Sein Markenzeichen ist die flott geföhnte Haartolle. Dieter Boesch war Verwaltungsratspräsident und Chef des Badener Krankenversicherers Aquilana mit 40'900 Grundversicherten. Flott ist auch sein Gehalt: Es beläuft sich gemäss Schätzungen der «Handelszeitung» auf mehr als 410'000 Franken. Seinen Rückzug aufs Prä­sidium auf Anfang 2020 versüsste eine Zulage für sein Dienstjubiläum – er war fast dreissig Jahre lang Chef – sowie die Auszahlung nicht bezogener Ferientage.

Das ist pikant. Denn Boesch (65) sitzt in mehreren Aufsichtsgremien von Verbänden und Dienstleistungsfirmen der Branche. Deren Honorare darf er behalten, was sein letztes Gehalt bei der Aquilana um mehr als 70'000 Franken aufgebessert haben dürfte. Diese Praxis ist abgesehen von der Atupri nur noch bei kleinen ­Kassen üblich.

Bezüge übersteigen die grösserer Konkurrenten

Damit ist Boesch nicht nur der bestbezahlte Chef ­aller Kleinkassen. Seine Bezüge übersteigen auch diejenigen grösserer Konkurrenten, wie ein Vergleich mit den Lohnkosten pro Grundversicherten zeigt. So kassierte Boesch praktisch gleich viel wie Stefan Schena bei der ÖKK mit 163'000 Grundversicherten. Die Landquarter Firma weist mit 15 Prozent den höchsten Lohnsprung aus, weil auch Schena eine Zulage für ein Dienstjubi­läum sowie einen leicht höheren Bonus erhalten hat.

Die stärkste Einbusse mit 9 Prozent musste mangels Zielerreichung Philomena Colatrella hinnehmen, Chefin der CSS Gruppe, des grössten Schweizer Grundversicherers. Den höchsten Lohn bezog Daniel Schmutz von der Hel­sana-Gruppe, der Nummer zwei der Branche. Die Vergütung ist aber noch immer weit geringer als diejenige von 2015, als Schmutz 939'000 Franken erhalten hatte. Bereits an dritter Stelle folgt mit 730'700 Franken Andreas Schönenberger. Der Ex-Chef des ­Telekomanbieters Salt führt die Sanitas Gruppe mit zurzeit 590'000 Grundversicherten seit Februar 2019. Er verdient weit mehr als seine Vorgänger: 2015 betrug der Cheflohn noch 587'000 Franken.

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Auch bei anderen mittelgrossen Anbietern sind die Cheflöhne seither stark angestiegen. Ein Teil davon beruht auf dem transparenteren Ausweis der Löhne: Denn immer mehr Krankenversicherer veröffentlichen nicht nur die Barver­gütung ihrer Geschäftsleitungsmitglieder, sondern auch die vom Arbeitgeber bezahlten Vorsorgebeiträge und sonstigen Bezüge wie Spesen.

Transparenz lässt zu wünschen übrig

Dennoch bleibt die Offenlegung verbesserungs­fähig. Die Vergütung nehme innerhalb der Geschäftsberichte «sehr wenig Platz» ein, sagt Salärexperte Urs Klingler, Geschäftsführer von Klingler Consultants, und werde im Vergleich zu börsenkotierten Unternehmen äusserst knapp gehalten: «Wille zur Transparenz sieht anders aus.» Der variable Anteil sei zwar im Vergleich zu börsenkotierten Unternehmen gering, so Klingler. Wie hoch diese Boni sind und wie sie zustande kommen, werde aber kaum erläutert.

Zudem legen etwa die SLKK und die KK Steffisburg nur die Bezüge offen, welche der Grundversicherung verrechnet werden. Dazu dürften noch einige 10'000 Franken aus der Zusatzversicherung kommen. Die Chefs der Kassen Stoffel und Visperterminen rücken ihre Geschäftsberichte gar nur am Kassenschalter heraus.

Auch Boesch profitiert davon, dass seine Mandatshonorare nicht publik sind. Er bleibt als Präsident der Aquilana unter anderem Vizepräsident der Kassenverbände RVK und Santésuisse. Damit dürfte er 2020 mehr als 130'000 Franken verdienen. Zu den Schätzungen seiner Einkünfte bezieht er keine Stellung.

Mit diesen Mandaten komme er auf ein 60-Prozent-­Pensum, sagte Boesch dem «Badener Tagblatt». Damit ist er transparenter als die drei Präsidenten, deren ­Honorare 200'000 Franken übersteigen. Das Arbeitspensum von Karin Perraudin sei schwierig zu beziffern, heisst es bei der Groupe Mutuel. Ein konkretes Arbeitspensum von Thomas Szucs sei vertraglich nicht quan­tifiziert, bei der Helsana. Beide üben neben diesen Präsidien diverse weitere Mandate aus.

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So viel wie ein Anwalt aus dem Hinterland

Auch Andreas Lauterburg mag nicht sagen, wie viel er für die Concordia arbeitet: «Ich verdiene auf den Stundenaufwand bezogen das Gehalt eines durchschnittlichen Anwalts im Luzerner Hinterland.» Unter anderem erarbeite er die Strategie des Unternehmens selber. Er erfasse auch zusätzlich keine Stunden, wenn er nachts wach liege und sich «Gedanken über Pro­bleme mit der Unternehmung» mache.

Gemäss Salärexperte Klingler wäre ein Pensum von 20 bis 30 Prozent angemessen für den Präsidenten ­eines Krankenversicherers: «Die Aufwände nehmen mit der Grösse des Unternehmens klar zu.» Allerdings liesse sich aus den Geschäftsberichten nicht entnehmen, wie intensiv diese an der laufenden Führungsarbeit beteiligt seien: «Falls sich ihre Tätigkeit auf einige wenige Sitzungstage beschränken sollte, erscheinen insbesondere die Vergütungen der Verwaltungsratspräsidenten als relativ hoch.»

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In der Regel sollte sich die Vergütung des Präsidenten gemäss Klingler auf höchstens einen Drittel der­jenigen des Geschäftsleiters belaufen. Das gilt für die überwiegende Zahl der Krankenversicherer. Leicht ­darüber liegt das Honorar des Helsana-Präsidenten. Massiv höher sind diejenigen von Perraudin, Lauterburg sowie ÖKK-Präsident Marcel Friberg, zieht man die Einmalzulagen des Chefs von dessen Vergütung ab. Das ermuntert andere, nachzuziehen: Die Bezüge von Sympany-Präsident Siegfried Walser wurden 2019 um 41 Prozent auf 125'000 Franken erhöht.