Die Corona-Krise hat auch die Immobilienwirtschaft erfasst. Viele Gewerbetreibende geraten wegen der Betriebsschliessung in Zahlungsschwierigkeiten. Können und sollten sie trotzdem die volle Miete bezahlen? Und wollen Wohnungsmieter in einer Pandemie noch umziehen? Andreas Ingold, Chef des Zürcher Immobiliendienstleisters Livit und Präsident des Immobilienverbands, gibt Auskunft.

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Andreas Ingold ist Präsident des Schweizerischen Verbandes der Immobilienwirtschaft SVIT Schweiz und CEO des Immobiliendienstleisters Livit. Der SVIT vertritt die Interessen der Immobilienwirtschaft und repräsentiert Immobiliendienstleister. Livit bewirtschaftet über 70'000 Wohnungen und ist eine Tochtergesellschaft des Versicherers Swiss Life.

 

Quelle: SVIT Schweiz
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Verlangen nun viele gewerbliche Mieter eine Mietzinsreduktion?
Bei Livit haben bis jetzt ungefähr 350 Gewerbemieter einen Antrag auf Mietzinsreduktion oder Mietzinsstundung gestellt. Das sind schätzungsweise 5 bis 6 Prozent aller Mieter von Geschäftsliegenschaften. Die Zahl wird vermutlich noch steigen.
 
Es ist juristisch noch nicht abschliessend geklärt, ob Gewerbemieter wegen der Zwangsschliessung eine Mietzinsreduktion fordern dürfen. Wie stellen Sie sich dazu?
Wir lehnen solche Begehren auch aus rechtlicher Sicht ab. Wir versuchen aber, in dieser ausserordentlichen Situation einen Weg mit den Betroffenen zu finden, beispielsweise durch eine Mietzinsstundung. Es herrscht die Meinung vor, dass man jetzt einander helfen sollte.

Müssen Gewerbemieter jetzt noch die volle Miete bezahlen?

Die derzeitige Zwangsschliessung von Geschäften wirft rechtliche Fragen auf – besonders eine steht im Vordergrund: Haben Mieter nun Anrecht auf eine Mietzinsreduktion, weil sie ohne eigenes Verschulden den Betrieb einstellen mussten? Liegt also im juristischen Sinn ein «Mangel» vor? Die Frage ist rechtlich nicht geklärt. Der Bundesrat hat eine Task-Force mit Vertretern von Mieter- und Vermieterverbänden eingesetzt, die sich um dieses und andere Probleme kümmern soll.

 

Wie sieht eine solche Lösung aus?
Viele Anfragen kamen erst in den letzten Tagen herein, die Lösungen sind also noch nicht definiert. Ich kenne aber aktuell keinen Eigentümer, der nicht für eine Einigung Hand bieten möchte. Beispielsweise indem der Vermieter mit dem Mieter festlegt, dass der Mietzins für einen oder zwei Monate gestundet ist. Und dass dieser die ausstehenden Mieten nach dieser Zeit begleichen kann. Auch die Immobilieneigentümer unterliegen Zahlungsverpflichtungen, die sie zu erfüllen haben – beispielsweise Versicherungsprämien.
 
Sie sind aber nicht bereit, auf einen Teil der Miete zu verzichten?
Unser Ansatz ist es, mit Mietstundungen etwas Luft zu verschaffen.
 
Werden diese Mieter in zwei Monaten das Geld zahlen können?
Das ist ganz schwierig einzuschätzen, ich bin kein Hellseher. Wir schauen, wie sich die Situation momentan präsentiert. Wie es in zwei, drei Monaten aussieht, lässt sich nicht sagen. In der momentanen Lage ist es wichtig, dem Mieter eine gewisse Sicherheit zu geben und ihm Ruhe zu ermöglichen.

Rechnen Sie mit juristischen Auseinandersetzungen?
Das ist nicht unsere Haltung. Wir versuchen, mit den Mietern einvernehmliche Lösungen zu finden, und wollen momentan keinen Druck aufsetzen.

April ist ein wichtiger Umzugsmonat. Nun ist aber laut dem Direktor des Bundesamts für Wohnungswesen derzeit von Umzügen abzuraten. Erwarten Sie ähnlich viele Wohnungswechsel wie in anderen Jahren?
Das Bundesamt für Wohnungswesen hat sich dazu sehr schwammig geäussert. Man dürfe zwar zügeln, aber es sei davon abzuraten. Es wäre ein Desaster, wenn man jetzt nicht zügeln könnte, das hätte eine Kettenreaktion zur Folge. Es gilt jetzt, eine klare Regelung zu finden.

Kein Zügelstopp – aber von Umzügen wird abgeraten

Der 31. März ist in vielen Mietverträgen offizieller Kündigungstermin. Zehntausende Personen wechseln im April üblicherweise die Wohnung. In diesem April ist aber vom Umzug abzuraten – dies war der Tenor an einem vom Bundesamt für Wohnungswesen BWO am Dienstag einberufenen «Runden Tisch» von Vertretern der Immobilienbranche. «Es gilt allerdings kein eigentlicher Zügelstopp», betonte der Direktor des BWO, Martin Tschirren. «Man kann umziehen, wenn es nötig ist.» Allerdings sei es derzeit «sehr anspruchsvoll», bei einem Umzug die vorgeschriebenen Hygieneregeln einzuhalten.

 

 

 

Können die Hygienevorschriften bei einem Umzug eingehalten werden?
Ja, wir haben klare Vorgaben, ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der ausziehende Mieter hinterlegt die Schlüssel in der Wohnung. Er muss den Bewirtschafter also nicht begleiten. Dieser nimmt die Wohnung ab, desinfiziert die Schlüssel und deponiert sie wiederum in der Wohnung. Der neue Mieter kommt alleine in die Wohnung, begutachtet sie und meldet mögliche Mängel.
 
Viele Mieter und Wohnungsinteressenten sind verunsichert. Manche werden in der aktuellen Situation nicht umziehen wollen.
Auch hier gilt, dass wir keinen Druck machen. Grundsätzlich schlagen wir Mietern Termine und Vorgehensweisen vor. Falls nun einige davon dennoch nicht zügeln wollen, müssen wir eine Lösung finden. Wir zwingen aber niemanden.
 
Rechnen Sie mit ähnlich vielen Wohnungswechseln wie in vergangenen Jahren zu dieser Zeit?
Bei Livit haben wir für Ende März/Anfang April rund 1000 Wohnungswechsel geplant. Das ist ein normaler Wert, hängt aber auch damit zusammen, dass viele dieser Umzüge vor der Corona-Krise eingeleitet wurden. Der Mietvertrag wurde zum Teil schon im Dezember unterschrieben. Wir rechnen also mit ähnlich vielen Umzügen. Aber es wird sicher Leute geben, die jetzt nicht umziehen wollen.