Am Anfang war die grosse Ungewissheit. Als die «Handelszeitung» Ende März erstmals Fühlung mit den acht Protagonistinnen und Protagonisten dieser Serie aufnahm, durchlebte die Wirtschafts-Schweiz eine Zeit voller neuer Entwicklungen. Lockdown, Homeoffice, Event-Verbot, Covid-19-Kredite und neue Konsummuster allenthalben. 

«Mission Statement: Überleben» titelten wir damals. Das ist diesem Schweizer Unternehmensoktett gelungen; in bewährter KMU-Manier haben sich Metzger und Liftbauer, Retailer und Metallverarbeiter den neuen Bedingungen angepasst und flexibel gemanagt, was überhaupt zu managen war.

In den Monaten nach dem Lockdown sind die Sorgen aber vielerorts nicht kleiner geworden. In Gastronomie und Detailhandel etwa ist das Jahresende oft jene Zeit, in der die Ernte eingefahren wird. Aufgrund der Verhaltenheit bei den Events und durch das Offline-Konsumverhalten dürfte dabei dieses Jahr weniger herausschauen.

Sorgen macht den Patronnes und Patrons die kalte Jahreszeit auch wegen allfälliger Erkrankungen des Personals. Wer stark im Export engagiert ist, spürt weiterhin die schwierige Lage auf den einst boomenden Auslandmärkten. Kurz: Sozusagen jede Geschäftstätigkeit ist von Unsicherheiten und Unklarheiten jeglicher Art belastet.

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HZ begleitet KMU durch die Krise

In Abständen erzählen die Chefs und Chefinnen von mittelständischen Unternehmen, wie sie die Corona-Krise bewältigen: Emch Aufzüge AG (Bern), Ernst Fischer AG (Romanshorn TG), Eiche Metzgerei (Basel), Brauerei Müller AG (Baden AG), Hotel und Bar Platzhirsch (Zürich), Fischer Reinach AG (Reinach AG),CEO Abionic SA (Epalinges VD), Mc Paperland (Tuggen SZ).

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie: «Brennt an allen Ecken»: Acht Firmen schildern ihren Weg durch die Krise»

Lesen Sie hier den zweiten Teil der Serie: «Bis Ende Mai kommen wir durch»: So ergeht es KMU in der Krise»

Lesen Sie hier den dritten Teil der Serie: «KMU in der Krise: «Wie lange noch?»

Lesen Sie hier den vierten Teil der Serie: «KMU nach Lockdown: Vorfreude und Zweifel halten sich die Waage»

 

Was für die acht Unternehmerinnen und Unternehmer hingegen klar ist: Ein allfälliger zweiter Lockdown würde sie in die Knie zwingen. «Das darf nicht kommen», sagt etwa der Chef der Brauerei Müller.

«Nächstes Jahr werden es weniger Aufträge sein»

Diana Gutjahr, Ernst Fischer AG

Diana Gutjahr von Ernst Fischer AG, aufgenommen am Dienstag, 24. Maerz 2020 in Romanshorn.

«Was wir nicht wissen, ist, wie es wird, wenn die Aufträge zurückgehen», sagt Diana Gutjahr, Mitinhaberin und Leiterin der Ernst Fischer AG.

Quelle: Samuel Truempy

«Momentan sind wir mit Mitarbeitenden gefordert, die aus den Ferien zurückkehren», sagt Diana Gutjahr, Mitinhaberin und Leiterin der Ernst Fischer AG. Diese müssen bei ihrer Rückkehr einen negativen Test vorlegen, wenn sie davor im Ausland waren – «und wir müssen das überprüfen». Hinzu komme, dass die Grippesaison vor der Tür steht: «Damit haben wir keine Erfahrungswerte, wenn zusätzlich zur Corona-Pandemie auch noch die Grippewelle anläuft», sagt Gutjahr.

Offertanfragen nehmen ab

In der Baubranche – Ernst Fischer liefert Stahl und Metallkonstruktionen für Industrie- und Gewerbebauten – muss man in der Lage sein, gewisse Sicherheiten zu garantieren, dass man in der Lage ist, ein Projekt durchzuführen. «Wir stellen fest, dass wir nun vermehrt Bau- und Erfüllungsgarantien von Versicherungen einholen müssen, die ihrerseits überprüfen, ob man als Unternehmen wirtschaftlich stark genug aufgestellt ist, um die Projekte zu Ende bringen zu können», sagt Gutjahr. Versicherungen würden verstärkt Rücksprache mit ihr halten. Die Kostenkontrolle werde intensiver, «aber wir sind sehr konservativ finanziert».

