Seit Februar gehört Ihnen Germania Flug. Wie fühlen Sie sich als Airline-Chefin?
Das kann ich noch gar nicht so richtig definieren, es kam auch für mich etwas schnell. Die neue Verantwortung muss ich erst realisieren. Bisher konnte ich mich mit meiner Firma Air Prishtina darauf konzentrieren, unseren Kunden Flugtickets Richtung Balkan zu verkaufen und den Airlines die Sorgen des Fluggeschäfts überlassen. Nun ist das ein bisschen anders.

Warum haben Sie gekauft?
Seit Germania in der Schweiz im Jahr 2014 begann, arbeiten wir eng zusammen, in Deutschland schon seit 2012. Die Kooperation war immer sehr gut …

… bis Anfang des Jahres, als Germania ­finanziell in Schieflage geriet. Hat diese ­Situation Ihr Geschäft bedroht?
Wir sind ja keine klassische Airline, sondern verkaufen Tickets. In Deutschland konnten wir schnell Lösungen finden mit Eurowings und Orange2Fly. Für das Nicht-EU-Land Schweiz ist das anders. Man kann zwar mit einer litauischen Airline von Pristina nach Deutschland fliegen, das geht in der Schweiz aber nicht, wenn die Airline nicht in der Schweiz registriert ist. Wäre der Schweizer Ableger Germania Flug verschwunden, hätten wir keine Alternativen mehr gehabt. Es wäre für viele Destinationen fast eine Monopolstellung des Lufthansa-Konzerns entstanden. Das hätte ­unser Geschäft nicht einfacher gemacht.

Wie ist es zum Kauf gekommen?
Es gab Überlegungen, dass das gesamte Germania-Paket verkauft wird. Dann gab es für uns die Chance, nur die Schweizer Einheit der Germania zu retten. Über die Investmentfirma Albex Aviation, die mir und meiner Familie gehört, haben wir uns engagiert. Für Germania in Deutschland haben wir aber nicht geboten.

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Gab es andere Bieter für Germania Flug?
Es gab sie, aber wir haben das Zeitfenster genutzt. Für uns machte es Sinn, die ganze Schweizer Firma zu übernehmen, um sie umzustrukturieren und fit zu machen. Die Leistungen, die Germania Flug bisher von Germania in Deutschland bezog, können wir zum Teil zu geringeren Kosten mit Schweizer Qualität selbst anbieten. Das Callcenter zum Beispiel, da können wir ­einen besseren Service bieten. Unsere Leute sprechen alle Schweizerdeutsch, Hochdeutsch und Englisch. Dieser Umbau ist weiterhin im Gang. Für uns ist wichtig, dass wir ultraschlank sind.

Was sind die ersten Schritte? Schon vor­gestellt bei Piloten und Mitarbeitenden?
Diesen Luxus hatte ich leider noch nicht, da wir mit Hochdruck an der neuen Website und dem Buchungssystem arbeiten.

Hatten Sie nie Zweifel an der Übernahme? Und überhaupt ausreichend finanzielle Mittel, um eine Airline zu führen?
Ich hatte in meinem beruflichen Leben stets neue Herausforderungen. Wir gehen jetzt mit voller Motivation an die Arbeit und wollen die Airline fit machen.

Wie soll das mit dem pleitebelasteten ­Namen Germania gehen?
Wir arbeiten am Rebranding.

Bleiben Sie länger an Bord? Oder reichen Sie Ihre Airline schon bald weiter?
Wir reichen Germania Flug nicht weiter. Wir haben uns engagiert und möchten das vorantreiben.

Sie verfügen in der Schweiz nur über wenige Flieger. Wie wollen Sie so erfolgreich sein? Die Swiss hat knapp 100 Flieger im Einsatz, Edelweiss Air 16.
Es ist eine Herausforderung. Wir werden im Sommer mit vier Maschinen unterwegs sein. Wir können die Ressourcen gut nutzen. Wir schauen, wie wir uns breiter aufstellen und wachsen können. Man will ja nicht stehen bleiben, wo man ist.

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Wird Germania Flug zur reinen Balkan-Airline?
Es wird definitiv nicht nur eine Balkan-Airline sein. Das würde nicht reichen zum Überleben. Dieses Geschäft ist eine gute Stütze, darüber hinaus wollen wir weiter klassische Warmwasserziele wie zum Beispiel Gran Canaria anbieten.

