Im Streit um die Ladenmiete während der Corona-Krise hat das Parlament ein Machtwort gesprochen: Geschäfte, die schliessen mussten, sollen für diese Zeit nur 40 Prozent der Miete zahlen. Vermieter müssen auf 60 Prozent der Einnahmen verzichten.

Der Entscheid gilt für alle Läden mit einer Monatsmiete unter 20’0000 Franken. Die Überlegung dahinter? Ein Grossteil der Schweizer Geschäfte fällt unter diese Limite. Und die, die mehr überweisen, könnten es sich leisten, so das Argument: Es sei nicht die Aufgabe der Politik, grosse Geschäfte oder internationale Ketten zu unterstützen: Apple Stores, H&M oder Zara hätten keine Hilfe nötig.

An den Luxusmeilen zahlen auch Kleine viel

An den teuersten Schweizer Einkaufsstrassen kommt dieses Argument nicht zu tragen: «An der Bahnhofstrasse in Zürich bezahlt auch ein kleiner Laden mit 80 Quadratmeter Fläche zum Teil eine Monatsmiete von über 60’000 Franken. Solche hohen Mietpreise sieht man in der Schweiz sonst aber nur noch an der Rue du Rhône in Genf», sagt Urs Küng vom Immobilienvermarkter Partner Real Estate.

Abseits dieser exklusiven Lagen fällt die Mehrheit der Geschäfte unter die Grenze von 20’000 Franken pro Monat. Etwa 65 Prozent der Schweizer Läden an den Haupteinkaufsstrassen zahlen weniger, schätzt Urs Küng.

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«Es gibt auch KMU mit hohen Mieten»

Roberto Quaglia zählt nicht zu dieser Gruppe. Der Inhaber von Gross Couture, der an der Zürcher Bahnhofstrasse das gleichnamige Modehaus betreibt, findet die Grenze von 20’000 Franken «völlig willkürlich». «Die Politik hat ausgeblendet, dass es in der Schweiz auch KMU gibt, die wegen ihres teuren Standorts hohe Mieten haben.»

Quaglia ist zwar zuversichtlich, dass seine Vermieterin – eine Familie – auf einen Teil der Miete verzichtet. Er weiss aber von anderen Geschäftsinhabern an der Bahnhofstrasse, deren Vermieter auf der vollen Miete beharren.

«Die Situation wird sehr unterschiedlich geregelt, wir sehen alle Arten von Vorgehen», sagt Milan Prenosil, Mitbesitzer der Confiserie Sprüngli und Präsident der City Vereinigung Zürich.

Manche Vermieter verzichteten auf einen Grossteil der Miete, andere verlangten den vollen Betrag. «Ich gehe davon aus, dass viele Läden mit den Liegenschaftsbesitzern noch keine Vereinbarung geschlossen haben.»

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Roberto Quaglia: Der Inhaber des Modehauses Gross Couture an der Zürcher Bahnhofstrasse kritisiert den Entscheid des Parlaments.

Quelle: ZVG

Folgt nun ein Ladensterben?

Immobilienexperte Urs Küng kann dem Entscheid des Parlaments grundsätzlich wenig abgewinnen. «Es bringt keine Lösung, sondern schafft weitere Unsicherheit.» Er rechnet mit vielen Gerichtsverfahren.

An der Bahnhofstrasse könnte die Corona-Krise einige Läden zum Aufgeben zwingen, sagt Küng weiter. «Es wird jene besonders treffen, die schon vor der Krise Probleme hatten.»

Free Lunch für Starbucks, McDonald’s & Co.

Lesen Sie hier den Kommentar von HZ-Redaktor Sven Millischer zum gleichen Thema: «Das Parlament will, dass lockdown-geschädigten Geschäften die Miete um 60 Prozent erlassen wird. Das schafft reihenweise Ungerechtigkeiten.»

Die Krise als Chance

An der Luxusmeile sind die Ladenmieten in den letzten Jahren stetig gestiegen. Viele Zürcher beklagten ein Ladensterben: Kleine, unabhängige Geschäfte wurden durch die Ableger internationaler Ketten ersetzt.

Vorerst dürften die Preise nicht mehr steigen, glaubt Küng. «Die Spitze ist gebrochen.» Er sieht die jetzige Krise auch als Chance für die Bahnhofstrasse. Denn internationale Ketten, die in den letzten Jahren einheimische Läden bedrängten, seien unter Druck. «Sie werden sich in nächster Zeit auf Standorte in den internationalen Grossstädten konzentrieren und Städte wie Zürich vorerst weniger beachten, was sich jedoch in ein bis zwei Jahren wieder ändern wird.» Innovativen, regionalen und gesunden Unternehmen böten sich vermehrt Chancen, Räume an Toplage zu bekommen.