Handelszeitung
1006582 (900348) Kassenschalter einer Bank in Schweden, Kunden stehen Schlange fuer die Einloesung von Schecks.  Stichworte: Menschen / maennlich / weiblich / Schweden / 70er Jahre ? / Wirtschaft / Banken / Bankschalter / Menge / Menschenmenge / Menschenschlange / Lohntuete / Lohnscheck. (KEYSTONE/SCANPIX/Str)

Smartphone-Banking im Praxistest

Von Michael Heim
am 21.01.2019
Quelle: Scanpix Sverige / Keystone

Ein Bankkonto nur mit Karte und Handy? Was das Fintech Revolut vormacht, kopieren nun Schweizer Banken. Doch können sie im Vergleich bestehen?

Es macht «Pling» auf dem Handy. Wir sitzen beim Frühstück im Hotel und buchen gerade die nächste Übernachtung unserer Kambodscha-Rundreise. Eine Push-Mitteilung teilt uns mit, dass 121.74 Franken über die Kreditkarte abgebucht wurden. Erst zwei Sekunden später kommt die Buchungsbestätigung von der Hotelplattform. So geht Banking in Echtzeit. 

Unsere Bank war keine Schweizer Bank. Wir bezahlten das Hotel über das britische Fintech-Unternehmen Revolut, das Kunden in ganz Europa hat. Auch in der Schweiz gewann die Firma in kürzester Zeit und ohne Werbung mehr als 50 000 Kunden. Ausgerechnet im Land der vielen Banken. Was trieb diese Schweizer zu den Briten, die weder Bankfilialen noch klassisches Internet-Banking anbieten, sondern bloss eine Handy-App?

Revolut leistet nur das Nötigste: Konten, Kredit­karten, Überweisungen. Das aber mit einem radikalen Ansatz. Alles passiert in Echtzeit, der Kunde steuert sein Konto selbst: die Kreditkarte sperren? Ein Klick. Sie wieder entsperren? Ein weiterer. Wechselkurse kennt man im Voraus und nicht erst Tage nach einer Transaktion. Kreditkarten haben automatisch den gleichen Code wie die App. Das sind alles Details, doch wer Revolut nutzt, lernt sie schnell zu schätzen. 

2018 zogen Schweizer Banken nach

Das haben jetzt auch Schweizer Banken erkannt. Zunehmend kopieren sie den abgespeckten App-Ansatz. 2018 war ein eigentliches Mobile-Banking-Jahr: Die zur Basler Kantonalbank gehörende Bank Cler lancierte mit Zak ein Konto nur fürs Handy. Und in Zusammenarbeit mit der Hypothekenbank Lenzburg ging das Startup Neon an den Start. Die Produkte sind sich ähnlich: Der Kunde erhält ein Konto, eine Plastikkarte und die Möglichkeit, Rechnungen zu bezahlen. Schritt für Schritt sollen diese Angebote nun aus­gebaut werden – so soll bei Neon demnächst eine voll integrierte Kreditkarte dazukommen.

«Früher machte eine Bank alles, heute hingegen muss man einzelne Bereiche gut beherrschen.» 

Andy Waar, Gründer Yapeal.

Ebenfalls 2018 richtig gestartet ist das Vorsorgekonto Viac der WIR-Bank. Bei diesem können Kunden mit wenigen Klicks die Anlage von Säule-3-Geldern steuern. Gemeinsam ist allen Angeboten, dass hinter ihnen eine traditionelle Bank steht. Die «Handelszeitung» hat bei allen ein Konto eröffnet und getestet. Noch gibt es vereinzelte Kinderkrankheiten, doch die Eindrücke waren positiv (siehe Links zu den Testberichten, rechts). Als Referenz dienten die beiden Grossbanken.

Die Banking-Apps kommen schlank daher und konzentrieren sich auf das Wichtigste. «Früher machte eine Bank alles, heute hingegen muss man einzelne Bereiche gut beherrschen», sagt Banker Andy Waar. «Für den Kunden ist es einfacher geworden, von jeder Bank das zu beziehen, was diese am besten kann.»

Auch Waar will sich eine Scheibe vom Geschäft der sogenannten Neo-Banken abschneiden, doch seinem Startup steht die Lancierung noch bevor. Die Firma heisst Yapeal und startet auf der grünen Wiese, die in diesem Fall ein graues Gebäude in Zürich-Altstetten ist. Yapeal will im Sommer erste Konten eröffnen – ­eigenständig und ohne Bank als Partner. Gegründet wurde das Unternehmen erst im vergangenen August. Für Neo-Banken gelten andere Geschwindigkeiten.

