Vier Räder hat das Teil. Dazu eine Griffstange und eine grün umrankte Ladefläche. Dash Cart, das neue Ding von Jeff Bezos, ist ein «Poschti­wägeli» auf Speed.

Ausgerüstet ist das super­smarte Shopping-Device mit Kameras, Sensoren und einer Waage. Damit darf man dem Wägeli-­Rechner getrost die Addition der eingetüteten Ware überlassen.

Wenn Dash Cart gegen Ende Jahr eingeführt wird, so frohlocken Amazon-Jünger, wird der Einkauf zum digitalen Plaisir. Wer heute schon Angst hat vor Amazon, sieht: noch mehr vom Schrecken ohne Ende.

Vom Online-Buchhändler zum grössten Tech-Konzern

Per Dash Cart erhält Amazon noch mehr Einblick ins Kundenverhalten. Was sie wann in den Wagen legen oder wieder ins Regal zurückstellen: Amazon hat den Durchblick. Der Algorithmus, bei dem jeder mitmuss.

In 26 Jahren hat Jeff Bezos sein Unternehmen vom Online-Buchhändler zum hinter Apple grössten Tech-Konzern der Welt gemacht. Seine Devise: Innovieren, Reinvestieren, Expandieren.

Mögen andere Firmen im Laufe der Jahre erschlaffen oder durch ihre schiere Grösse zur Selbstadministrierung neigen – Multimilliardär Bezos konnte die fiebrige Startup-Mentalität beibehalten.

«Jeff Bezos hat mit Merkmalen wie extremer Kundenorientierung und Kulanz in vielen Märkten sehr früh Standards und Benchmarks gesetzt; Kunden, die den E-­Commerce erstmals kennenlernten, blieben so bei Amazon», sagt Ralf Wölfle, Leiter Kompetenzschwerpunkt E-Business an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW.

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Organisatorisch sieht Wölfle Amazon mit einer «unglaublichen Dynamik unterwegs. Viele dezen­trale Stellen sind mit grossen Mitteln und Kompetenzen ausgestattet und können so sehr innovativ agieren.» Amazon, sagt Wölfle, «wurde über die Jahre zwar zum riesigen Firmentanker, ist aber in vielerlei Hinsicht weiterhin als Schnellboot unterwegs».

Bücher, Fitness, Weltall

Bezos hat eine Welt für Konsumenten geschaffen, die das Leben bequem macht – längst nicht mehr nur per Mausklick und ultraschneller Lieferung; dank der hauseigenen künstlichen Intelligenz namens Alexa braucht der Kunde nicht einmal mehr den Computer oder das Smartphone zu bedienen, um zu bestellen oder um zu wissen, wie das Wetter morgen wird.

Und Amazon dringt in immer mehr Bereiche des Lebens vor, jüngstes Beispiel: Mit dem Fitness-Tracker Halo steigt der Tech-Riese ins Geschäft mit Wearables für die ­Gesundheit ein.

Und sogar das Weltall will Bezos in Zukunft erobern – mit seinem Unternehmen Blue Origin baut er eine Mondraumfähre, 2024 soll sie erstmals ins All stechen, mitsamt Satelliten-Trägerraketen für die Nasa.

Davor aber baut Bezos sein Reich auf ­Erden weiter aus: 100'000 Mitarbeitende will Amazon in Nordamerika neu einstellen und 100 neue Betriebsgebäude hinklotzen.

Gewinner in der Coronakrise

Amazon war ­einer der grössten Gewinner in der frühen Phase der ­Corona-Pandemie – und will auch im weiteren ­Verlauf der Seuche zu den Profiteuren gehören.

Das Geschäft in der Schweiz

Mit einem Anteil von 17 Prozent der Top-Ten-Online-Händler erreicht Amazon hierzulande nicht eine Wucht wie in Deutschland (49,4 Prozent) oder Österreich (44,5 Prozent).

Die E-Schweiz gibt das Bild eines Landes ab, in dem einheimische Player (noch) tonangebend sind: «Amazon führte die Schweiz immer nur nebenher. Dieses eigentliche ‹Nicht-Engagement› führte unter anderem dazu, dass sich lokale Player wie Digitec entwickeln konnten», sagt Ralf Wölfle von der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Aber auch wenn Amazon hierzulande weder Domain noch Domizil hat: Bestellungen auf Amazon.de und Amazon.fr wachsen Jahr für Jahr. Im hochrentablen Cloud-Bereich Amazon Web Services (AWS) hingegen ist das Unternehmen physisch vertreten. AWS hat Sitze in Genf und Zürich und baut die Belegschaft stark aus.

Was Bezos bewegt, ist fast nicht zu fassen: Auf Amazons E-Commerce-Plattform werden weltweit pro Sekunde Waren im Wert von 11'000 Dollar verkauft. 2019 lieferte der Konzern 3,5 Milliarden Pakete aus und erwirtschaftete einen Umsatz von 280,5 Milliarden Dollar.