Die Eigentümerin

Leyla Ibrahimi-Salahi ist VR-Präsidentin und CEO der Reisefirma Air Prishtina sowie Eigentümerin Germania Flug. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach der KV-Lehre in Treuhand stieg sie ab dem Jahr 2001 in das Familienunternehmen Air Prishtina in Zürich ein. Seit dem Jahr 2005 ist sie Chefin des ­Unternehmens. Im Februar 2019 wurde sie Eigentümerin der Germania Flug.

Wird die Zahl der Routen wachsen oder schrumpfen?
Wir werden schauen, welche Ziele profitabel sind und wo die Nachfrage ist. Wir machen keine Abenteuer. Richtung Balkan verkaufen wir unsere Flüge direkt. Den Rest machen fixe Plätze mit Reise­veranstaltern aus, aber auch den Einzelplatzverkauf an Kunden über unsere Website gibt es. Jetzt, mit den eigenen Fliegern, können wir unseren Kunden sagen: Wir haben nicht nur den Balkan im Angebot, sondern viele andere Ziele. Da wir eine grosse Community haben und grosses Vertrauen geniessen, ist das eine Win-win-Situation.

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Wer sind Ihre Kunden? Schweizer, die in ihre alte Heimat Kosovo fliegen oder Europäer, die in die Ferien fliegen?
Sowohl als auch. In Deutschland bieten wir mit Air Prishtina etwa Reisen von Orten wie Düsseldorf, Stuttgart, Hamburg und Hannover. In Italien ist es Verona. Das sind Orte, wo die Community der Albaner stark vertreten ist. Als Air Prishtina in den 1980er Jahren anfing, Gastarbeiter in die alte Heimat zu fliegen, gab es zwei Flüge pro Woche. Nun sind es über 600 000 Passagiere im Jahr, die wir transportieren. Das ist ein Ganz-Jahres-Geschäft, nicht nur in den Ferien.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Tour-Operatoren aus? Hotelplan Suisse hatte den Ticketverkauf für Germania-Flug-­Tickets gestoppt.
Unser Ziel ist, mit allen zusammenzu­arbeiten. Allerdings bin ich nicht ins Daily Business der Germania Flug eingestiegen. Das macht das bisherige Management.

Air Prishtina klingt nach Fluggesellschaft. Früher gab es sogar einen eigenen Flieger mit schwarzem Doppeladler auf rotem Grund am Heck. Was wurde daraus?
Das war vor vielen Jahren. Damals war ich gerade ins Geschäft meines Vaters ein­gestiegen. Ich hatte das Projekt etwas ­begleitet, aber hatte keinen Einfluss auf die damaligen Entscheidungen. Es war ein ­gebrandeter Jet. Hotelplan hat das mit ­Holiday Jet auch gemacht. Oder Alltours prangte auf einem Germania-Flieger. Ich muss aber nicht den Namen Air Prishtina auf einem Flugzeug stehen haben.

Manche Leute hoffen, dass es mit Ihnen nun eine nationale Airline für den Kosovo gibt.
Das ist sicherlich nicht unser Plan.

Ihr Vater baute Air Prishtina auf. Als er starb, waren Sie 25 Jahre alt. Waren Sie bereit, dieses Erbe anzutreten?
Wir waren gewohnt, dass mein Vater öfter ins Spital musste, aber seine Medizin war die Arbeit. Er ging vormittags von 9 bis 12 ins Büro, von 13 bis 17 Uhr in die Dialyse und dann wieder ins Büro. Als er starb, war ich 25 und die Zweitälteste von sechs Kindern. Der jüngste Bruder war erst 13, die älteste Schwester war nicht sehr involviert in die Firma.

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Die Story der Germania Flug in der Schweiz

PRISTINA
Flughafen Zürich
Swiss-Airbus im Landeanflug am Flughafen Zürich.
Eine Edelweiss-Crew strahlt mit neuen Uniformen bei der Taufe eines A340, dem juengsten Flottenzuwachs der Edelweiss Air, auf den Namen "Melchsee Frutt", auf dem Flughafen Zuerich Kloten, am Donnerstag, 1. Dezember 2016. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Germania
Leyla Ibrahimi-Salahi
Germania Flug A319-Maschine
Germania Schweiz Neustart Uebernahme
Germania Berlin Skopje
PRISTINA
Flughafen Zürich
1|9

In ihrem ersten Interview nach dem Kauf von Germania Flug berichtet Leyla Ibrahimi-Salahi über ihre Pläne.

