Was war für Sie stressiger: die Gründung von Tomtom im Jahr 1999 – oder 2007, als Sie realisierten, dass das iPhone und die Dominanz von Google Ihr Unternehmen in schwere See bringen?
Peter-Frans Pauwels: Ich würde einen anderen Zeitpunkt wählen. Es war von etwa 2003 bis 2004, als wir stark wuchsen. Innerhalb von wenigen Jahren von 40 auf 4000 Mitarbeitende, in 30 Ländern. Ein Hyperwachstum. Wir schauten aus dem Bürofenster in Amsterdam und sagten: Jeder, der sprechen und gehen kann, wird eingestellt (lacht).

Tomtom-Navis waren eine Revolution.
Wir demokratisierten die Navigation, schufen ein Gerät, das Karten und Routenplanung vereint. Alles sehr nutzerfreundlich. Das gab es zuvor nicht. Wir haben die Navis schneller verkauft, als wir sie herstellen konnten. Damals produzierten wir in Asien, der Transport auf dem Seeweg dauerte sechs Wochen. Irgendwann haben wir Jumbojets gemietet, um die Navis nach Europa zu fliegen. Es war die am schnellsten wachsende Sparte in der Konsumenten-Elektronikwelt.

Der Tomtom-Aktienkurs kletterte rasant, stürzte dann im Jahr 2007 heftig ab. Seitdem dümpelt der Titel vor sich hin. Warum?
Uns war damals schon klar, dass sich die Produktkategorie der Navis ändern wird. Allerdings arbeiten wir an einem langfristigen Geschäftsmodell. Wir wussten damals, dass jedes Auto einmal ein eigenes Navi eingebaut haben wird. Dies war vor einigen Jahren noch eine gewagte Aussage.

Sie wussten, dass die Konkurrenz aus dem Silicon Valley Ihre Gewinne fressen wird?
Wir konnten nicht wissen, wo die Konkurrenz genau herkommt, aber uns war klar, dass es langfristig gesehen viele Neueintritte in unserem Mark geben wird. Das Geschäft bot ja viel Umsatz und Innovation. Nachdem aber das iPhone lanciert wurde und GPS in den Apple-Geräten folgte, war dies der Moment, in dem Navigation kostenlos wurde.

Schlechte Nachrichten für Tomtom.
Natürlich. Wir wussten: Irgendwann werden unsere Produkte ersetzt werden. Deshalb brauchten wir gutes Kartenmaterial, am besten weltweites. Es gab nur zwei Unternehmen, die digitale Strassenkarten hatten, Tele Atlas war eines davon. Wir entschieden, in einen Übernahmekampf einzusteigen. Hätten wir das nicht gemacht, wären wir heute sicherlich in einer sehr schlechten Ausgangslage; die Firma ist heute ein Diamant in unserer Krone. Aber wegen des Kaufs befanden wir uns finanziell in einer ungünstigen Situation, was unsere Bilanz betraf. Dann kam 2009 noch die Kreditkrise hinzu.

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Co-Gründer von Tomtom

Informatiker Peter-Frans Pauwels war der ursprüngliche Produktentwickler bei Tomtom. Seine erste Aufgabe war die Entwicklung und der Vertrieb neuer Softwarelösungen für Handheld-Computer in Europa. Im Jahr 1994 wechselte er in die Position des Chief Technical Officer. Während seiner Zeit als CTO leitete der heute 54-Jährige die Entwicklung des ersten Navigationssystems. Tomtom Navigator lief auf PDA und bot Kunden in ganz Europa erstmals eine benutzerfreundliche und kostengünstige Navigationslösung.

Und wo stehen Sie jetzt? Der Tomtom-Kurs geriet zuletzt abermals stark unter Druck.
Es gab eine schwierige Zeit bis zum Jahr 2013, dann sahen wir aber Licht am Ende des Tunnels. Nun sind wir gut unterwegs.

Das extreme Auf und Ab in der Firma – was macht das mit Firmengründern wie Ihnen, die immer noch an Bord sind? Was hält Sie zusammen?
Wir ergänzen uns gut, was Fähigkeiten und Charaktere angeht. Und wir respektieren einander.

