Ventidue Minuti. So lange dauert ein Fussmarsch, den Schweizer Städtereisende oft unternehmen in Mailand. Meist ist es der letzte Gang der Svizzeri, bevor sie mit dem Zug heimwärts fahren: Zweiundzwanzig Minuten entfernt liegt die Bahnstation Milano Centrale von Eataly Milano Smeraldo.

Das dreistöckige Superschlemmerland an der Piazza Venticinque Aprile ist eine der Vorzeigefilialen der italienischen Gastro- und Handelskette. Auf 5000 Quadratmetern bietet Eataly fast alles, was das kulinarische Italien der Welt offeriert, ein kolossales ­Warenhaus der Italianità, durchsetzt mit Bars und Restaurants.

Was der Schweizer Shopping-Armada besonders gefällt: Auch an Sonntagen ist Eataly Milano Smeraldo offen, bis Mitternacht. Klar also, dass Schweizer City-Tripper kurz vor der Heimfahrt gern ihre Taschen prallvoll mit italienischen Gaumen-Erotika füllen.

Lieber London als Lausanne

Klar auch, dass die Svizzeri hellhörig wurden, als Eataly-Gründer Oscar Farinetti 2016 der «Handelszeitung» beschied: «Eataly kommt 2019 in die Schweiz.» Dass bis Jahresende nichts in der Art geschehen ist, könnte man dem charmanten Umgang der Italiener mit Terminfragen zuschreiben.

Doch es steckt mehr dahinter. Signore Farinetti hat den Schweiz-Feldzug abgesagt. Entsprechende Recherchen der «Handelszeitung» werden bestätigt: «Derzeit haben wir keinen Expansionsplan für die Schweiz», teilt das Unternehmen mit. Lieber konzentriere man sich auf eine geplante Eröffnung in London.

Ursprünglich hatte sich die Sache gut angelassen mit der Schweizer Expansion. Hiesigen Retail- und Immobilienspezialisten dämmerte schon vor Jahren, dass Eatalys Mischung aus Detailhandel und Gastronomie ein perfektes Mittel ist, um Innenstadtstandorte attraktiv zu halten.

Das Problem bei Eataly: Damit die italienische Food-Opera richtig zum Klingen kommt, braucht es viel Platz. Mindestens 2500 Quadratmeter an einer Eins-A-Lage sollten es schon sein. Solche innenstäd­tische Flächen werden jedoch in der Schweiz nur sehr selten frei – und neu bauen lassen sie sich kaum.

In Lausanne aber wurde Farinetti fündig. Im Stadtquartier Le Flon, das zum Portfolio des Schweizer Immobilien­konzerns Mobimo gehört, fasste man ­gemeinsam eine Fläche ins Auge. Eataly hätte perfekt gepasst in das quirlige Lausanner Viertel, wo vor einigen Tagen auch der erste Schweizer Ableger der Hotel­kette Moxy eröffnet wurde.

Anzeige
Eataly-Filiale in Rom

Gaumen-Erotika vom Feinsten: Eataly-Filiale in Rom. In der Mischung aus Retail und Restaurant sehen Experten die Zukunft des Handels.

Quelle: Alamy Stock Photo

Doch die ­Sache mit dem geplanten ersten Schweizer Standort von Eataly in Lausanne erwies sich als harzige Sache. Der geplante Umbau für das betreffende Gebäude zog sich in die Länge, vor allem aus baulichen Gründen und wegen eines Disputes mit dem Heimatschutz. «Wir verfolgen das Eataly-Projekt nicht mehr weiter» sagt Mobimo-Finanzchef Manuel Itten.

Auch ein zweiter Weg der Expansion scheint derzeit versperrt. Im Oktober 2015 wurde bekannt, dass Signa Retail zusammen mit Eataly ein Joint Venture aufgesetzt hatte. Mit diesem Vehikel wollte der österreichische Handelskonzern zusammen mit den Italienern neue Eataly-Standorte in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz entwickeln.

Pläne für Zürich geplatzt

Konkret ergab sich daraus bisher ein Ableger in München. Dem Vernehmen nach war auch ein Standort an der Zürcher ­Europaallee geplant, was sich aber nicht realisieren liess. Wie aus Signa-Kreisen verlautet, sei das Joint Venture weiterhin aktiv; für die Schweiz seien aber keine ­Projekte in der Pipeline.

Eataly: Von Turin in die Welt hinaus

Was 2007 in einer stillgelegten Wermut-Fabrik in Turin begann, wurde zum globalen Schlager: Vierzig Eataly-Märkte gibt es heute, hauptsächlich in Italien, aber auch in Ländern wie Japan, Dubai, den USA. Im deutschsprachigen Raum ist Eataly seit 2015 in München präsent. In den grossflächigen Eataly-Läden werden italienische Delikatessen in einer Mischung aus High-End-Supermärkten und Restaurants inszeniert. Diesen Mix aus Handel und Gastronomie halten Retailexperten für wegweisend. Obwohl Gründer Oscar Farinetti ­immer wieder Börsenpläne hegte, wurde bisher nichts konkret. 2019 dürfte Eataly auf einen Umsatz von 700 Millionen Euro gekommen sein.

In der Zwischenzeit hat Signa zusammen mit der thailändischen Central Group die Schweizer Warenhausgruppe Globus von der Migros übernommen. Auf den ersten Blick könnte es für Signa spannend sein, einen oder mehrere Eataly-Ableger – eventuell auch in abgespeckter Form – in Schweizer Globus-Warenhäusern zu in­stallieren.

Dagegen spricht, dass Globus im Lebensmittelhandel heute schon gut positioniert ist. Bezüglich Bars und Restaurants dürften Signa und die Central Group eher darauf erpicht sein, führende Schweizer Gastro-Formate in die Globus-­Warenhäuser zu bringen, um so Swissness zu verströmen. Aus Signa-Kreisen ver­lautet, dass man Eataly nicht im Globus installieren möchte.

Der neue Globus-Besitzer René Benko

Und sein Netzwerk in der Schweiz. Mehr hier (HZ+).

Ob und wie Eataly dereinst doch noch in die Schweiz kommt, steht aktuell in den Sternen. Zumal in der Firmenküche nicht alles al dente sein soll. Womöglich hat ­Farinetti mit seinem Format Eataly zu schnell expandiert – im Heimatland Ita­lien, so sagen Insider, seien nicht alle Standorte profitabel.

Anzeige

Kürzlich meldete «La Repubblica», dass der bisherige Steuermann Andrea Guerra die operative Leitung von Eataly an einen der Söhne des Firmengründers abgebe. Der 22-Minuten-Marsch von Mailand behält also vorderhand seine Relevanz. Mindestens für die Svizzeri.