Bisher musste Ernst Fischer weder Kurzarbeit beantragen noch staatliche Hilfen in Anspruch nehmen. «Was wir nicht wissen, ist, wie es wird, wenn die Aufträge zurückgehen.» Das Unternehmen hat viele Baustellen im Portfolio, die im Sommer nicht ausgeführt und auf Herbst verschoben werden mussten. Das erzeuge jetzt hohe Spitzen bei der Auftragsabwicklung, die sich zeitverzögert niederschlagen. Neue Offertanfragen hätten hingegen etwas abgenommen. Die Unternehmenschefin rechnet damit, dass «Aufträge im nächsten Jahr weniger werden». (fib)

«Maskenpflicht drückt auf die Umsätze»

Andreas Kümin, MC Paperland

 

Porträt Andreas Kümin, CEO McPaperland, für HZ

Angst macht Andreas Kümin, Besitzer von MC Paperland, potenzielle Debitorenverluste.

Quelle: Rita Palanikumar / 13 Photo

Mit dem Geschäftsgang seiner schweizweit 25 Mc-Paperland-Läden ist Besitzer Andreas Kümin den Umständen entsprechend zufrieden: «Das Geschäft läuft ordentlich.» Allerdings mit erheblichen Unterschieden, je nach kantonaler Lage: «Wo die Konsumenten keine Masken tragen müssen, läuft es besser. An allen anderen Orten gilt: Die Maskenpflicht drückt auf die Umsätze.» Diese Erfahrung machen derzeit viele Geschäfte, in Städten und in Einkaufszentren gleichermassen.

Aufgeschobene Krise

Was Kümin für die Wirtschaft Angst macht: «Überall stauen sich potenzielle Debitorenverluste auf. Das könnte noch einen wahren Dominoeffekt auslösen.» Nicht heute und nicht morgen. Aber 2021, wenn diese bisher aufgeschobene Krise zur Realität werden könnte. (ag)

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«Überlebensmodus»

Nicolas Durand, Abionic

 

Nicolas Durand, CEO of Abionic SA

Gemischte Gefühle bei Nicolas Durand, Mitgründer und CEO von Abionic.

Quelle: Sébastian Agnetti

Nicolas Durand, Mitgründer und CEO von Abionic, und seine Leute haben das Unmögliche geschafft: mitten in der Pandemie ein diagnostisches Gerät zu lancieren, das in Spitälern zur Anwendung kommt. Das Unternehmen, das ein nanotechnologisches Testverfahren für Blutvergiftungen entwickelt hat, ist mittlerweile in fünf europäischen Märkten präsent (Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei und Spanien); Gespräche unter anderem mit Grossbritannien laufen. Zudem konnte das Startup trotz Virus 10 Millionen Franken aufnehmen.

Lebensrettend

Trotzdem sind die Gefühle gemischt beim jungen EPFL-Absolventen und Unternehmensgründer: «Wir sind noch immer im Überlebensmodus.» Die Technologie – sie ist in der Lage, lebensgefährliche Blutvergiftungen schneller zu entdecken – habe zwar bereits jetzt Dutzende, wenn nicht Hunderte Leben gerettet. Die Zukunft des Unternehmens aber sei noch nicht gesichert. «Einen zweiten Lockdown darf es nicht geben», sagt Durand. (rai)

«Events? Da kommt praktisch nichts»

Felix Meier, Brauerei Müller

Felix Meier, Brauerei Müller

Felix Meier, Chef der Brauerei Müller, hofft auf sonnige Tage im Herbst und Winter. 

Quelle: Lukas Maeder / 13 Photo

Felix Meier, Chef der Brauerei Müller, hat bisher ein durchzogenes Jahr mit gegenläufigen Trends erlebt. Viele der 550 Restaurants, die ihr Bier von der Badener Brauerei beziehen, hätten im Sommer sehr gut gearbeitet, «vor allem solche an Orten mit Feriencharakter und mit attraktiver Boulevardgastronomie.» Doch das reicht nicht, um das Jahr ins Positive zu drehen. Zu sehr schmerzt der Lockdown vom Frühling. Damals startete Meier erstmals einen Lieferservice, der ganz ordentlich performte – bis die Läden im Mai wieder öffneten: «Das spürten wir natürlich», sagt Meier, der aber vorerst am Delivery-Geschäft festhalten will: «Das war die richtige Massnahme. Eventuell ist die Heimlieferung ja auch ein Gefäss für die Zukunft.»