Dabei ist Amazon längst mehr als ein Online-Händler. Ein Grossteil des Firmengewinns stammt mittlerweile aus dem ­lukrativen Cloud-Geschäft: Amazon Web Services (AWS) bedient Kunden wie Netflix, Zoom oder Novartis und schöpft so Gewinne aus der Daten-­Wolke ab.

Die Marktkapitalisierung von Amazon hat sich seit 2018 verdoppelt: 1,55 Billionen ist das Unternehmen aus Seattle derzeit wert und damit das drittgrösste der Welt hinter Apple und Saudi Aramco.

Mehr Erfolg, mehr Kritik

Aus dem E-Commerce-Geschäft zieht Amazon immense Mengen an Daten über die Wünsche und Kaufentscheidungen von Hunderten Millionen von Kunden auf der ganzen Welt. Ein Gut, das nicht nur ein immer passenderes Angebot für die Kunden ­ermöglicht, sondern auch dem Unternehmen selber zupasskommt. Infolge von Milliarden von Werbeeinnahmen.

Amazon kann auch Luxus

Der neuste Vorstoss von Jeff Bezos: das Geschäft mit Luxusmode. Richemont sollte sich warm anziehen. Ein Kommentar

Hören Sie im Podcast: Amazons Erfolge und Flops – und welche Bedeutung die Schweiz hat

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Je grösser und erfolgreicher Bezos’ Unternehmen wird, desto mehr Kritik wird laut: harter Umgang mit und Überwachung von Mitarbeitenden, ruchlose Datensammlerei und eine Verdrängung der Konkurrenten, die so ist, wie Bezos sein Unternehmen ursprünglich taufen wollte: relentless, gnadenlos.

Auch den Wettbewerbsbehörden in den USA und Europa ist Amazons Grösse ein Dorn im Auge: Der Konzern missbrauche seine Marktmacht, so der Vorwurf. Aufgeschreckte Politiker, Wettbewerbshüter und Regulatoren fragen sich: Ist Amazon zu gross für diese Welt?

Dominik Piétron, Experte für Plattform-Ökonomie an der Berliner Humboldt-Universität, hält Amazons Informationsmacht für gefährlich. Gemeint sind nicht nur die Daten der Kunden, sondern vor allem auch jene der Händler, die ihre Produkte über den Amazon-Marktplatz anbieten.

Datenmonopol als Grundlage für das Imperium

Amazon analysiert, welche Waren sich am besten verkaufen, um dann entsprechende eigene Produkte zu entwickeln und diese höher im Store zu platzieren. «Die Datenflut ist Amazons eigent­liches Kapital und das Datenmonopol die Grundlage für das Imperium von Jeff Bezos.

Diese ­Doppelrolle führt zu Marktverzerrungen, welche die Wettbewerbshüter unterbinden wollen», sagt Piétron. Allerdings sei die Gesetz­gebung weder in den USA noch in Europa auf der Höhe der Zeit und es fehle schlicht das Know-how in den Kartell­behörden.

Seit der viel beachteten Anhörung im US-Kongress vor einigen Wochen, der sich auch Jeff Bezos stellen musste, ist nicht viel passiert. Doch die Macht der Tech-Konzerne könnte zu einem zentralen Wahlkampfthema werden, manche ­Politiker aus dem demokratischen Lager fordern sogar ihre Zerschlagung.

Die Marktmacht der Tech-­Giganten will auch die EU beschränken: Noch dieses Jahr legt die Europäische Kommis­sion den Digital Services Act, eine Art Plattformgrundgesetz mit neuen Regeln und schärferen Kontrollen für Amazon und Co. vor.

Konkurrenten ziehen nicht nach

Zudem prüft die Behörde mögliche Kartellverstösse der Online-­Plattform im Umgang mit Händlern und eine entsprechende Busse.

Derartige Sanktionen hält Ex-Amazon-Manager ­Andreas Weigend für zwecklos. Eine 2-Milliarden-Strafe tue ­einem Unternehmen wie Amazon einfach nicht weh. Der Datenexperte hofft statt­dessen auf Selbstregulierung und Fairness.

Das sagt der Ex-Datenchef von Amazon

Andreas Weigend analysierte zwei Jahre lang Daten für Amazon, hatte sein Büro auf einer Etage mit Jeff Bezos. Das Interview

Mark Steier, ehemaliger Amazon-Powerseller und als Marktplatz-Beobachter, Blogger und Speaker mit seiner Firma Wortfilter aktiv, konstatiert: «Amazon ist heute so dominant, weil die Konkurrenten nicht nachgezogen haben.»

Und wenn sie nachziehen, ist Bezos immer wieder einen Schritt weiter. Etwa mit der Verpflichtung eines Über­wachungsexperten in der Chefetage.

Dieser Tage ­wurde bekannt, dass Keith Alexander, einstiger Chef des Geheimdienstes National Security Agency (NSA), in Amazons Unternehmensleitung aufrückt. Ein professioneller Datensammler mehr in der Firma.