Wäre Greta Thunberg Chefin eines Börsenkonzerns, müsste sie jetzt Gewinnwarnungen absetzen. Im Zuge der Corona-­Krise hat die weltweit bekannte Klima-Aktivistin massiv an Aufmerksamkeit eingebüsst. Vom Radar verschwand damit auch das Thema CO₂, das noch vor wenigen Monaten die politische Landschaft dominierte.

Doch Florian Teuteberg glaubt weiter an die Relevanz dieser Sache: «Die Klimathematik mag aktuell etwas verdrängt worden sein. Aber sie ist und bleibt ein wichtiges Thema für die nächsten Jahre», sagt der Chef von Digitec Galaxus. Deshalb schaltet Teuteberg jetzt ein ehrgeiziges Programm live, über das die Firma lange brütete: CO₂-neutrales Einkaufen. «Wir arbeiten seit einigen Monaten an diesem Projekt», sagt Teuteberg. «Wir starten in der Schweiz und in Deutschland zeitgleich Anfang Juni.»

Individuell für jedes Produkt

Im Unterschied zu den bisher markt­üblichen CO₂-Kompensations­pro­­grammen, die in der Regel alle Einkaufsgegenstände pauschal behandeln, setzt man bei Digitec Galaxus auf ein neuartiges Modell, das jedem Artikel einen eigenen Kompensationswert beimisst. Kunden, die freiwillig kompensieren wollen, entrichten beispielsweise einen Klima-Obolus von 10 Rappen für eine 45-fränkige iPhone-Hülle. Für ein 599-fränkiges Huawei-Smartphone sind es 4.20 Franken.

Stärker ins Gewicht fällt die Abgabe für ein Ledersofa von 1000 Franken, hier sind es je nach Hersteller 50 bis 100 Franken. Das Modell rechnet nicht nur den Fussabdruck des Produkts in Tonnen CO₂, sondern berücksichtigt auch eine «Markenkorrektur». Was bedeutet: Hersteller, die ihre Wertschöpfungskette auf erneuerbare Energien umstellen, werden in der Kalkulation bevorzugter behandelt als solche, die im alten Muster arbeiten.

Ins Modell fliessen ferner Produktgewicht, Liefereffizienz bis zum Kunden nach Hause und ein Retouren­faktor ein. Und das über die gesamte Palette, sagt Teuteberg: «Es ist nun mal nicht das Gleiche, ob eine iPhone-Hülle, ein Smartphone oder ein Ledersofa produziert wird. Dem trägt unser Modell Rechnung. Die Formel gilt für alle unsere drei Millionen Produkte – und die Berechnung erfolgt auf der Basis von Produktgruppe, Gewicht und Her­steller.»

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Drei Millionen – geht das wirklich?

Das Programm, er­arbeitet mit der Zürcher Firma South Pole, einer Anbieterin von Klimaschutzlösungen, folgt dabei dem Cradle-­to-Customer-Ansatz, deckt also den Produktlebenszyklus von der Entstehung bis zum Wohnort des Kunden ab. Je nachdem, wie weit weg eine Schweizer Kundin vom Digitec-Galaxus-Warenlager lebt, verändert sich der Kompensa­tionsbetrag – weil der Lieferweg beispielsweise ab Wohlen AG ins Tessin länger ist als nach Aarau. Diese letzte Meile spielt allerdings nur eine mi­nimale Rolle. Sehr viel wichtiger sind Werte wie der Fussabdruck des Produkts in Tonnen CO₂.

Klimaexperten anerkennen das ­Modell von Digitec Galaxus und glauben, dass mit dieser detailorientierten Methode eine Art Blaupause für die ganze Branche geschaffen werden könnte. «Der Ansatz ist zu begrüssen, weil er jene Hersteller belohnt, die auf klimafreundliche Produktion setzen», sagt Philipp Bolt, Projektleiter bei der Umweltberatungsfirma Carbotech: «In dieser Art habe ich das noch nie gehört.» Von anderen E-Commerce-Händlern wie der deutschen Otto-­Gruppe sei zwar bekannt, dass Umweltkostenmodelle intern zur Anwendung kommen, sagt Bolt, «dass es aber auch für Kunden implementiert wird, ist eine Neuerung».

