonderen Schutz unterstellt sind», sagt Edöb-Sprecher Hugo Wyler. Kein Problem sei es, wenn sich der Nutzer nicht registriert, da in diesem Fall kein Bezug zu einer Person hergestellt werden könne. Allerdings tut das Unternehmen einiges dafür, um den Konsumenten zur Registrierung zu bewegen: Einen Preiserlass von 40 Prozent gewährt Philip Morris beim Kauf des Geräts inklusive fünf Packungen der sogenannten Heets – das sind spezielle Zigaretten für das Iqos-Gerät. Bei der Behebung von Geräteproblemen oder der Lokalisierung des Geräts ist ebenfalls die Nutzerregistrierung nötig, teilt der Kundendienst mit. Und: «Wenn sich ein Nutzer in der Schweiz registriert, erhält er Angebotsinformationen und einen besseren After-Sales-Support», sagt ein Unternehmenssprecher.

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Technisch ist die Verknüpfung der Geräte- und Lokaldaten mit registrierten Nutzern allemal möglich. Philip Morris erklärt, dies nicht für sich zu nutzen: «Die von den Iqos-Geräten erfassten Daten werden getrennt von anderen Verbraucherdaten gespeichert und wir verknüpfen die Datensätze derzeit nicht. Dies spiegelt den aktuellen Stand unserer Praktiken wider, der sich im Laufe der Zeit ändern kann.» In der Iqos-Datenschutzerklärung liest man bereits: «Uns zugegangene Daten werden als Personendaten eingestuft.» Erst im Nachhinein würden diese anonymisiert.

Heisses Eisen für die Politik

Die Datenschutzfrage bei derlei Produkten beschäftigt mittlerweile auch die Politik. Gewisse Informationen würden übermittelt oder von den Produkten automatisch erfasst, so SP-Nationalrat Mathias Reynard. «Produkte wie E-Zigaretten fallen auch darunter.» Das sei, was Datenschutz und Privatsphäre des Individuums betreffe, mit Risiken verbunden.

Auch Konkurrenten von PMI wie Japan Tobacco International und der kalifornische Dampfzigi-Hersteller Juul kommen bald mit speicher- und übertragungsfähigen Geräten auf den Markt. Noch im März reichte Reynard ein Postulat im Nationalrat ein. Mit der Antwort des Bundesrats wird in der Sommersession gerechnet, «wie die Sicherheit erhältlicher Produkte, die mit dem Internet verbunden sind, im Hinblick auf den Datenschutz verbessert werden kann».