Unternehmertum, so geht ein Business-Bonmot, ist wie ein Sprung von einer Klippe hinunter. Aber ohne Fallschirm. Denn der muss während des Sturzfluges in Windeseile entwickelt werden.

Ungefähr so fühlen sich zurzeit Tausende von KMU-Führungsfrauen und -männern im Lande. Wer eine Firma steuert, muss über eine gewisse Planungssicherheit verfügen, muss Märkte, Lieferketten und Saisonalitäten managen. All das ist derzeit – auch wegen des Lockdowns – fast nicht möglich.

Die «Handelszeitung» begleitet kleine und mittelgrosse Schweizer Unternehmen auf ihrem Corona-Blindflug, hier in der Folge drei unserer KMU-Serie.

HZ begleitet KMU durch die Krise

In Abständen erzählen die Chefs und Chefinnen von mittelständischen Unternehmen, wie sie die Corona-Krise bewältigen: Emch Aufzüge AG (Bern), Ernst Fischer AG (Romanshorn TG), Eiche Metzgerei (Basel), Brauerei Müller AG (Baden AG), Hotel und Bar Platzhirsch (Zürich), Fischer Reinach AG (Reinach AG),CEO Abionic SA (Epalinges VD), Mc Paperland (Tuggen SZ).

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie: «Brennt an allen Ecken»: Acht Firmen schildern ihren Weg durch die Krise»

Lesen Sie hier den zweiten Teil der Serie: «Bis Ende Mai kommen wir durch»: So ergeht es KMU in der Krise»

Im Panikmodus sind die meisten Firmen nicht unterwegs. Wo sich neue Marktchancen ergeben, werden sie gepackt und schnell umgesetzt. Wenn denn das nötige Material greifbar ist und die innovative Dienstleistung in der gewünschten Zeit zum Kunden kommen kann.

Eines der grössten Themen ist und bleibt dabei der landesweit verfügte Lockdown. Wie lange noch? Das fragen sich alle Unternehmerinnen und Unternehmer.

Dauerthema Miete

Nicht nur im klassischen Detailhandel drängt noch ein weiteres Thema immer stärker: das der Miete. Wer soll wem wie viele Schritte entgegenkommen?

Soll Miete gestundet oder für eine gewisse Zeit ganz erlassen werden? Für Lohnkosten und Firmenkredite gibt es schnelle und effiziente Werkzeuge – doch das Miet-Thema hockt in einer Grauzone.

Viele KMU wünschen sich, wie etwa Hotelière Sigi Gübeli, eine Art «Kurzarbeit für Miete». Der Bund setzte das Thema der Notkredite verblüffend schnell und einfach um. Jetzt erhoffen sich viele KMU von Bern auch eine Mietregelung. Oder kurz: Da muss jetzt ein Fallschirm her. Schnell.

«Fortschritt trotz Covid-19? Wegen Covid-19!»

Nicolas Durand, CEO Abionic SA, Epalinges VD

Nicolas Durand, CEO of Abionic SA
Quelle: Sébastien Agnetti / 13 Photo

▶︎ Umgang mit der Krise: «Niemand hat Zeit für uns», sagte Nicolas Durand vor zwei Wochen zur «Handelszeitung». Der Startup-Gründer war gerade daran, einen auf Nanotechnologie basierenden Sepsis-Test samt den entsprechenden Geräten in den Spitälern zu lancieren, als Covid-19 ausbrach. Doch nun sieht es danach aus, als ob man dem Jungunternehmer, der Peter Brabeck (Ex-VRP Nestlé), Arkady Volozh (Yandex) und Bracken Darell (Logitech) zu seinen Investoren zählt, schon bald sehr gut zuhören wird.

Ärzte des Genfer Unispitals haben die Diagnostik des ETH-Spin-offs erfolgreich bei Covid-19-Patienten getestet: «Die bakterielle Überinfektion, die ja meist die eigentliche Todesursache ist, konnte dank unserer Technologie 72 Stunden früher erkannt werden», sagt Nicolas Durand. Die Genfer Ärzte werden die Resultate nun in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publizieren. Danach, so hofft Nicolas Durand, wird er seine Geräte trotz – oder besser: wegen – Covid-19 in Italien, Grossbritannien und Frankreich lancieren können. (rai)

«Es braucht ‹Kurzarbeit› für Miete»

Sigi Gübeli, Hotel und Bar Platzhirsch, Zürich

Sigi Gübeli, General Manager Hotel Platzhirsch Zürich
Quelle: Sophie Stieger

▶︎ Umgang mit der Krise: Von den schätzungsweise 4500 Hotels in der Schweiz sind aktuell noch etwas mehr als 400 geöffnet. Zu jenen 40, die in der Stadt Zürich noch offen sind, gehört das Boutique-Hotel Platzhirsch von Sigi Gübeli. Reguläre Gäste sind Mangelware, eine Aktion für die Homeoffice-Nutzung der 23 Zimmer fruchtete bisher nicht. Aber die Hotelmanagerin ist bereits mit neuen Ideen am Start.