Das Team von Waar stammt von einer Grossbank. Dort werde nur noch auf den nächsten Quartals­abschluss geschielt, sagt Waar. Einen Plan für die digitale Zukunft habe man hingegen nicht. Hört man ihm zu, macht man sich Sorgen um den Bankenplatz. 

Handy-Kontoeröffnung bei UBS und CS: Schwierig

Natürlich sehen das die traditionellen Banken ­anders. Auch die UBS wirbt mit digitaler Vernetzung. In einem Werbespot erkennt ein Mittvierziger bei der Hausarbeit dank Push-Meldungen, dass sein Kind mit dem Tablet herumspielt und im Internet Geld ausgibt. Das Internet-Banking der UBS gilt als vorbildlich. Doch sind die Banken auch fit für die Generation Handy?

Das Fazit unseres Tests: Wer bei den Grossbanken ein Konto nur mit dem Telefon eröffnen will, hat es deutlich schwerer und wartet länger auf sein Konto. So ist es bei der CS praktisch unmöglich, die Apps zu in­stallieren, ohne gleichzeitig einen Computer zur Hand zu haben. Bei der UBS war in unserem Fall eine rein digitale Kontoeröffnung gar nicht möglich. Es dauerte zwei Wochen, bis das Konto genutzt werden konnte.

Hinzu kommen kulturelle Gräben. «Willkommen bei Neon!», heisst es nach Abschluss der Installation beim Startup. «Deine Karte sollte ca. eine Woche nach ­deiner Eröffnung bei dir sein.» Bei der Credit ­Suisse dagegen wird man zum Bittsteller: «Wir prüfen Ihre Antragsunterlagen und kontaktieren Sie innerhalb von fünf bis zehn Arbeitstagen hinsichtlich der Aktivierung Ihres Banking-Pakets», teilt das System mit. 

«Revolut ist eine beliebte Zweitbank. Aber ich glaube nicht, dass das eine grosse Revolution auslöst. Im Moment bietet es noch zu wenig.»

Andreas Dietrich, der Fintech-Experte der Hochschule Luzern

Die Credit Suisse begründet den komplizierten Prozess mit den Sicherheitsanforderungen. Die Bank räume der Sicherheit über alle Kundensegemente hinweg oberste Priorität ein, sagt Sprecherin Gérianne Cruz. Der mehrstufige Prozess spiegele dies. UBS-Sprecher Marco ­Tomasina betont, dass die Mehrheit der Online-Kontoeröffnungen komplett digital ablaufe. An den Tagen des Tests rund um Weihnachten habe es aber technische Probleme mit der Online-Identifikation gegeben. 

Die komplexe Infrastruktur macht Banken träge

Das Problem der Banken ist ihre Historie. Die über Jahre gewachsenen IT-Infrastrukturen sind komplex und auf ein Geschäftsmodell ausgerichtet, das vor allem auf Sicherheit und Verlässlichkeit setzt und weniger auf Komfort. Wirklich schnell läuft meist nur der Börsenhandel, bei dem es schon immer aufs Tempo ankam. Überweisungen hingegen werden nicht live, sondern über Nacht abgearbeitet. Kontoeröffnungen dauern Tage, wenn nicht Wochen. Die Annahme der Banken: Den Kunden interessiert das nicht. 

Skeptisch ist auch Andreas Dietrich, der Fintech-Experte der Hochschule Luzern. Revolut sei eine beliebte Zweitbank, sagt er. «Aber ich glaube nicht, dass das eine grosse Revolution auslöst. Im Moment bietet es noch zu wenig.» Er könne sich nicht vorstellen, dass das Schweizer Banking dadurch «disrumpiert» werde. 

Doch warnende Stimmen werden lauter, selbst aus banknahen Kreisen. Eine aktuelle Studie von Zeb, die vom Swiss Banking Institute in Auftrag gegeben ­wurde, ruft den Fall von Kodak in Erinnerung: Der amerikanische Filmhersteller hatte zwar die digitale Kamera erfunden, stieg aber nicht ins Geschäft ein, in der Angst, sich selbst zu kannibalisieren. Wie Kodak hätten auch die hiesigen Bankinstitute das disruptive Potenzial der Digitalisierung frühzeitig erkannt, ­schreiben die Autoren. Es bleibe zu hoffen, dass «die heimische Bankindustrie im Gegensatz zu Kodak den richtigen Zeitpunkt nicht verpasst».

