Warum ist ein Ferienflieger wie Edelweiss systemrelevant und muss mit Staatshilfe gerettet werden?
Bernd Bauer: Die Systeme von Swiss und Edelweiss spielen zusammen, wir decken gemeinsam den Flugmarkt hierzulande ab, für Geschäfts- und Ferienreisen. Wir operieren zusammen eine grosse Langstreckenflotte, sodass der Hub Zürich ­erfolgreich betrieben werden kann. Swiss und Edelweiss sind untrennbar miteinander verbunden.

Mit Ryanair, Easyjet und Emirates kann man auch in die Ferien fliegen – ohne Hilfe vom Schweizer Staat.
Man kann das nicht vergleichen. Wir haben einen Hub-Betrieb in Zürich und ein Vielfaches an Destinationen, als wenn man Punkt-zu-Punkt-Verbindungen etwa im Low-Cost-Bereich macht.

Mit der Rettung wird die schon vor Corona-­Zeiten existierende Dominanz der Lufthansa-Gruppe in Zürich zementiert.
Das sehe ich nicht so. Jeder kann am Flughafen Zürich operieren, wie er möchte. Aber Edelweiss und Swiss haben ein ­dichtes Portfolio geschaffen und können die Reisebedürfnisse der Schweizerinnen und Schweizer abdecken. Diese Position macht es den anderen schwerer, hier reinzukommen, aber nicht unmöglich.

Ist die Staatshilfe schon überwiesen?
Die Verträge sind noch nicht unterschrieben, das gilt für Swiss und Edelweiss. Ich bin froh, dass sich die Kreditzusagen der Banken, die vom Staat abgesichert sind, abzeichnen. Ein Teil des Kredits ist für die Edelweiss reserviert – wie viel wir beantragen, weiss ich aber noch gar nicht. Es ist  beruhigend, zu wissen, dass es möglich wäre, auch kleinere Beträge zu beantragen.

«Was früher gut lief, ist auch jetzt gefragt, wie Ibiza und Palma, aber auch Kreta und Zypern.»

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Müssen die Verträge eventuell neu ­verhandelt werden? Und welche Auflagen hat Edelweiss bekommen?
Ich denke nicht, dass neu verhandelt wird, wir haben dieselben vertraglichen Regeln wie die Swiss.

Nun starten Sie den Betrieb wieder. ­ Wie läuft es?
Im Juni hatten wir 10 Prozent unseres ursprünglich geplanten Angebotes, im Juli fliegen wir 65 Prozent der verfügbaren Sitzplätze, aber nur rund 40 Prozent der verfügbaren Sitzkilometer, weil die gesamte Langstrecke in sich zusammengefallen ist. Wir haben derzeit mit der Dominika­nischen Republik nur eine Langstreckendestination im Angebot.

Also bleibt die Lage schwierig.
Die Schweizer reisen in die Ferien, aber natürlich fehlt das Geschäft der Vormonate. So haben wir kaum Gäste in den Ferien­regionen. Das heisst, die Flieger gehen voll raus, kommen aber leer zurück. Daher haben wir nicht die Auslastung, die wir sonst im Hochsommer haben. Im August werden die Rückflüge wieder voller sein. Das Kurz- und Mittelstreckengeschäft funktioniert okay, auf der Langstrecke haben wir jedoch quasi keinen Verkehr. Wir fliegen auf der Kurz- und Mittelstrecke alle Destinationen an, die wir vor der Krise angeflogen haben, allerdings mit reduzierten Frequenzen. Die Langstreckenziele werden schrittweise je nach Öffnung der Landesgrenzen wieder ins Programm genommen.

Sind alle 16 Edelweiss-Flieger im Einsatz?
Alle sind im Einsatz, auf der Kurzstrecke setzen wir teilweise die grösseren Langstreckenflieger ein, weil hier die Nachfrage so gross ist.

Welche Ziele sind gefragt, welche nicht?
Angefangen haben wir mit Routen wie etwa nach Portugal, Kroatien und Italien, dann kamen die Balearen sowie später die griechischen Inseln und Zypern. Alles, was früher gut lief, ist auch jetzt gefragt, wie Ibiza und Palma, aber auch Kreta und Zypern – nur die Hinflüge natürlich. Ägypten kommt langsamer zurück.

Fernreisen?
Mexiko könnte angeflogen werden, aber es fehlt die Nachfrage. Richtung Dominikanische Republik hingegen gab es mehr Bedarf, dann kam aber der Rückschlag mit den Quarantäneverpflichtungen.

Und die USA?
Das ist ganz schwierig vorherzusagen, die Einreisesperre wird stets verlängert. Kanada hoffen wir im August oder September wieder anzufliegen, ebenso Costa Rica. Ab September beginnt das Wintergeschäft, hoffentlich sind dann die Malediven, die Seychellen, Mauritius und Thailand wieder möglich. Wir hoffen, im Oktober, wenn es keine Rückschläge mit wachsenden Fallzahlen gibt, wieder nahe bei einem 100-Prozent-Kapazitätsangebot zu sein.