Zum einen offeriert Gübeli kostenlose Übernachtungen für Angestellte des nahe gelegenen Universitätsspitals. «Damit möchte ich denjenigen Menschen, die jetzt so viel arbeiten müssen, ein paar erholsame Stunden schenken», sagt Gübeli. Die Solidaritätsaktion eignet sich etwa für Spitalmitarbeitende, die aufgrund von Früh- oder Spätschichten auf kurze Wege angewiesen sind. Daneben nimmt das Platzhirsch-Hotel neu auch Frauen auf, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden. Dies in Zusammenarbeit mit der Stadt, welche dafür eine Vergütung spricht. Gübelis grösste Sorge weiterhin: Wann endlich wird der Lockdown aufgehoben? Eng verknüpft ist dabei immer auch die Frage der Miete.

Für die Outdoor-Boulevard-Bestuhlung etwa wird für den Sommer eine happige Gebühr fällig – und es ist unklar, ob und wie viel davon zurückerstattet wird. Die Hotelière findet, dass es eine Art «Kurzarbeit für Miete» geben müsste. Dies verbunden mit einer Hoffnung: dass, wenn diese Zeilen erscheinen, tatsächlich ein Regime in Bern gefunden worden ist. (ag)

Plexiglas als Sofort-Selbstläufer

Andreas Kümin, Mc Paperland, Tuggen SZ

Porträt Andreas Kümin, CEO McPaperland, für HZ
Quelle: Rita Palanikumar

▶︎ Umgang mit der Krise: Besondere Situationen erfordern besondere Massnahmen. Etwas vom wichtigsten ist, flexibel auf neue Gegebenheiten zu reagieren. Das tut Andreas Kümin, Chef und Inhaber der Kümin Group, zu der neben der Papeteriekette Mc Paperland und der im gleichen Segment tätigen Bido auch das Papeteriegrosshandelsunternehmen Penta sowie die Ladenbaufirma EDA gehört.

Mit dieser Firma konnte Kümin kurzfristig die aktuell sehr gefragten Plexiglasschutzscheiben ausliefern; in seinem Fall vor allem an Arztpraxen: «Plexiglas wurde quasi zum Sofort-Selbstläufer», sagt der Schwyzer Unternehmer, «wir kamen kurzfristig an diese extreme Mangelware heran und konnten so flexibel auf ein neues Bedürfnis reagieren.» Während die 25 Mc-Paperland-Läden weiterhin geschlossen sind, konnte Kümin dort den Online-Handel um einen Viertel steigern.

Nicht mit Kugelschreibern oder Ordnern, sondern mit Desinfektionsmittel und Toilettenpapier. Zudem hat sich Kümin entschieden, die anstehenden Renovationen in fünf seiner Filialen nun doch – wie vertraglich mit den Vermietern vereinbart – durchzuziehen: «Wenn die Läden sowieso geschlossen sind, gibt es durch den Umbau keine Umsatzverluste und wir müssen keine Provisorien bauen», resümiert er. Diese positiven Nachrichten können allerdings nicht über die grundsätzliche Misere hinwegtäuschen: Zurzeit verliere die gesamte Kümin Group aufgrund des Lockdowns Woche für Woche bis zu 1 Million Franken Umsatz: «Lange kann und darf das nicht mehr so weitergehen.» (ag)

Schlimmstenfalls bis zum Notkredit

Peter Fischer, Fischer Reinach AG, Reinach AG

KMU - Fischer Reinach. Fotos in der Produktion. Auf den Bildern Peter Fischer, Verwaltungsratspräsident Fischer Reinach. Fotos kostas maros, am 24.3.20
Quelle: Kostas Maros

Die Situation hat sich verschärft. «Unsere Kunden, über 90 Prozent davon im Ausland, verschieben ihre Bestellungen immer weiter nach hinten», sagt Firmenchef Peter Fischer. Es zeichne sich ab, dass sich das bis in den Juni fortsetzen werde. Seit 1. April hat der Metallverarbeiter in einzelnen Bereichen bis zu 100 Prozent Kurzarbeit eingeführt. Allein im April gab es einen Umsatzeinbruch von bis zu 70 Prozent.

Der Auftragseingang breche schrittweise zusammen. Die Bedingungen für die Produktion von Beschlägen, Elektronik und Automobilteilen hätten sich deutlich verschlechtert. «Die Produktion steht still, die Büros sind kaum besetzt.» Was dringend geliefert werden muss, könne man noch ab Lager bedienen. Geht es so weiter, «wird es liquiditätsmässig ernst, wenn wir länger als drei Monate keine Rechnungen stellen könnten».

Ein Notkredit sei derzeit noch kein Thema. «Wir versuchen, das mit Bankkrediten aufzufangen.» Dauert es länger als erwartet, «dann müssen wir sämtliche Kredite ausschöpfen und erneut das Gespräch mit unseren Banken suchen». Schlimmstenfalls gehe es bis zum Notkredit vom Bund. «Ein halbes Jahr halten wir das noch ohne durch. Dann wird es eng.» (fib)

Die Podcasts auf HZ

Upbeat: Die Startup-Serie • Schöne neue Arbeitswelt • Insights: Hintergründe und Analysen

Jetzt reinhören und abonnieren
Placeholder