Der schwere Insiderfall Ziegler hat Auswirkungen bis ins mondäne Rockefeller Center in New York. Dort logieren die Spitzen der weltweit tätigen Investmentbank Lazard, einer der ältesten und angesagtesten Adressen für Beratung im Geschäft mit Mergers and ­Acquisitions. Denn das Wissen, mit dem Ziegler zockte, stammte aus Schweizer ­Beratungsmandaten von Lazard, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen.

Ziegler war zwischen 2014 und 2016 für Lazard als Senior Advisor in Zürich tätig. Geholt wurde der bestens vernetzte Berater wegen seines Wissens über die Schweizer Wirtschaft und seiner Erfahrungen bei Firmenverkäufen und Sanierungen. Lazard wiederum war ein interessanter Partner für Ziegler. Die Bank gilt als gute Adresse für Deals – auch in der Schweiz. Von Gategroup über Actelion, Selecta und Charles Vögele bis zum Verkauf von BSI; bei vielen Transaktionen beriet Lazard eine der Seiten.

Oft war Ziegler dabei – und dieser nutzte das Wissen für sich. Über sein privates Konto handelte er mit Aktien der Firmen, die bei Lazard einen Deal planten. Und die der Bank ihre Geheimpläne offenbarten. Vergangene Woche bestätigte das Bundesverwaltungsgericht einen entsprechenden Befund der Finanzmarktaufsicht.
Lazard bestätigt, dass der von der Finma gerügte Berater für den Zürcher Ab­leger der Investment Bank tätig war. «Wir sind tief enttäuscht, dass dieser ehemalige Berater vertrauliche Informationen missbraucht hat, wie von den Schweizer Behörden ermittelt», sagt Firmensprecher Wolfgang Weber-Thedy. Und betont: «Lazard toleriert kein illegales oder unethisches Verhalten.» Ob die Bank nun gegen Ziegler juristisch vorgeht, sagt er nicht.

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Ziegler war Geheimnisträger

Ziegler war mehr als nur ein Berater im Umfeld. Faktisch wurde er wie ein eigener Mitarbeiter von Lazard behandelt. Das ­sagen Leute aus der Branche und das hält auch das Gerichtsurteil fest. Nicht immer waren seine Rollen aber eindeutig. Etwa bei Vögele, wo Ziegler bis 2015 im Verwaltungsrat sass, zuletzt als Präsident. Lazard beriet den Kleiderhändler gleichzeitig bei der Übernahme durch die italienische OVS. Oder bei Schmolz + Bickenbach, die 2015 beim Verkauf von Firmenteilen durch Lazard beraten wurde und in deren Verwaltungsrat Ziegler bis 2016 sass.

Zieglers Rolle bei Lazard spricht dafür, dass er selbst Insider war und direkt an geheimes Wissen kam. Gemäss Gerichts­unterlagen stellt Ziegler die Situation so dar, dass er zwar heikle Informationen genutzt habe, ihm diese aber von einem Mitarbeiter von Lazard zugespielt worden seien. «Ich sage dies deshalb, weil es aus meiner Sicht sinnvoll wäre, eine Person in diesem Zusammenhang zu befragen, nämlich M. (...), der mir aufgrund dieser Position die Informationen gab und dabei darauf hinwies, dass es sich um Insiderinformationen handelte», sagte er in einer Befragung. Die ­Frage, ob Ziegler Primär- oder Sekundär-Insider war, hat letztlich Einfluss auf das Strafmass, das ihm dereinst im noch an­laufenden Strafprozess drohen könnte.

Vor Gericht stritt Ziegler über drei ihm angelastete Insiderdeals, bei denen er ­einen Gewinn von 1,27 Millionen Franken machte. Es dürfte sich um Actelion, Gategroup und Micronas gehandelt haben. Dafür spricht der Vergleich der anony­misiert beschriebenen Fälle mit öffentlich zugänglichen Daten. Und das bestätigt auch jemand, der Einsicht in die Fälle hatte. Den grössten Gewinn erzielte Ziegler offenbar beim Verkauf von Micronas an TDK, bei dem den Aktionären damals ein hoher Aufpreis geboten wurde.

Mehr als nur drei Fälle

Aus den Unterlagen von Finma und Bundesverwaltungsgericht geht aber auch hervor, dass es neben diesen drei Fällen weitere Deals gab. Und die Ziegler offenbar anerkennt. So schrieb die Finma im Enforcementbericht 2017, der Insider habe seine Informationen «einerseits als Organ von Gesellschaften, mit deren Effekten er handelte, und anderseits aufgrund eines Beratervertrages» erhalten. Da er für die im Urteil beschriebenen Unternehmen nicht Organ war, muss es weitere Insider-Deals gegeben haben.

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Im Gerichtsurteil heisst es zudem: «Der Beschwerdeführer hat die Verfügung nur teilweise angefochten und die Auf­hebung der ihn betreffenden Ziffern des Dispositivs nur in Bezug auf die Transaktionen R., S. und T. (die drei beschriebenen Fälle) beantragt. In Bezug auf die übrigen Trans­aktionen hat er die Verfügung nicht angefochten.» Das heisst: Es gab nicht nur mehr als drei Insiderfälle, sondern Ziegler ist auch teilweise geständig. Die Finma wollte keinen Kommentar dazu abgeben.

Hans Ziegler war einer der ganz Gros­sen im Geschäft. Als Financier im Detailhandel gestartet, wurde man Ende der neunziger Jahre auf ihn aufmerksam, als er – als Finanzchef – den schlingernden Interdiscount-Konzern filetierte und das Schweizer Ladengeschäft an Coop verkaufte. Später kamen weitere Engagements dazu. Berühmt war jenes bei der Erb-Gruppe, deren Liquidation er einleitete, weil das Unternehmen nicht zu retten war. Zuletzt wurde vor allem über seine VR-Mandate bei Charles Vögele, Schmolz + Bickenbach und OC Oerlikon geredet. Die letzten gab Ziegler ab, als die Ermittlungen bekannt wurden.

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Auch im Ausland sah man in Ziegler ­einen guten Netzwerker. Die Commerzbank holte ihn als Schweizer Vertreter in einen Beirat. Mittlerweile sei Ziegler nicht mehr dabei, sagt ein Sprecher der Bank. Auch die übrigen Mandate hat Ziegler verloren. Der Job bei Lazard lief 2016 aus – wohl, nachdem seine Nebengeschäfte ausgekommen waren. Noch kürzer war das Gastspiel beim ­Beratungsunternehmen Alix Partners, wo er vor zwei Jahren als Senior Partner anheuerte. Er blieb «bis zum Bekanntwerden der Vorwürfe Ende November 2016», sagt ein Sprecher. Noch gilt für Ziegler für die bestrittenen Insiderdelikte die Unschuldsvermutung. Gegen das Verdikt des Bundesverwaltungsgerichts kann er beim Bundesgericht rekurrieren.