Es ist Sommer in Genf. Ende Juni 2012. Eine junge Usbekin steht besorgt am Schalter der Bank Lombard Odier und verlangt den Zugriff aufs Konto einer Brief­kastenfirma aus Gibraltar mit ­einem Millionenguthaben. Doch ohne Erfolg. Ihr Name figuriert nicht unter den ­Zugriffsberechtigten.

Drei Tage später tauchen zwei Usbeken am Schalter auf. Sie geben sich als Manager von Coca-Cola Usbekistan aus. Ihre Vollmachten stellen sich als falsch heraus. Auch sie ­verlangen Zugriff und werden aggressiv, als ihnen dieser verwehrt wird, denn die Bank verzeichnet nur einen Berechtigten. Und der ist seit acht Tagen von Interpol zur Fahndung ausgeschrieben. Der Urheber des Haftbefehls? Usbekistan.

Die Bankiers werden misstrauisch und melden den Fall der Meldestelle für Geldwäscherei. Fünf Tage später lässt Bundesanwalt Michael Lauber umgerechnet «mehrere hundert Millionen Franken auf verschiedenen Banken» mit Verdacht auf schwere Geldwäscherei sperren. Einen Monat später werden die vermeintlichen Coca-Cola-Manager im Hotel Cornavin am Bahnhof Genf verhaftet.

Fundgrube für Beweise

Dort haben sie ein Zimmer gemietet, das sich später als eine Fundgrube für Beweise herausstellt. Die Polizei hat ihnen aufgelauert und stellt fest, dass sie in der Schweiz mit gepanzerten SUV umhergefahren sind und sich von Leibwächtern begleiten liessen. Es ist Juli 2012. Der grösste Geld­wäschereifall der Schweizer Geschichte kommt in Gang, mit Folgeermittlungen in 19 Ländern. Umgerechnet über 800 Millionen Franken werden vom Bund eingefroren.

In den Medien liest man kaum darüber. Die zwei anderen grossen Geldwäschereifälle, die brasilianische Petrobras und der malaysische Staatsfond 1MDB, dominieren die Schlagzeilen. Dabei ist der Usbekenfall fassbarer als die nebulösen Petrobras- und 1MDB-Komplexe, denn es steht eine einzige Person im Fokus, Gulnora Karimova (47), die langjährige UNO-Botschafterin Usbekistans und Tochter des damaligen Herrschers Islam Karimov (er verstarb 2016).

Und Geldwäschereiexperten fragen sich: Wie ist so etwas möglich?

«Selbst die Bankenaufsicht Finma, die Geldwäscherei rigoros bekämpfen will, bleibt bis heute diskret.»

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Fast forward. Es ist Juni 2019. Bereits sieben ­Jahre lang haben Lauber und sein Chefermittler Patrick Lamon sich über die Namen der involvierten «verschiedenen Schweizer Banken» ausgeschwiegen, trotz vielen Presseanfragen. Nur Lombard Odier wird über die Jahre genannt. Gegen sie und einen früheren Kundenberater der Usbeken wird 2016 ein separates Verfahren wegen Beihilfe zur Geldwäscherei eröffnet, das nicht abgeschlossen ist. Es gilt deshalb die Unschuldsvermutung.

Selbst die Bankenaufsicht, die Finma, die Geldwäscherei rigoros bekämpfen will, bleibt bis heute diskret. Sie will der «Handelszeitung» nicht ver­raten, ob sie aufsichtsrechtliche Verfahren gegen involvierte Banken eingeleitet hat und was die Resultate sind. Dabei sind zwischen Konten von Schweizer Banken gigantische Beträge hin- und hergeschoben worden. Dies zeigt ein neuer Strafbefehl der Bundesanwaltschaft, der Ende Juni rechtskräftig wurde. Es ist dies der erste und bisher einzige.

SAMARKAND -- NOVEMBER 14: U.S. First Lady Hillary Clinton with Uzbek President Islam Karimov (r) and his wife, Tatiana Karimova (l), Samarkand, Uzbekistan, November 14, 1997. Mrs. Clinton is on a trip visiting former Soviet Republics. (Photo by David Hume Kennerly/Getty Images)

Usbekistans Herrscher Islam Karimov, hier mit Hillary Clinton und Gattin Tatjana Karimowa, Samarkand, 1997.

Quelle: Getty Images

Die «Handelszeitung» konnte Einblick nehmen. So lüftet sich erstmals der Schleier über dieser riesigen Affäre. Der Strafbefehl betrifft Karimovas engsten Komplizen. Es ist dies ihr Ex-Mann, Rustam Madumarov, früherer usbekischer Playboy und Popsänger. Auch sein Name wurde von der Bundesanwaltschaft noch nie genannt. Er eröffnete Konten und gab sich als wirtschaftlich Berechtigter bei der Credit Suisse, der Genfer Bank Bordier und der Zürcher EFG aus. Sie alle gingen ihm auf den Leim. Zum Netzwerk gehörten auch Konten bei der Genfer Bank Mirabaud sowie bei den Zürcher Filialen von UBP und Vontobel. Mirabaud war die Hausbank Karimovas, wo sie ein Privat- und ein Geschäftskonto hielt.