Die Trendspur jedenfalls ist gelegt: In nahezu allen Bereichen der Gastronomie haben Akzeptanz und Bestellbereitschaft für Lieferdienste extrem angezogen. Fachleute gehen davon aus, dass dies kein Einmal-Effekt war, sondern rechnen damit, dass sich die positiven Kundenerfahrungen aus dem Lockdown fortsetzen werden.

Event-Baisse

Im Herbst und Winter werden für die Brauerei Events, Catering-Aufträge und Festivitäten aller Art wichtig. Mindestens war das so in den Jahren vor Corona. Dieses Jahr allerdings, sagt Meier, sehe es düster aus: «Da kommt praktisch gar nichts.» Mit dieser Einschätzung steht Meier nicht alleine: Fast alle, die in der Regel vom Jahresende-Hoch profitieren und ihre Erfolgsrechnung mit Firmen-Events krönen können, drehen in diesem Segment heuer leer.

Die Hoffnung des Brauereichefs: «Dass die Boulevardgastronomie auch im Herbst und Winter sonnige Tage erwischt und somit gut läuft.»

Etwas, das keinen Platz hat in Müllers Vorschau, ist ein zweiter Lockdown: «Daran verschwende ich keinen Gedanken. Das darf nicht kommen. Weil sich das niemand erlauben und leisten kann.» (ag)

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«Am unteren Limit»

Karl Eiche, Eiche Metzgerei

Karl Eiche von der Eiche Metzgerei

Auch die Basler Eiche Metzgerei leidet unter den abgesagten Events. 

Quelle: Roland Schmid

Viele grosse Events, etwa die Basler Herbstmesse, wurden abgesagt. Das sind Bad News für die Basler Eiche Metzgerei und deren Chef Karl Eiche. Aber auch im Bereich der kleineren Anlässe ist es schwierig, mit Partyservice auf einen grünen Zweig zukommen: «Wir schreiben zwar viele Offerten. Aber oft genug erreicht uns dann der Bescheid, dass der Anlass abgesagt wird.» Ein riesiger Lichtblick sind auch die Heimspiele des FC Basel nicht, an denen Eiche jeweils mit einem Stand vertreten ist. Wegen des Schutzkonzeptes rechnet Eiche heuer mit nicht mehr als 50 oder 60 Prozent der letztjährigen Einnahmen.

Platzkosten

Viele Food-Lieferanten setzen ihre Hoffnungen auf die Weihnachtsmärkte. So sie denn stattfinden können. Was viele Standbetreiber nicht verstehen, fasst Karl Eiche so zusammen: «Unsere Umsätze werden tiefer liegen als in den Vorjahren. Trotzdem müssen wir die vollen Standkosten bezahlen.» Das passe nicht zur Kostenbasis: «Wir arbeiten am unteren Limit.» (ag)

«Gut aufgestellt»

Peter Fischer, Fischer Reinach AG

KMU - Fischer Reinach. Fotos in der Produktion. Auf den Bildern Peter Fischer, Verwaltungsratspräsident Fischer Reinach. Fotos kostas maros, am 24.3.20

Der Super-GAU wäre, wenn es zu Stillständen in der Produktion käme, sagt Peter Fischer. 

Quelle: Kostas Maros

«Wir müssen uns laufend arrangieren, wenn es zu Covid-19-Fällen bei Mitarbeitenden kommt», sagt Firmenchef Peter Fischer. Die Auftragslage habe sich dafür moderat stabilisiert. Der Chef des Metallverarbeiters weiss nur nicht, ob es sich um einen Nachholbedarf der Kundinnen und Kunden oder um Neuaufträge handle. Dennoch wurden trotz Corona Investitionen in den Maschinenpark getätigt.

Die Bereiche Beschläge und Elektronik erholen sich, Automobil ist noch am Boden – ein Drittel des Umsatzes. Fischer graut es vor dem Herbst: «Die Leute werden krank, lassen sich vermehrt testen oder müssen in Quarantäne.» Es könnte der Super-GAU werden, wenn dies zu Stillständen in der Produktion führt.

