Die Kempratner Bucht ist nicht unbedingt eine Gegend, die jedes Schweizer Kind sofort auf der Land­karte einzeichnen könnte. Für Migros-Kinder hingegen wird der ­liebliche Landstrich am Zürichsee vor Rapperswil dieser Tage zum wichtigen Terrain. Vor allem für 22 entscheidende Migros-Kinder: die Verwaltung des Mi­gros-Genossenschafts-Bundes.

Am Donnerstag letzter Woche traf sich die Migros-Verwaltung im Landhaus Gubel, gleich neben dem Grundstück, das Roger Federer für seine Familie bebauen lässt. Auf der Traktandenliste von Mi­gros-Präsidentin Ursula Nold und den 21 Mitgliedern: der Verkauf von Globus. Schlussverkauf. «Gubel» rules.

Mitte 2019 gab die Migros bekannt, dass sie sich von der Gruppe lösen will, die sie 1997 für 700 Millionen Franken übernommen hat. Und in die sie seither unzählige Millionen zusätzlich investierte. «Der ­Verkaufsprozess für die Globus-Gruppe ist wie geplant im Gang», heisst es seitens der Migros, «und wird voraussichtlich in der ersten Hälfte dieses Jahres abgeschlossen sein.» Insider erwarten, dass es schnell geht. Im besten Falle könnte es schon im «Gubel» zu einer Vorentscheidung kommen, die dann nächste Woche kommuniziert würde. Was hochrangige Kader ebenfalls erwarten: dass der Zuschlag ins Ausland geht.

Knapp 1 Milliarde aufgerufen

In bester Position erschien René Benko. Der schwerreiche österreichische Investor ist heute bereits im Warenhausgeschäft tätig. Einerseits über seine Signa-Gruppe als Besitzerin der mittelpreisigen deutschen Gruppe Galeria Karstadt Kaufhof. Anderseits – und im Globus-Kontext interessanter – in Zusammenarbeit mit der thailändischen Central Group als Besitzer der Kadewe Group. Signa hält 49, Central Group 51 Prozent an der hoch positio­nierten Warenhausgruppe, die in Berlin, München und Hamburg mit Flaggschiffen präsent ist und in der gleichen Liga wie Globus spielt.

Wenn Benko irgendwo im Handelsgeschäft aktiv wird, spielen Immobilien meist eine bedeutende Rolle; darum geht es in aller Regel bei den Expansionen des Tiroler Moguls, der sich jüngst glänzend gelaunt mit Gattin Nathalie am Weltcup-Skifest in Kitzbühel zeigte.

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«Die Immobilien der Knackpunkt der Globus-Transaktion. Nur schon das Flaggschiff an der Zürcher Bahnhofstrasse dürfte 400 bis 500 Millionen Franken wert sein.»

Tatsächlich sind die Immobilien der Knackpunkt der Globus-Transaktion. Nur schon das Flaggschiff an der Zürcher Bahnhofstrasse dürfte einen Wert zwischen 400 und 500 Millionen Franken haben; alle acht Gebäude, die ins Paket gehören, werden auf eine Summe zwischen 800 und 900 Millionen Franken taxiert. Das eigentliche Globus-Geschäft gibt es quasi für ein Handgeld dazu.
Zu dieser Schätzung passt das Angebot, das Benko abgegeben haben soll: «Knapp 1 Milliarde Franken» sei aufgerufen, heisst es aus gut informierten Kreisen.

Kann Thomas Herbert die von Benko gebotene Summe stemmen?

Benko ist nicht der einzige Interessent. Insgesamt vier Parteien sollen zu einer Prüfung von Geschäftszahlen zugelassen worden sein und Zugang zum virtuellen Datenraum erhalten haben, in dem detailliertes Globus-Zahlenmaterial lagert. Die einen Bieter dürften vor allem an den Immobilien und deren Entwicklungsmöglichkeiten interessiert sein. Zudem ist da noch der heutige Globus-Chef und Mit-Interessent Thomas Herbert, der das Geschäft weiter betreiben möchte. In der Branche heisst es, er könne vermutlich die von Benko gebotene Summe nicht stemmen.

Sollten die Migros-Gewaltigen also im «Gubel» nur der Spur des Geldes folgen und Benko (oder einem der beiden an­deren Bieter) den Zuschlag geben?

Was für einen börsenkotierten Konzern die normalste Sache der Welt wäre, war es für die genossenschaftlich organisierte Mi­gros nicht. Einerseits wird der Migros ­etwas daran liegen, dass sie Globus in ­Hände übergibt, die nicht nur das Immo-­Portfolio optimieren und statt des Warenhausgeschäfts rentablere Nutzungen wie Büros oder kleinere Retail-Einheiten umsetzt. Dies könnte zu einer Kündigungswelle in den Warenhäusern führen, was nicht zur Migros-Reputation passt.

Die Frage der Feuerkraft

Das Schweizer Gegengift dazu wäre die offenbar tiefere Offerte von Thomas Herbert, der intern wohl als bester Garant dafür gilt, das traditionsreiche Warenhaus Globus auch weiterhin mit jenen Stand­orten zu betreiben, die ausserhalb der Gunst der Immo-Interessenten liegen.

Gleichzeitig aber gilt es in der Migros auch, die Globus-Zukunft weiterzudenken: Was, wenn die Schweizer Wirtschaft in zwei bis drei Jahren in eine Rezession schlittern sollte? Sind Herbert und seine (bisher nicht genannten) Investoren dann kräftig genug, den Downturn durchzustehen? Haben sie die Feuerkraft, um den Online-­Teil voranzubringen? Auf der anderen ­Seite muss die Migros an die eigene Kasse denken. Die bisherige Verkaufswelle der Nonfood-Formate M-Way (E-Bike-Handel), Interio (Möbelhandel) und Depot (Wohnaccessoires) war kein Erfolg.

Die Depot-Delle ausbessern

Im Falle von Depot musste die Migros dem Käufer (und einstigen Inhaber) Christian Gries das Unternehmen quasi schenken und sich obendrein Rückforderungen auf einst gewährte Darlehen im Umfang von 400 Millionen Franken ans Bein streichen. Selbst für einen Riesen wie die Migros kein Pappenstiel. Die 400 Millionen, die in diesem Deal verdampften, sind fast so hoch wie jene 475 Millionen Gewinn, den die Migros 2018 schaffte.

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Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen legt seit Amtsantritt 2018 den Finger auf den wunden Punkt der Migros: auf den Gewinn, der immer stärker sinkt. Mit der Benko-Milliarde kämen quasi im Handstreich zwei Jahresgewinne in die orange Kasse. Wenn auf der Ziellinie nichts mehr geschieht, das die Meinungen komplett über den Haufen wirft, dürfte der «Gubel»-­Gospel so klingen: Vorteil Benko.

  • Dieser Beitrag wurde erstmals am 29. Januar 2020 veröffentlicht und am 4. Februar 2020 aktualisiert.