Was ist genau Ihre Rolle?
Ich bin Co-Gründer und agiere zwischen Marketing und Produktmanager. Ich wache in der Nacht auf, und dann fällt mir ein, was wir brauchen.

Und dann gehen Sie zum CEO?
Genau. Oder ich sag ihm: Hier, schau, was wir gemacht haben.

Die Tomtom-Gründer haben nach dem Börsengang finanziell längst ausgesorgt. Was treibt Sie an? Geld allein kann es nicht sein.
Es geht mir nicht ums Geld, sondern um eine geistige Herausforderung und darum, Verantwortung für die Firma und ihre Mitarbeitenden zu übernehmen. Wir sind im Tech: Jedes Jahr gibt es was Neues. Es ist super aufregend.

Sie müssen Ihre Firma ständig neu erfinden.
Ja.

Was ist Ihr Rat an Startup-Gründer, die nicht so viel Geld im Rücken haben, aber sich trotzdem jeden Tag motivieren müssen?
Letztlich ist es doch eine Freude, innovativ sein zu können. Und eine Firma und bestimmte Ziele voranzutreiben. Man muss immer versuchen, besser als die anderen zu sein.

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Wie soll die Zukunft von Tomtom aussehen? Fest eingebaute Navi-Geräte sind es ja nicht mehr.
Es geht ums autonome Fahren und um die Transformation der Mobilität. Es ist eine Zukunft, in der wir mit autonomen Fahrzeugen, die mit sauber produziertem Strom angetrieben werden, sicher unterwegs sind. Darauf arbeiten wir hin und dafür braucht es detaillierte Strassenkarten und Software, damit es funktioniert.

Bisher sagte uns das Navi, das wir per Saugnapf an die Frontscheibe geklebt haben, wo die Reise hingeht. Bald macht es im Auto eingebaut der Computer?
Exakt. Und dafür braucht es eine Menge Daten. Seit dem Jahr 2007 sammeln wir diese Daten anonymisiert. Sie helfen uns dabei, unsere Dienste wie beispielsweise Verkehrsinformationen zu verbessern.

Das wissen Ihre Kunden?
Ja, das wissen sie.

Vor einigen Jahren geriet Tomtom unter Druck, weil Sie Daten an die Polizei in den Niederlanden lieferten, um Raser zu fangen.
Wir sind nicht an den Daten über die Nutzer, also die Individuen interessiert, sondern an Daten über das Strassennetz. Von Anfang an haben wir Garantien eingebaut, dass das funktioniert. So werden die Daten anonymisiert, denn wir wollen wissen, wo der Stau ist. Nicht, wer im Stau steht.

Peter-Frans Pauwels, Tom-Tom Gründer im Gespräch mit dem Journalisten Tim Höfinghoff

Peter-Frans Pauwels im Gespräch mit «Handelszeitung»-Redaktor Tim Höfinghoff.

Quelle: Sophie Stieger / 13 Photo
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Ihr globaler Traffic-Index zeigt, wo die meisten Staus sind. Wer steht wo wie lange am meisten im Stau?
Weltweit führt Mumbai.

Und in der Schweiz?
Die gute Nachricht: Schweizer Städte sind, was Staus angeht, nicht die schlimmsten weltweit. Allerdings gibt es in Genf die meisten Staus des Landes. Hier verbringen Autofahrer im Tagesdurchschnitt 33 Prozent zusätzlicher Fahrzeit im Stau. In Zürich sind es 31 Prozent. Pendler verlieren damit in Zürich 120 Stunden pro Jahr durch Stau und Verkehr. Diese Informationen sind nicht nur für Autokonzerne und ihre Kunden wichtig. Auch Firmen wie Apple und Uber benötigen sie. Wir analysieren dazu ständig Milliarden von Daten.