Trotzdem meldet Bolt Zweifel an, weil es ihm sehr ambitioniert scheint, das neuartige Modell tatsächlich über eine Palette von drei Mil­lionen Pro­dukten so detailliert anzuwenden: «Das scheint mir eine komplizierte Sache zu sein; hier muss wohl mit Vereinfachungen gearbeitet werden.»

«Sehr robustes Modell»

Zentral ist in der ersten Phase natürlich die Frage, ob es wirklich möglich ist, die unglaubliche Menge von drei Millionen Produkten kompensationstechnisch so indi­viduell zu bepreisen, wie dies Teuteberg auslobt. Roman Bolli, Klimaberater bei der Zürcher Firma South Pole und Projektverantwortlicher des CO₂-Projekts von Digitec Galaxus, sagt dazu: «Zum Teil mussten wir Annahmen treffen, die dann auf das ganze Angebot hochskaliert wurden. Insgesamt ist es ein sehr robustes Modell, das sich auf viele statistische Daten abstützt und ständig verbessert wird.» Wo Daten fehlten, habe man Annahmen nach Best-Practice-Ansätzen getroffen, die auf das ganze Angebot hochgerechnet worden seien.

Die erste Milliarde

Online-Champion Digitec Galaxus schaffte 2019 erstmals die Umsatzmilliarde Die Migros-Tochter besteht aus der Gründerzelle Digitec (Unterhaltungselektronik) und dem E-Warenhaus Galaxus. Ende 2018 startete der Deutschland-Ableger Galaxus.de.

Das Geld aus der Kompensation wird in South-Pole-Projekte investiert, in Afrika oder Asien. Für eine spätere Zeit, so Teuteberg, «sind eigene Klimaschutzprojekte nicht ausgeschlossen, eventuell auch in Zusammenarbeit mit unserer Mutterfirma Migros».

Vorteil «Employer Branding»

Was aussenstehende Experten ferner bemängeln: Das System funktioniert nach dem Opt-in-Ansatz. Das bedeutet: Der Kunde muss die Kompensationsmöglichkeit beim Einkauf aktiv anwählen. Viel mehr Schwung erhielte die CO₂-Offensive, wenn Di­gitec Galaxus das Kompensieren von Beginn weg fest einbauen würde und der Kunde die Möglichkeit abwählen müsste (Opt-out). Oder, noch stärker in der Wirkung: Wenn die Migros-­Tochter die übelsten Klimasünder ganz aus dem Angebot kippen würde. Da verweist Bolli mit gutem Recht auf den Auftraggeber Digitec Galaxus: «Letztendlich liegt es am Anbieter, zu entscheiden, wie und mit welchen Mitteln sich solche Anreize setzen lassen.» Teuteberg sagt: «Wir wollen unsere Kunden nicht bevormunden. Jeder soll so einkaufen, wie es für ihn stimmt.»

CO₂-Sünder aus dem Angebot zu werfen, gehöre nicht dazu: «Den Kunden möchten wir weiterhin das volle Sortiment anbieten», sagt Teuteberg. «Gleichzeitig bekommen jene, die das Bedürfnis haben, CO₂-neutral zu ­konsumieren, jetzt die Möglichkeit dazu.» Was für Digitec Galaxus als Möglichkeit herausspringt: ein Vorteil bezüglich «Employer Branding». Mit dem neuartigen Programm wird die Migros-Tochter als Arbeitgeberin ­attraktiver für junge Talente.

Für die Generation Greta also.

Greta im (Um-)Fragetief

Interesse in der Schweiz der letzten zwölf Monate nach dem Stichwort «Greta Thunberg».

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Quelle: Google Trends