Der Ferienflieger

Name: Bernd Bauer
Funktion: Chef Edelweiss
Alter: 54
Familie: verheiratet, zwei Kinder

Das Unternehmen: Edelweiss ist wie die Swiss eine Tochtergesellschaft des Lufthansa-Konzerns. Die Airline fliegt ab Zürich touristische Ziele sowohl auf der Kurz- und Mittelstrecke als auch auf der Langstrecke an. Die Firma hat rund 1100 Mitarbeitende und verfügt über 16 Flugzeuge am Flughafen Zürich.

Podcast zum Thema

Hören Sie im Podcast «HZ Insights»: «Helvetic-Airways-Chef Tobias Pogorevc im Interview: Warum das erste Ziel Mallorca heisst.»

Doch plötzlich gibt es neue Infektions­herde wie auf dem Balkan
… dann ist das Geschäft dort wieder weg. Man muss sehr flexibel sein.

Was bedeuten solche Unwägbarkeiten für Passagiere? Werden noch mehr Flüge kurzfristig storniert?
Kunden können stets stornieren oder ­umbuchen.

Und die Kunden warten wieder ­monatelang auf ihr Geld?
Wir versuchen, das Geld so schnell wie möglich zurückzuzahlen. Viele Kunden buchen auch für den Herbst oder nächsten Sommer um. Wir haben keine grossen Rückstände mehr gegenüber Reisebüros und Kunden.

Wie ändert sich das Reiseverhalten?
Wir haben stets Wert gelegt auf die Qua­lität des Reisens, wir waren nicht in ­diesem Geschäft, um Menschen nur für einen Tag ans Mittelmeer zum Apéro und wieder zurück zu fliegen. Reisen hat bei uns immer einen Qualitätsanspruch, das wird so bleiben. Diese Nachfrage wird es immer geben, andere Menschen und Kulturen zu besuchen, sich zu erholen.

Wird den Menschen wegen der Krise das Geld fürs Reisen fehlen?
Das müssen wir beobachten. Derzeit sehen wir eher Nachholeffekte, endlich in die Ferien zu kommen – die Nachfrage ist gross in der Schweiz.

Welche Änderungen gibt es an Bord?
Wir haben die Maskenempfehlung in eine Maskenverpflichtung umgewandelt. Schon bisher sind aber 95 Prozent unserer Passagiere mit Maske geflogen. Unsere Flieger sind mit Mikrofiltern ausgestattet; die Möglichkeit, sich anzustecken, ist sehr gering.

Wer die Maske nicht aufsetzt, fliegt nicht mit?
So weit würden wir nicht gehen. Wir appellieren an die Passagiere und haben genügend Masken an Bord, wenn jemand eine braucht.

Wie verändert sich das Bordprodukt?
Wir hatten vergangenes Jahr ein neues ­Essenskonzept eingeführt, es kommt in ­einer Box verpackt. Das bleibt so. In der Business-Klasse auf der Langstrecke gibt es einen Restaurantservice, da wird das Essen vorab angerichtet und direkt an den Platz gebracht.

Lufthansa bietet eine Home-Coming-­Garantie in Corona-Zeiten. Auch für ­Edelweiss-Kunden?
Über die mit Swiss-Code gebuchten Edelweiss-Flüge sind wir mit dabei. Aber auch mit den Tour-Operatoren haben wir ein ­Agreement, alle Passagiere wieder zurückzubringen.

Der Lufthansa-Konzern verändert sich stark, muss sparen. Welche Rolle hat nun Edelweiss?
Edelweiss war immer ein wenig ein Exot im Lufthansa-Konzern, klar im Ferienreise-­Segment positioniert. Remote-Arbeiten, Digitalisierung – das spricht eher gegen Geschäftsreisen, aber nicht gegen Ferienreisen. Unsere Erfahrungen können wir gut in Frankfurt einbringen, wir sind im Konzern gut aufgestellt.

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Geparkte Flieger der Airline Edelweiss

Alle 16 Edelweiss-Maschinen waren während des Lockdowns parkiert, jetzt fliegen sie wieder.

Quelle: ZVG

Wo müssen Sie sparen?
Wir richten uns am Schweizer Markt aus. Haben ein striktes Kostenmanagement, Projekte gestoppt, Salärbestandteile verschoben und einen Einstellungsstopp. Zudem ist die Kurzarbeit vorerst bis Februar 2021 beantragt.

Werden Sie Mitarbeitende entlassen?
Wir haben keine solchen Pläne.

Welche Folgen hat die Flugticket­abgabe?
Wir haben damit gerechnet, finden allerdings, man sollte internationale Themen nicht auf nationaler Ebene lösen.

Die Tickets werden also um die Abgabe teurer?
Wir werden unsere Preise nicht reduzieren können, haben gewisse Kosten, die wir decken müssen.

Ryanair drückt derweil viele günstige ­Tickets in den Markt.
Ich finde das eine gefährliche Tendenz: Es generiert Nachfrage, ist jedoch verheerend fürs Ergebnis. Wir halten unsere Preise auf dem Vor-Krisen-Niveau.

«Edelweiss war immer ein Exot im Lufthansa-Konzern, klar für Ferienreisen positioniert.»