Zudem vermessen Sie die Welt per Kamerawagen. Was fotografieren Sie genau? Ampeln? Verkehrslinien?
Wir haben bisher die Welt vermessen, damit man gut von A nach B fahren kann. Nun geht es darum, den selbst fahrenden Autos zu helfen, ihre Entscheidungen zu treffen. Dafür braucht es andere, viel genauere Karten, die wir High-Definition-( HD-)Karten nennen. Deshalb vermessen wir die Welt neu, mit eigenen Fahrzeugen, die alles aufnehmen mit Kameras und Laser-Radar. Alles in HD. Das gibt uns eine HD-Karte der Welt, die ein selbst fahrendes Auto nutzen kann und dass immer bekannt ist, in welcher Position sich der Wagen befindet. Zentimetergenau.

Da müssen Sie aber viel herumfahren.
Klar, wir konzentrieren uns erst mal auf Regionen, von denen wir glauben, dass zunächst hier autonome Fahrzeuge viel unterwegs sein werden. Das ist primär in Westeuropa und Nordamerika der Fall. Tomtom nutzt innovative Technologien und künstliche Intelligenz – also weit mehr als nur mobile Kartografiefahrzeuge – für den Kartenerstellungsprozess.

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Wie weit sind Sie?
Wir haben mit den Autobahnen angefangen. Die HD-Karten decken weltweit über 400 000 Kilometer ab.

Peter-Frans Pauwels, Tom-Tom Gründer an der Pfingstweidstrasse fotografiert

Peter-Frans Pauwels will mit Tomtom den Stau-Frust auf den Schweizer Strassen lindern.

Quelle: Sophie Stieger / 13 Photo

Google und andere Anbieter schicken längst auch Kamerawagen auf die Strasse.
Natürlich, das ist Wettbewerb. Wir wollen allerdings eine HD-Karte, andere hingegen sind auch an Fotos von Geschäften interessiert, das interessiert uns nicht.

Auch Here Technologies, an dem unter anderem BMW, Daimler und Audi massgeblich beteiligt sind, liefert Karten.
Die Autohersteller, die nicht dazugehören, brauchen auch Karten. Da können wir sagen: Wir sind unabhängig. Und bezüglich Google Maps: Das ist nicht gerade aus Sicht der Autofahrer entwickelt, sondern eher aus der Sicht des Kartengeschäfts, das auf das Individuum abzielt, um Werbung besser zu platzieren. Sie zielen auf den Endverbraucher ab. Das tun wir nicht. Unsere Kunden sind primär Autohersteller oder Apple.

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Strassenschilder ändern sich, ebenso Strassen. Sie müssen ständig neue Karten liefern, um aktuell zu bleiben.
Derzeit sind noch nicht so viele autonome Autos unterwegs. Aber alle sind mit Kameras und Sensoren ausgestattet. Anfangs brauchen alle eine Basisversion der Karten. Je mehr Fahrzeuge unterwegs sind, desto mehr Daten werden sie liefern und dann diese Änderungen auch automatisch mitteilen.

Warum solle Tesla ein Interesse daran haben, die aufgezeichneten Daten mit Tomtom zu teilen?
In der Branche versteht man, dass es effizientes und gutes Feedback braucht und das Teilen solcher Informationen nötig ist.

Ist es für Sie sehr frustrierend, dass Google mit seinen tiefen Taschen so oft in vielen Bereichen die Standards setzt?
Absolut. Sie sind stets der grosse Elefant im Raum. Aber das hilft uns auch, flink und klug zu bleiben und schnell Entscheidungen treffen.

Vergangenes Jahr entschieden Renault, Nissan und Mitsubishi, Google-Infotainmentsysteme in ihren Fahrzeugen zu nutzen. Ein herber Rückschlag für Tomtom.
Ja, das war ein entscheidender Moment. Wir müssen sehen, was daraus wird. Es war das erste Mal, dass ein grosser Autohersteller sagte, Google kommt nun in die Wagen. So wie es auch schon viele Hardwarehersteller mit Android, dem Google Betriebssystem, gezeigt haben. Das belegt: Sie verlieren den direkten Kontakt zum Kunden, wenn man einen anderen Hersteller das Betriebssystem liefern lässt. So gesehen war es ein wegweisender Entscheid.