Quelle: @grund.photo

So war klar, dass Sie übernehmen?
Ich wollte die Familie zusammenhalten. Wir haben ja von der Firma gelebt. Da hat sich für mich nicht die Frage gestellt, ob man das schafft oder nicht. Wir haben dann Reformen durchgezogen, intern aufgeräumt. Es hatte sozusagen zu viele Köche in der Küche.

Das heisst?
Von manchen Familienmitgliedern in der Firma haben wir uns getrennt.

Wollten Sie immer schon Unternehmerin werden?
Ich bin da reingewachsen. Air Prishtina gibt es, seit ich ein Jahr alt bin. Es wurde in der Familie immer übers Geschäft ge­redet. Wir haben das geatmet. Ich hatte aber ehrlich gesagt nicht vor, das Geschäft meiner Eltern zu übernehmen.

Sondern?
Ich wäre vielleicht auch Sportlerin geworden. Fotografie hat mich ebenso gereizt. Aber ich hatte nicht die Zeit, mich beruflich zu entwickeln. Ich bin in Mazedonien geboren und dort drei Jahre zur Schule gegangen, als ich zehn Jahre alt war, zogen wir nach Zürich. Nach der KV-Lehre in Treuhand wollte ich Betriebswirtschaft an der Fachhochschule studieren. Aber es kam anders, weil ich die Firma meiner Eltern übernahm. Ich bin daran gegangen, das Beste daraus zu machen. Das ist uns gelungen.

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Wo stehen Sie jetzt?
Air Prishtina macht rund 60 Millionen Umsatz, es sind fünf Mitarbeitende in ­Zürich und etwa fünfzig im Kosovo im Call- und Servicecenter, das läuft rund um die Uhr.

Der ethnische Reisemarkt, in dem sie ­agieren, hat seine Besonderheiten: Es gibt Fake-Anbieter, die übers Internet wertlose Tickets verkaufen. Zudem sind in Zürich im Herbst 2018 Menschen auf die Strasse gegangen, um gegen hohe Flugpreise zu demonstrieren. Was ist da los?
Den Sinn dieser Demonstration habe ich nicht verstanden. Da gibt es Menschen, die für günstige Flugtickets demonstrierten und gleichzeitig fordern, dass ein Anbieter wie die Swiss die Kosovo-Routen unter seine Kontrolle nehmen soll. Das passt nicht zusammen. Nur einen Anbieter zu haben, bedeutet höhere Preise. Wir sorgen für Preiswettbewerb. Im Sommer ist die Nachfrage generell immer etwas höher und die Preise auch, aber das ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Es gibt bei uns auch Tickets im Juli oder ­August von Pristina Richtung Zürich für rund 50 Franken.

Ist Ihre Kundschaft sehr preissensibel?
Zu unseren Kunden zählen nicht nur ­Manager und Doppelverdiener. Es gibt grössere Familien. Da macht es einen ­Unterschied, ob sie 100 oder 150 Franken pro Familie und Reise sparen können.

Wie gross ist Ihre Zielgruppe?
Es sind Albaner aus Kosovo und Mazedonien, die in der Schweiz leben, sich hier integriert haben, oft auch einen Schweizer Pass haben und weiterhin sehr gute familiäre Beziehungen zur alten Heimat haben – das sind etwa 300 000 Menschen. In Deutschland sind es mindestens genauso viele.

Sie verkaufen Flugtickets auch am Valora-Kiosk. Warum?
Wir kennen unsere Kunden und ihre Bedürfnisse. Nicht jeder ist so affin bezüglich Kreditkarten und Online-Bezahlen. Also haben wir geschaut, wie wir Kunden an uns binden können. Die Valora-Lösung ist für uns ein grosser Erfolg. Kunden können ihre Flugtickets online buchen und dann am Kiosk bar bezahlen. Das läuft gut. In Deutschland gibt es ein ähnliches Projekt, zum Beispiel mit den DM-Drogerien und der Supermarktkette Penny. Das sind 12 000 Verkaufsstellen über den Anbieter Barzahlen.de. Ausserdem bieten wir in der Schweiz den Ticketkauf auf Rechnung an. Ohne Zinsen und Gebühren, inklusive ­Ratenzahlung. Gerade für Familien, die frühzeitig für den Sommer buchen wollen, es aber nicht sofort bezahlen können, ist das eine sehr gute Möglichkeit.

