Niemand weiss mehr, wohin mit all dem Öl. Überall hat es zu viel, seit die Maschinen in den Firmen im Leerlauf drehen, die Autos he­rumstehen und die Flieger alle Hangars füllen. Der Einbruch ist gigantisch. Täglich verbraucht die Welt nun sieben Supertanker weniger Öl.

Würde das Öl in Fässer abgefüllt und würden diese aneinandergereiht, so ergäbe sich jeden Tag eine Strecke von der Schweiz bis Australien. Öl, das nicht gebraucht wird, aber bisher trotzdem gefördert wurde.

Verzweifelt rangen die erdölexportierenden Staaten um einen Kompromiss, um den ruinösen Kampf um Marktanteile zu beenden und die Förderung endlich zu drosseln. Seit Sonntag steht die Einigung fest, jeden Tag Öl im Umfang von 10 Millionen Barrels (Fässern) weniger aus dem Boden holen zu wollen. Vorerst bis Ende Mai.

Die Skepsis in der Branche bleibt: Ob das reichen wird, die Schwemme zu stoppen? Euphorie irgendwo? Fehlanzeige. Der ­Ölpreis jedenfalls reagiert kaum und verharrt in diesen Tagen im tiefen 20-­Dollar- Bereich.

Auswirkungen überall spürbar

Der Schaden ist ohnehin bereits angerichtet. Noch nie war der Ölmarkt derart von der Rolle, mit Preiseinbrüchen von 50 Prozent und mehr. Die Auswirkungen sind auch in der Schweiz überall spürbar. Die Lager sind voll, Benzin tankt trotz tieferen Preisen nur noch jeder Zweite. Und natürlich darben die Tankstellenshops. Jubeln können dagegen die Heizöllieferanten, welche sich vor Aufträgen kaum retten können.

Der nationale Konsum ist das eine. Fast noch wichtiger für den Schweizer Ölsektor sind die zahl­reichen Ölhändler, die sich um Genf, um Zug und im Tessin angesiedelt haben. Mit Vitol, Trafigura und Co. agieren die weltgrössten von hier aus, aber auch zahlreiche kleine, die nur wenige und manchmal auch kleinere Tanker auf der Suche nach dem Geschäft mit dem Öl um die Welt fahren lassen.

Sie alle haben jetzt zu kämpfen. Vor allem den kleinen Händlern steht das Wasser wegen Ertragseinbrüchen und neuer ­Risiken bis zum Hals. «Das ist nur der Anfang. Die Konsequenzen sind massiv und die Industrie wird sich verändern», sagt Charles Thiémélé, früher Rohstofftrader und heute Berater. «Es gibt keinen Präzedenzfall.»

Alles, was die Nachfrage stärkt, ist willkommen

In dieser Situation würde wohl der eine oder an­dere kleine Händler ebenfalls gerne etwas Staatshilfe in Form der Rettungsdarlehen beanspruchen. Das Problem ist nur: Selbst die kleinen machen noch zu viel Umsatz, um die Hilfe überhaupt in Anspruch nehmen zu dürfen.

Wie geht es Schweizer Ölhändlern?

«Ich finde einfach keinen Käufer». Mehr hier

Das Ölgeschäft ist enorm kapitalintensiv, weil die Ladung vorfinanziert werden muss. Selbst Firmen mit nur wenigen Mitarbeitenden machen Dutzende von Millionen Franken Umsatz pro Woche und damit pro Jahr mehr, als der Bundesrat als Obergrenze für seine Hilfe festgelegt hat.

Die Ölbranche setzt insgesamt allerdings weniger auf Überbrückungshilfen als vielmehr auf die poli­tischen Entscheidungsträger, auf dass diese die Lockdowns in den verschiedenen Ländern rasch lockern mögen. Alles, was die Nachfrage stärkt, ist willkommen. Vor der Krise hat die Welt täglich 100 Millionen Barrel Öl verbraucht. Aktuell ist es Schätzungen zufolge ein Viertel weniger.

Trader, Raffinerie, Pflichtlager und Heizölliefe­ranten: Die «Handelszeitung» fragt im Folgenden danach, wie sich einige wichtige Akteure der hiesigen Ölbranche angesichts der schwarzen Flut bewähren.

Produktion

Raffinerie in der Vollauslastung

► Öl aus der Pipeline
Die Verarbeitung von Öl läuft in der Schweiz trotz Krise auf hohem Niveau weiter. «Die Raffinerie Cressier ist nahezu voll ausgelastet», sagt Florence Lebeau, Sprecherin von Varo Energy. «Im Moment gibt es keine Probleme mit der Treibstoffversorgung der Schweiz.» Der Zuger Konzern betreibt im neuenburgischen Cressier die einzige noch in Betrieb stehende Raffinerie in der Schweiz. Absatz finden vor allem die Raffinerieprodukte Heizöl und Diesel. «Die Nachfrage nach Benzin geht um etwa 50 Prozent zurück», so Lebeau weiter.