Vom Staat unabhängig

Die Gespräche mit den Banken laufen gut. «Wir sind so gut aufgestellt, dass wir es selbst stemmen können», sagt Fischer. Covid-19-Kredite habe es bislang keine gebraucht. «Wir möchten nicht vom Staat abhängig sein.» (fib)

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«Zweiter Lockdown wäre der Killer»

Sigi Gübeli, Hotel und Bar Platzhirsch

Sigi Gübeli, General Manager Hotel Platzhirsch Zürich

Die 23 Zimmer des Hotels Platzhirsch können nichtverlässlich besetzt werden. 

Quelle: © sophie stieger photography

Heizpilze: nein. Kuscheldecken und Wärmeflaschen: ja. Auf dieses Konzept setzt Sigi Gübeli bezüglich Boulevardgastronomie in ihrer Platzhirsch-Bar mitten im Zürcher Niederdorf für den kommenden Winter. Wenn das Wetter stimme, hofft Gübeli, könne die dunkle Jahreszeit durch eine heimelige Winterszenerie im Gastronomiegeschäft ähnlich erfolgreich werden wie der Sommer. Wobei es da noch eine Unsicherheit gibt: «Wichtig ist für unser Wintergeschäft nicht zuletzt auch der Weihnachtsmarkt.» Ob und wie dieser im Niederdorf stattfinden wird, steht aber noch nicht fest. Weniger gut sieht es aus für all die Jahresende-Apéros, die in der Regel die Wintersaison beflügeln: «In dieser Hinsicht rechne ich mit deutlich weniger Geschäft als im Vorjahr.»

Langzeit statt Kurzzeit

Weniger gut läuft auch das klassische Hotelgeschäft. Die 23 Zimmer des Hotels Platzhirsch können nichtverlässlich besetzt werden. «Sehr unbeständig» sei der Geschäftsgang, sagt Gübeli, «manchmal läuft viel und wir sind zu 50 Prozent voll – und dann kommen wieder Tage, die nur eine einzige Buchung bringen.» Die erfahrene Hotelfrau vermietet nun einige Zimmer auf Monatsbasis und dieses Longstay-Geschäft sei gut angelaufen.

Zwar mit tieferen Einnahmen als das klassische Hotellogis, dafür aber bleiben die Zimmer im Schuss. Und die neue Modalität bietet beiden Seiten – Gast und Hotelière – viel Flexibilität. Auch wenn sich die Verluste aus der Lockdown-Zeit wohl nicht mehr aufholen lassen, gehört Sigi Gübeli nicht zur Jammerfraktion. Nur ein Thema lässt sie sinister werden, fürs eigene Geschäft und die ganze Branche: «Ein zweiter Lockdown wäre der Killer. Weil in unserer Welt niemand mehr die Substanz hätte, dies zu überleben.» (ag)

«Ziemlich gelassen»

Hansjürg Emch, Emch Aufzüge

 

HANSJÜRG EMCH, EMCH AUFZÜGE

2020 wird generell weniger Lift gefahren.

Quelle: ZVG

Ziemlich gelassen. So ist die Stimmung beim Berner Liftbauer Emch Aufzüge. «Es ist eine erstaunliche Normalität in den Arbeitsalltag eingekehrt», sagt Verwaltungsratspräsident Hansjürg Emch. Intern habe man im Familienunternehmen mit 230 Angestellten auch keinen Corona-Fall gehabt.

Weniger Servicearbeiten

Im Jahresergebnis werde sich niederschlagen, dass 2020 generell weniger Lift gefahren wird. Damit braucht es weniger Unterhaltsarbeiten, was auf den Umsatz des Unternehmens drückt. Ansonsten spüre Emch Aufzüge schon auch, dass die Industrie noch immer vorsichtig mit Neuinvestitionen sei, sagt Hansjürg Emch. Deutlich besser sieht es inzwischen in der Sparte Umbau aus, in der alte Lifte auf Vordermann gebracht werden. Hier haben die Aufträge nach der Zurückhaltung im Sommer wieder zugelegt. Bisher hat Emch keine Kurzarbeit einführen müssen, auch wenn man sie im Mai vorsichtshalber beantragt hatte. (mba)

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