Schwedische und niderländische Telecom-Firmen

All die Institute wollten sich auf Anfrage zum Fall nicht äussern. Sie betonten, sie hätten stets Schweizer Geldwäschereivorschriften eingehalten. Vontobel sagt, sie kenne den Inhalt des Strafbefehls nicht. Dabei figuriert ihr Name in diesem Dokument.

Die meisten Gelder stammen aus der Bestechung durch schwedische und niederländische Telekom­firmen. Diese Summen müssen effizient gewaschen werden. So ruft Karimova 2005 eine Kommandozentrale namens L’Office ins Leben. Im Strafbefehl steht dazu ein ganzes Kapitel. Es bestehen Strategiepapiere, ein Businessplan, eine Infrastruktur und Hunderte von Tarnfirmen.

Am Sitz in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, arbeiten 45 bis 50 Vollzeitangestellte für das Office in einer straffen Hierarchie. Es gibt ein Backoffice und Leute an der Front, sozusagen das Gesicht des Office, darunter der jetzt verurteilte Ex-Mann Karimovas.

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«Dreissig Schweizer Konten werden bis 2012 eröffnet. Sie tragen in Strategiepapieren Codenamen wie 'Abfalleimer' und 'Unrat'.»

Nützliche Helfer für die Geldwaschmaschine findet das Office nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, England, Schweden, Litauen, auf den Bermudas und in Hongkong. Doch das Rückgrat der Transaktionen bilden Genfer und Zürcher Banken. Dreissig Schweizer Konten werden bis 2012 eröffnet. Sie tragen in Strategiepapieren Codenamen wie «Abfalleimer» und «Unrat». Und wie bei Geheimdiensten werden Legenden erfunden, die den Banken anlässlich von Konto­eröffnungen und Überweisungen zu erzählen sind.

Das Office beantwortet kritische Fragen

«Es ist wichtig, die Vermögen durch ein komplexes Firmennetz zu schleusen, mit Firmen, die nur zur Verschleierung dienen», zitieren die Ermittler aus Office-Papieren. Als wirtschaftlich Berechtigte geben sich Strohmänner mit Titeln wie Direktor oder Finanzchef aus. «Sie alle haben zum Zweck, die ­Eigentümerschaft des Vermögens durch Karimova zu verschleiern», heisst es im Strafbefehl.

Meist rechtfertigten Beraterverträge die von Konto zu Konto verschobenen Millionen. Keine Firma hatte eine echte wirtschaftliche Aktivität. Ihre Namen erinnern an Fantasienamen von Briefkastenfirmen, wie man sie auf Türschildern an der Zürcher Bahnhofstrasse entdeckt: Rubis International, Terra Group, Expoline, Swisdorn, Cabercan, Vaktrin, Oregon und Porchester Industries. Das Office koordiniert die Überweisungen.

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Das Office beantwortet kritische Fragen der Banken zu Transaktionen; es beauftragt Strohmänner mit dem Kauf von Immobilien in Frankreich, Grossbritannien, Hongkong und der Schweiz, darunter eine Villa im Genfer Nobelvorort Cologny; es organisiert notariell beglaubigte Vollmachten und ordnet den Transport von Millionen Bargeld, Schmuck und Modeartikeln von Banksafes in der Schweiz an. In einem Safe finden die Ermittler «in Guetzlidosen gelagert» 3,7 Millionen Dollar, hält die Bundes­anwaltschaft fest, nebst Schmuck für 8,4 Millionen.

Allein über die Konten von Ex-Mann Madumarov werden zwischen 2010 und 2012 rund 300 Mil­lionen Dollar, 100 Millionen Euro und 50 Millionen britische Pfund umgesetzt. Warum die Finanzinstitute nicht reagieren, wird aus dem Strafbefehl nicht klar.

Mirabaud sah, wie viel Geld von welchen Tarnfirmen zufloss

Eigentlich gelten auf Schweizer Banken strikte Regeln für Kunden politisch exponierter Personen (PEP). Bereits damals musste jede grosse Trans­aktion einer PEP von einem Geschäftsleitungsmitglied genehmigt werden. Auch musste dieser Status jährlich durch hohe Kader überprüft werden. Dennoch landete ein Teil des Geldes auf Konten Karimovas bei Mirabaud. Die Privatbank sah also, wie viel Geld von welchen Tarnfirmen ihr zufloss. Trotzdem bemerkten die Genfer Bankiers nichts.

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«In einem Safe finden die Ermittler "in Guetzlidosen gelagert" 3,7 Millionen Dollar, hält die Bundes­anwaltschaft fest.»