Abhängig von Paris
Vorderhand hat die Raffinerie auch noch keine Probleme mit der Zufuhr von Erdöl aus dem Ausland. Das Öl wird durch eine Pipeline vom Hafen von Marseille in Südfrankreich nach Cressier gepumpt. Allerdings ist die Raffinerie damit abhängig von den Massnahmen, die Frankreich im Zusammenhang mit der Corona-Krise umsetzt und welche den Hafen von Marseille und die dortige Infrastruktur betreffen. Dazu gehören die Schlepper im Hafen von Marseille, welche die Rohölschiffe zu den Entladestellen bringen, das Hafenpersonal, die Lagerinfrastruktur und auch die Pipeline-Infrastruktur.

«Bisher haben diese Stellen gut funktioniert, aber in letzter Zeit musste der Hafen die Anzahl der entladenden Schiffe reduzieren», teilt Varo mit. Vorrang erhalten nun Verlader, die von der französischen Regierung als strategisch wichtig erklärt wurden. «Varo ist noch nicht in dieser Liste aufgeführt, arbeitet aber aufgrund seiner strategischen Position als einzige Raffinerie in der Schweiz daran, ebenfalls in diese Kategorie aufgenommen zu werden». Cressier produziert 25 Prozent des Bedarfs an Treibstoffen in der Schweiz und importiert noch einmal die gleiche Menge.

 

Verbrauch

Heizöl gefragt wie nie im Frühling

Preissensitiv
Anders als Tankstellen können sich die Heizöllieferanten nicht über mangelnde Arbeit beklagen. «Es wird fleissig eingelagert», sagt Ueli Bamert, Geschäftsführer von Swissoil, dem Dachverband der Brennstoffhändler. Offensichtlich nutzten viele Eigenheimbesitzer und Liegenschaftsverwalter die aktuell tiefen Preise zur Vorsorge für nächsten Winter. «Beim Heizöl schlägt der Weltmarktpreis auch schneller durch als etwa bei Treibstoffen», so Bamert. Beim Benzin etwa sind die staatlichen Abgaben viel höher als beim Heizöl, sodass Preisschwankungen beim Rohöl nur zu rund 30 Prozent auf den Benzinpreis durchschlagen. Aktuell sind 100 Liter Heizöl für rund 70 Franken zu haben. Der Preis nähert sich damit den Tiefstwerten von 2009 und 2016.

Schäppchen jagen
Wie sehr die Konsumenten in der Krise auf den Preis achten und trotz allen Einschränkungen versuchen, Chancen zu nutzen, zeigte sich in den letzten Tagen. Allgemein war erwartet worden, dass sich die erdölexportierenden Länder auf eine Kürzung der Förderung einigen würden und der Preis danach deutlich anzöge. Offenbar schritten Eigenheimbesitzer mit leeren Tanks kurzfristig im grossen Stil im Internet zur Tat.

Der Heizöllieferant Heizöl 24 berichtet von einer regionenübergreifenden «neuen Bestellflut» am letzten Wochenende, von Kunden, die «einem befürchteten Preisanstieg» zuvorkommen wollten. Die Schweiz verbraucht jährlich je nach Härte des Winters ungefähr 2,6 Millionen Tonnen Heizöl. Das entspricht der Menge Öl, die in rund acht der grössten Tanker Platz hat. März und April sind laut Verband normalerweise nicht die typischen Kaufmonate, auch wenn der Frühling doch ab und zu zum Auffüllen von leeren Heizöltanks genutzt wird.

Pflichtlager

Reserven werden nicht aufgestockt

Preisunabhängig
Die Schweiz bunkert Millionen von Tonnen Öl und Treibstoffen für Krisenfälle. Damit der Alltag noch viereinhalb Monate weitergehen kann, selbst wenn über Pipelines, Rheinschiffe, Zug und Strasse nichts mehr ins Land kommen sollte. Obschon die Preise nun auf historische Tiefstände gefallen sind, kauft die Schweiz keine zusätzlichen Reserven. «Die Pflichtlager sind voll und die Versorgung ist derzeit sichergestellt», sagt Andrea Studer, Direktorin der Pflichtlagerorganisation für flüssige Treib- und Brennstoffe, Carbura. «Der Preis spielt keine Rolle bei den Entscheiden, die Pflichtlager aufzustocken», sagt sie.

► Importeure in der Pflicht
Die Vorratsmengen sind einzig eine Folge des Verbrauchs in der Schweiz und orientieren sich am Drei-Jahres-Durchschnitt des Absatzes von verschiedenen Treib- und Brennstoffen. Der Trend der letzten Jahrzehnte ist klar: Ihre Lager an Benzin und Heizöl baut die Schweiz kontinuierlich etwas ab, weil der entsprechende Verbrauch zurückgeht.

Beim Diesel und Flugpetrol ist es umgekehrt: Letztmals wurden diese Pflichtlager im Sommer 2019 angegangen, als die Flugpetrolversorgung stockte: Im deutschen Kehl, von wo viel Flugpetrol herkommt, ging ein geplanter Umbau über die Bühne und eine alternative Versorgung via Bahn klappte nicht wunschgemäss. Das vorletzte Mal war im Herbst 2018. Damals hatte der Rhein zu wenig Wasser für die Schifffahrt und eine Raffinerie in Deutschland fiel aus. Die Pflichtlager werden von Importeuren unterhalten. Sie sind dazu verpflichtet, sobald sie eine gewisse Menge importieren. Sobald sie ein Pflichtlager aufstocken, wird der Treibstoff zum aktuellen Marktpreis eingebucht. Wird das Lager später geleert, geschieht das ebenfalls zum Marktpreis.

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