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Und Whatsapp?
Darüber lässt sich buchen und mit uns kommunizieren und dann per Kreditkarte zahlen.

Die Airline-Welt wird dominiert von älteren weissen Männern. Ist das ein Vor- oder Nachteil für Sie?
Weder noch. Ich mache einfach meine Aufgabe. Ich überlege wenig, was die Leute über mich denken. Es gibt eine Aufgabe zu erfüllen. Und bisher hatte ich nicht den Eindruck, dass man nicht ernst genommen wird, wenn man seine Sachen kompetent macht.

Am Flughafen Zürich dominiert die Lufthansa-Gruppe. Wollen Sie an anderen Schweizer Flughäfen ausbauen?
Mit Blick auf Germania Flug möchten wir uns auf den Flughafen Zürich konzen­trieren und uns als Alternative für diverse Destinationen anbieten. Andere Flug­häfen wie Basel sind natürlich weiter im Programm, da betreibt Germania Flug einen Vollcharter für uns Richtung Pristina.

Nach Ohrid in Mazedonien macht Ihnen nun neu auch Edelweiss Air Konkurrenz.
Mal abwarten, was dahintersteckt. Ob das Geschäft von Touroperatoren kommt oder Edelweiss das selbstständig probiert.

Das Unternehmen

Air Prishtina ist ein europä­isches Reiseunternehmen mit Hauptsitz in Zürich. Es verkauft Flugtickets Richtung Balkan und chartert dafür Flieger bei verschiedenen Airlines. Die Firma macht rund 60 Millionen Franken Umsatz.  Air Prishtina kooperiert schon seit einigen Jahren mit Germania. Nachdem der deutsche Ferienflieger kürzlich insolvent wurde, übernahm Air-Prishtina-Chefin Ibrahimi-Salahi mit ihrer Investmentfirma den Schweizer Ableger Germania Flug. Zuvor hielt die deutsche ­Germania 40 Prozent der Anteile,  60 Prozent gehörten unbekannten Schweizer Investoren. Germania Flug betreibt im Sommer vier Flieger und hat 120 Mitarbeitende.

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Was treibt Sie an und was machen Sie, wenn Sie nicht gerade Airlines kaufen?
Ich werde genug beansprucht, ich habe zwei Söhne, die brauchen mich auch. Das Geschäft und das Privatleben unter einen Hut zu bringen, ist meine Herausforderung.

Wohin geht es in die nächsten Sommer­ferien?
Normalerweise hätte ich das jetzt schon gewusst, aber dieses Jahr ist zu viel los. Vielleicht nach Kroatien.

Ihr Business-Motto?
Man muss glauben, was man macht. In meinem Leben gab es immer mal Situa­tionen, wo plötzlich alle Türen zugeschlagen sind und am nächsten Tag haben sich wieder neue Türen geöffnet. Man muss dranbleiben.

Wie transportieren Sie diesen Spirit innerhalb der Firma? Sind Sie oft im Kosovo für Motivationsreden?
Ich bin nicht so oft im Kosovo, wir haben da ein gutes Management, das die Leute motiviert. Wir sind hier eine Familie, ich be­spreche auch Geschäftliches mit meinem Mann oder meinem Bruder. Vieles kommt ja auch spontan, das ist unsere Flexibilität.

Sie sind Schweizerin mit kosovo-alba­nischen Wurzeln. Wie verbinden Sie das?
Zwei Kulturen im Herzen zu haben, empfinde ich als Bereicherung für meine Persönlichkeit. Wenn ich albanische Musik höre, tickt das Herz vielleicht ein wenig ­anders als bei Schweizer Musik. Aber es ist schön, beides zu verbinden. In der Arbeitskultur hingegen gilt die Schweizer Arbeitsmentalität. Unsere Mitarbeitenden leben das auch im Kosovo. Wir haben sozusagen die Schweizer Arbeitskultur exportiert. Das ist nicht selbstverständlich für den Kosovo.

Inwiefern?
Ein Beispiel: Wer für unser Unternehmen arbeiten möchte, der muss nicht zwingend mit uns verwandt sein. Jeder kann sich normal bewerben. Was ich an der Schweizer Arbeitskultur schätze: Man setzt sich ein im Beruf, man ist Teil davon. Man kann sich offen miteinander austauschen, auf Augenhöhe. Das ist im Kosovo anders.

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