«Wir müssen sicherlich noch etwas besser erklären, woran wir arbeiten.»

Tomtom-Mitgründer Peter-Frans Pauwels
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Warum sollte überhaupt noch jemand ein Navi von Tomtom kaufen? In der Schweiz gibt es sogar Modelle, die mehr als 400 Franken kosten.
Dies sind hochwertige Geräte, die beim Kunden ankommen. Hochwertig insofern, als sie genaue Daten haben, was Navigation und Staus angeht. «In 200 Meter kommt ein Stau», wird da etwa gemeldet, und dann kommt da tatsächlich auch ein Stau. Das finden viele Nutzer sehr hilfreich, besonders wenn sie beruflich oft unterwegs sind.

Wie laufen sonst die Geschäfte in der Schweiz?
Schweizer geben gerne viel Geld für qualitativ hochwertige Produkte aus. In Deutschland ist das etwas anders. Im Vergleich zu Nachbarländern gab es allerdings in der Schweiz schon immer strenge Regeln bezüglich Infos in den Navis, die vor Geschwindigkeitskontrollen warnen. Dies wurde in den Tomtom-Geräten für die Schweiz abgestellt. Hinzu kommt: Viele unserer Kunden merken gar nicht, dass sie uns nutzen. Wir verkaufen ja nicht mehr wie früher so häufig an den Endkunden, sondern primär an Autohersteller, die unsere Dienste in ihre Fahrzeuge einbauen. Daher merkt der Nutzer nicht direkt, dass die Stauinfo oder das Kartenmaterial von uns ist.

Früher verkaufte Tomtom auch Fitness-Tracker und Action-Kameras. Bald wieder?
Nein, das ist alles vorbei, seit zwei Jahren schon. Vielleicht gibt es im Internet noch Restgeräte, die angeboten werden. Aber wir sind in anderen Bereichen besser und fokussieren auf das autonome Fahren.

Bis alle Welt autonom fährt, wird es aber noch eine ganze Weile dauern.
Der Trend zum autonomen Fahren ist auf jeden Fall da. Bisher gibt es noch verschiedene Stufen, also Technologien, die den Fahrer unterstützen, beispielsweise beim Spurassistenten. Bis zum sogenannten Level- 5-Fahren, bei dem der Computer alles komplett alleine steuert, dauert es sicherlich noch viel länger. Aber das Fahren wird mit der Zeit immer autonomer. Derweil testen wir ein eigenes autonomes Fahrzeug, um zusätzliche Erfahrungen zu sammeln. Wir sind für die Zukunft sehr gut aufgestellt.

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Warum scheint das am Aktienmarkt niemand zu merken?
Es ist immer schwer zu verstehen, wie der Aktienmarkt funktioniert, aber wir müssen sicherlich auch noch etwas besser erklären, woran wir arbeiten.

Tomtom-Navigationsgerät

Tomtom revolutionierte mit seinen Navigationsgeräten die Routenführung.

Quelle: ZVG

Der Navigator

30 Länder: Der Anbieter von Navigationsgeräten, Tomtom, wurde 1991 in Amsterdam gegründet, ist seit 2005 an der Börse und in 30 Ländern vertreten. Tomtom-Mitgründer Peter-Frans Pauwels kam als Referent zum diesjährigen Digital Festival nach Zürich. Dort diskutierten 3000 Besucherinnen und Besucher über Technologie, Innovation und Digitalisierung. Pauwels sprach über die Zukunft der Mobilität.

Umsatz: Tomtom machen sinkende Umsätze zu schaffen: Im dritten Quartal reduzierten sich die Erlöse um 7 Prozent auf 164 Millionen Euro. Fürs Gesamtjahr erwartet Tomtom nur noch einen Umsatz von um die 700 Millionen Euro. Der Navi-Pionier setzt verstärkt auf Software-Lösungen. Der operative Gewinn (Ebitda) fiel zuletzt um fast zwei Drittel auf 15,9 Millionen Euro.

Aktienkurs von Tomtom
Quelle: Teletrader.com Publisher
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