Statistiken und virtuelle Töpfe: Banking mit Daten

Längst geht es bei der Digitalisierung nicht mehr nur um effizientere Abläufe und tiefere Kosten, sondern auch um neue Möglichkeiten. Regelmässig liefert die Revolut-App den Kunden eine Statistik, wofür sie ihr Geld ausgeben. Nett, könnte man denken. Doch das Beispiel zeigt, wohin die Reise geht. Zak von Cler kombiniert Banking mit Sparwünschen, indem es Kunden virtuelle «Töpfe» anbietet, mit denen sie gezielt auf einzelne Wünsche sparen können. Und über eine Kooperation mit dem Internethändler ­Microspot vertreibt die Bank auch gleich die Produkte. 

Auch Waar von Yapeal will auf Daten setzen, wenn auch anders. «Wenn jemand verreist, erkennen wir das dank dem Mobiltelefon. Unsere Dienstleistungen sollen sich dann automatisch daran ausrichten.» Über die einzelnen Transaktionen will Yapeal die Kunden kennenlernen und sie mit kleinen Schubsern durch den Alltag leiten. «Das bedeutet natürlich, dass uns der Kunde zu seiner Hauptbank macht. Sonst haben wir zu wenige Daten», sagt Waar.

Das Banking der Zukunft bestehe nicht mehr aus Bilanzmanagement, sondern aus intelligenten Dienstleistungen, für die der Kunde am Ende auch wieder bezahle, sagt Banker Waar. Anders als Neon, Revolut und Zak setzt Yapeal nicht auf ein spesenfreies Konto. «Wir werden eine Monatsgebühr verlangen und dafür auf versteckte Margen verzichten, wie sie heute üblich sind», verspricht er.

Eine Quelle solcher Margen sind die Kreditkarten, wie der Test zeigt. Ein Einkauf in Euro kostet Bankkunden teilweise mehr als 4 Prozent, auch wenn offiziell nur Zuschläge von 1,5 bis 2,5 Prozent verrechnet werden. Der Grund: ­Bereits der Wechselkurs enthält eine Marge. Revolut zeigt, dass es anders geht. Die Bank verbucht die Transaktionen zum margenfreien Kurs und finanziert sich nur über eine Rückvergütung aus dem Handel (mehr dazu im Artikel «Kreditkarten: Ausland-Kosten sind höher als ausgewiesen»). 

Das digitale Geschäft ist ein Poker auf Wachstum: Mit den dünnen Margen kann nur leben, wer möglichst viele Kunden auf seine Plattform bekommt, ohne diese anpassen zu müssen. Das ist der Grund dafür, dass bisher nur wenige ausländische Anbieter in den lukrativen Schweizer Markt stiessen. Die deutsche N26 oder die britische Monzo, beide höchst erfolgreich, bieten bisher keine Konten für Schweizer an. N26 will das dieses Jahr noch ändern, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.

Vieles läuft hierzulande anders als im politischen ­Europa mit seinem einheitlichen Markt. Sei es regulatorisch, sei es bei den Produkten. Schweizer wollen mit der App zum Beispiel Rechnungen einlesen können. Revolut dürfte dieses Feature noch lange nicht anbieten, weil es sich nicht lohnt, dieses nur für die Schweizer Kunden zu programmieren.

Die Banken seien «gar nicht so unglücklich» über die Schweizer Spezialregulierung, sagt Olaf Toepfer, Leiter Bankberatung bei EY. «Keiner freut sich, wenn neue Banken in zwei Wochen eine Lizenz bekommen.» Nicht nur die Regulierung, auch die Trägheit schütze die Schweizer Banken. Es brauche schon viel, bis ein Kunde die Bank wechsle, sagt Toepfer. Doch er mahnt: «Die nächste Generation sieht das anders.» 

«Immunsystem, das Innova­tion wie eine Krankheit abstösst»

Das Vertrauen auf den Marktschutz ist eine Wette auf die Zeit, denn technologisch sind die Banken aus dem Ausland den Schweizer Instituten oft weit voraus. Nur 11 Prozent der Banken seien in der Lage, mehr als 75 Prozent ihres Angebots auch digital zu vermarkten, konstatiert die Zeb-Studie. Berater Toepfer spricht von einem «firmeninternen Immunsystem, das Innova­tion wie eine Krankheit abstösst». Stabilität war lange ein Grund für den Erfolg der Banken. «Aber im Strukturwandel ist das nicht sehr förderlich.»

«Welcome home, I hope you had an amazing trip», wünscht uns das Handy per Push-Mitteilung. Die ­Revolut-App hat gerade festgestellt, dass wir wieder in die Schweiz zurückgekommen sind. Doch dieses Mal waren wir nicht in den Ferien in Fernost, sondern ­lediglich zum Einkaufen im Elsass.

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