Apple hat nicht lange ge­fackelt und seine Drohung wahr gemacht: Das Entwicklerkonto des «Fortnite»-Herstellers Epic Games wurde gekündigt, nachdem Epic eine Klage gegen Apple eingebracht hat und nicht klein ­beigab. Apple hat daraufhin den Gaming-­Hersteller von einem seiner wichtigsten Distributionskanäle für sein umsatzstärkstes Computerspiel «Fortnite» verbannt.

Der Rechtsstreit hat mittlerweile ein ­internationales Ausmass erreicht und geht weit über den Streit mit Apple hinaus. Die Rebellion, die der US-Spielehersteller anzettelte, geht nicht mehr nur ihn was an, sondern sämtliche Anbieter, welche eine App und In-App-Käufe über Apple oder Google vertreiben, etwa den Musikstreamingdienst Spotify, die Spieleplattform ­Steam, E-Book- und Hörbuchhändler. Es geht um Marktanteile – und um viel Geld. Der Disput hat das Potenzial, zum Präzedenzfall für eine Milliardenbranche zu werden – nicht nur für die Gaming-Industrie.

Auch Spotify-Klage noch hängig

Bereits 2015 hatte sich der Musikstreamingdienst Spotify an der vermeintlichen Wegelagerer-Politik von Apple gestossen. Spotify forderte damals seine Nutzer auf, über den App Store abgeschlossene Abos wieder zu kündigen. Eine Einigung wurde bislang nicht erzielt, eine Klage von Spo­tify gegen Apple ist immer noch hängig. Umgekehrt schlug Apple 2018 gegen die Internetspiele-Plattform Steam zurück und entfernte die App Steam Link aus ­seinem Store. Die App ermöglichte es ­Nutzern, Steam-Spiele geräteübergeifend laufen zu lassen. Auch ohne die sonst bei iOS üblichen In-App-Kaufmethoden und damit ohne Provision für Apple.

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Zusätzlich Öl ins Feuer rund um den Fall Epic versus Apple goss dieser Tage Facebook-Chef Mark Zuckerberg: In einer Live-Video-Ansprache an seine 50 000 Mitarbeitenden sagte er, Apple habe Apps «im Würgegriff», was es dem Unternehmen erlaube, «Monopolrenten zu verlangen». Apples Kontrolle über den App Store blockiere Innovationen und Wettbewerb.

Der Epic-Rivale ist der lachende Dritte

Vom Streit zwischen Epic Games und Apple könnte die dänisch-amerikanische Softwarefirma Unity Technologies – Erzrivale von Epic – noch profitieren. Die Firma kündigte unlängst einen Börsengang an und darf nun obendrein hoffen, nach Apples Rauswurf Epic Marktanteile abzujagen. Entwickler könnten in der Folge von der Unreal Engine von Epic zu den Tools von Unity wechseln. Unity bietet ein Tool-Set für Spieleentwickler, Automobildesigner und Filmstudios an. Die Unity-Plattform hat 1,5 Millionen Entwickler an Bord und wird bereits bei mindestens 50 Prozent der für Handys, PC und Konsolen entwickelten Spiele verwendet.

Sogar die EU-Kommission hat Apple nach dem Epic-Fall verstärkt auf dem Kieker. Auf die Frage, ob der Rechtsstreit mit Epic in laufende Kartellrechtsuntersuchungen gegen Apple hineinspiele, sagt eine Sprecherin: «Die Kommission ist sich der Bedenken hinsichtlich der Regeln von Apples App Store bewusst.»

Zuckerbrot und Peitsche

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Grund für den Rauswurf durch Apple ist, dass Epic ein eigenes direktes Zahlungssystem für In-App-Käufe einführte. Mit dem Effekt, dass Zahlungen weg von Apple und hin zu Epic umgeleitet werden. Und mit dem Ziel, Apples angebliches Monopol auf eigene Faust zu brechen und nicht mehr pauschal 30 Prozent Kommission für die Nutzung der Dienstleistungen im App Store abzudrücken (siehe Grafik rechts). Zu viel, wie Epic findet. Ein Vertragsbruch, meint Apple.