Karimova sagte in einem Verhör 2016 der Bundesanwaltschaft in Usbekistan, ihr Status als Botschafterin hätte es ihr und dem Office ermöglicht, «die Geschäfte komfortabel zu führen». Ihre 20-Millionen-Villa am Chemin de la Prévôté in Cologny und Hotelzimmer sind Teil der Infrastruktur. Dabei scheut sie sich auch nicht, ihre Ehe ins Betrugsschema einzubinden: Im sechsten Ehejahr, 2008, lässt sie einen Ehevertrag beurkunden. Einen Monat später erfolgt scheinbar die Scheidung.

Der Vertrag stipuliert für diesen Fall eine Schuld Madumarovs an seine Ex-Frau von 98 Millionen Dollar. So überweist er ihr das Geld aufs Konto bei Mirabaud. Die Plausibilisierung dieser Geldwäschereitransaktion wird somit vordergründig zum Kinderspiel. Der Strafbefehl gegen ihren Ex-Mann ist wohl nur der Anfang. Weitere Strafbefehle beziehungsweise die Anklageschrift gegen Karimova und weitere vier Verdächtige sind in Bearbeitung. Erst dann wird abschliessend ersichtlich sein, warum die Banken scheinbar nicht genau hinschauten.

Telekom-Aufsicht als Hebel

Hier steht auch die Finma in der Pflicht, sich zu erklären. Ein Beispiel. Bereits fünf Jahre vor der Geldwäscherei-Meldung durch Lombard Odier ist US-Diplomaten das Treiben Karimovas und ihrer Komplizen in Usbekistan aufgefallen. Dies geht aus Memos eines US-Attachés hervor. Sie wurden ­zwischen Dezember 2010 und Frühling 2011 auf Wikileaks publiziert und sind seitdem bekannt. Das heisst, sie waren auch für die Risk-Manager der Banken zugänglich.

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Zum Beispiel kabelt darin der US-Diplomat Jon Purnell am 13. April 2007 aus Taschkent nach Washington, dass Karimova ihren Einfluss geltend mache, indem sie ein US-Telekomunternehmen zwinge, seine usbekische Tochter­firma an eine der Präsidententochter genehme ­Firma zu verkaufen. Ihr Hebel ist die ihr nahestehende, usbekische Telekomaufsicht, die mit Lizenzentzug droht. Wer die Firma kaufen will, muss also «indirekt mit der Tochter des Präsidenten verhandeln».

Karimowa Cologny

Villa in Cologny: Logistisches Zentrum – hier residierte Karimova als UNO-Botschafterin Usbekistans.

Quelle: Screenshot Google Maps

Einer ihrer Komplizen, der in den Memos genannt wird, hat trotzdem mehrere Konten bei Lombard Odier eröffnen können. So flossen damals die ersten rund 300 Millionen Franken Schmiergelder über Genf. Den Zuschlag für Mobilfunklizenzen erhielten eine schwedische und eine russische Telekomfirma mit Sitz in den Niederlanden. Dafür bedankten sie sich bei der Präsidententochter: Die halbstaatliche schwedische Teliasonera gab 2017 zu, 330 Millionen Franken Schmiergeld zwischen 2007 und 2010 an Karimovas Strohfirmen überwiesen zu haben; die russisch-niederländische Vimpelcom zahlte 114 Millionen Franken während sechs Jahren.

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Teliasonera wurde deshalb in Schweden vor zwei Jahren zu einer Busse von 1 Milliarde Dollar verurteilt; die in den USA an der Nasdaq kotierte Vimpelcom zahlte 835 Millionen Dollar Strafe. Wie viele Schmiergelder irgendwann einmal an Usbekistan zurückfliessen, ist offen. Der Bund verhandelt über die Modalitäten. Mit dem Strafbefehl hat er bei Lombard Odier 78 Millionen Dollar, bei Bordier 50 Millionen und bei der CS 3 Millionen konfisziert. Für weitere 550 Millionen sind Verfahren hängig.

Die Assistentin ist verschwunden

Die 2012 im Hotel Cornavin verhafteten vermeintlichen Coca-Cola-Manager wurden übrigens nach Monaten U-Haft auf freien Fuss gesetzt und hernach von usbekischen Polizisten in der Schweiz abgeholt. Sie gehörten zum Office, wie der Straf­befehl zeigt. Eine Komplizin war auch Karimovas Assistentin, die vergeblich am 25. Juni 2012 am Lombard-Odier-Schalter um Kontozugriff gebeten hatte. Sie wurde danach noch einmal gesehen, und zwar sieben Tage später an einer Modeschau in Genf. In einem Bild von diesem Event, das durch die Presse ging, sieht man, wie sie besorgt in ihr Handy starrt, während Karimova neben ihr sitzt und strahlt.

Über den Verbleib der Assistentin ist nichts bekannt. Madumarov schmort in Usbekistan für 14 Jahre im Gefängnis. Die zum Teil geständige Karimova wartet im Arrest auf ihre Aburteilung.