Die Fälle Spotify, Steam und jetzt auch Epic stellen zwar ein völliges Diktat der Marktbedingungen durch Apple infrage. Am Prinzip Zuckerbrot und Peitsche des US-Konzerns dürfte das allerdings wenig ändern. Im Wortlaut von Apple klingt das so: «Wir möchten Epic Games im Apple Developer Program und seine Apps im App Store behalten», sagt ein Sprecher. Das Problem, das Epic selbst geschaffen habe, könne leicht behoben werden, wenn es ein Update seiner App einreiche, das wieder den Richtlinien entspreche, denen es zugestimmt habe und die für alle Entwickler gelten. Das Fazit nach konziliantem Ton: «Wir werden für Epic keine Ausnahme machen.»

Ganz verteufeln sollte man die Gebührenpolitik von Apple wohl nicht. Insbesondere in Relation zur bisherigen Entwicklung: Bis 2010 war der Vertrieb von Apps und Games über Mobiltelefone sehr teuer. Nebst den Gebühren für Kredit­karten und anderen Bezahlmöglichkeiten musste ein Obolus an Telekom-und wei­tere Plattformanbieter geleistet werden. Das konnten bis zu 90 Prozent des Umsatzes sein. Bei Apple sind das heute en gros 30 Prozent. Deutlich niedrigere Gebühren ermöglichten nachhaltige Umsätze für Entwickler und haben die Gaming-Szene erst so richtig beflügelt.

Verbindungen in die Schweiz

Für Epic Games geht es nach dem Rauswurf aus dem App Store mittlerweile ums Ganze. Wobei sich der Rechtsstreit mit Apple nicht bloss auf die USA konzentriert, sondern auch die Schweiz betrifft.

Die hierzulande ansässige Epic Games International auf dem Geschäftsareal Root D4 in Luzern beherbergt das Kronjuwel des Spieleherstellers: die Unreal Engine. Die Unreal Engine ist eine Software, die bei der Entwicklung von Konsolen- und Computerspielen eingesetzt wird. Seit der ersten Veröffentlichung 1998 wurde die Engine in zahlreichen Spielen verwendet und auf diverse Betriebssysteme und Spielkonsolen portiert. Ohne die Unreal Engine gäbe es den Kassenschlager «Fortnite» nicht. Und ohne diese Software hätte es Epic Games 2019 nicht auf einen Umsatz von 4,2 Milliarden Dollar geschafft.

Für Erfolg verantwortlich

Besagte Unreal Engine ist massgeblich für den Erfolg von Epic verantwortlich. Sie wird von Drittentwicklern für die Erstellung von Games sowohl für Konsolen- als auch für mobile Plattformen verwendet, darunter auch für Spiele, die derzeit im App Store angeboten werden. Kleine Entwickler, Film- und Fernsehproduzenten bis hin zum Marktriesen Microsoft nutzen diese Software.

Wird mithilfe der Unreal Engine ein Programm gebaut, das für den Entwickler zu einem Umsatz von mehr als 3000 Dollar führt, dann muss dieser 5 Prozent des Bruttoumsatzes an Epic abführen – eine wichtige Einnahmequelle für die Firma. Deswegen ist es für Epic auch so wichtig, dass diese Software auf einem reichweitenstarken Portal wie dem App Store angeboten werden kann. Wenn Apple also das Entwicklerkonto für Epic knickt, dann trifft das die Firma ins Mark.

Und ins Herz der Schweizer Gesellschaft Epic Games International: Für die Abwicklung der Lizenzrechte an der Unreal Engine ist diese Gesellschaft zuständig und teilt sich die Aufgaben mit einer weiteren Dependence im Atrium Business Park im Luxemburger Bertrange, wenn es zusätzlich zu Lizenz- und Steuerfragen um Finanzierungen, Garantien und Bürgschaften für Tochtergesellschaften geht. Transaktionen von Epic ausserhalb der USA werden über Epic Games International abgewickelt.

«Business as usual»

Epic Games gibt keine Auskunft zur Geschäftsstrategie oder zu den Folgen des Rechtsstreits mit Apple. Vielmehr scheint die Devise «business as usual» zu lauten.

Seit der letzten Augustwoche sucht Epic vor allem Zahlenprofis für sein «Inter­national Finance Team» in der Schweiz: einen Ertragsanalysten, einen Filialbuchhalter für die Geschäftstätigkeiten in Serbien und einen Lohnbuchhalter für die Epic-Mannschaft in Grossbritannien. Der Arbeitsort: Luzern. Das Jahressalär: rund 70 000 Franken.

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