Frauen in der Migros-Generaldirektion: eine rare Erscheinung. Eine Frau, die nicht als M-Eigengewächs, sondern von aussen in die oberste Riege aufsteigt: hoher Seltenheitswert. Als Sarah Kreienbühl per Anfang 2018 in der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB) Einzug hielt, war das entsprechend eine kleine Sensation.

Jetzt zeigt sich: Kreienbühl, die vom Hörgerätehersteller Sonova kam und nun in der MGB-Generaldirektion für Personal, Kommunikation, Kultur und Freizeit zuständig ist, ist für die Migros auch aufgrund ihrer Herkunft ein Gewinn. So zeichnet die begeisterte Bergsteigerin und Rennvelofahrerin zusätzlich als Präsidentin einer neuen Migros-Firma namens Misenso.

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Zweck des Unternehmens, das mit 1 Million Franken stattlich kapitalisiert ist: «Handel mit optischen und elektro-akustischen Artikeln». Woraus sich ergibt: Die Migros spitzt die Löffel, um im äusserst lukrativen Markt der Hörgeräte mitzumischen. Und damit das bisher schon reiche Gesundheitsangebot auszubauen. Ein Migros-Sprecher bestätigt das Vorhaben: «Optik- und Hörgeräte-Angebote passen sehr gut in unser strategisches Geschäftsfeld Gesundheit. Wir werden dazu mit Misenso ein Pilotprojekt an physischen Standorten starten.»

Lancierung der Misenso-Piloten

Wo der orange Riese sein Konzept testen wird, ergibt sich für Insider aus der Zusammenstellung des Misenso-Verwaltungsrates. Denn dort sitzt auch Anton Gäumann, der Geschäftsleiter der Migros-Genossenschaft Aare. Personen, die mit dem Projekt vertraut sind, sehen eine Lancierung des Misenso-Piloten an zwei Standorten der Migros Aare: im eher ländlich gelegenen Einkaufszentrum Shoppyland Schönbühl sowie in einem Migros-Supermarkt in der Stadt Bern. Auf jenem Perimeter also, wo die Migros vor drei Jahren schon einmal Gesundheitsneuland betrat: per Shop-in-Shop-Kooperation mit der Online-Apotheke Zur Rose, Bern.

30.10.2018; Zürich; Wirtschaft; Migros - Portrait Sarah Kreienbühl, Mitglied Konzernleitung Migros. © Valeriano Di Domenico

Sarah Kreienbühl ist seit Anfang 2018 teil der Generaldirektion des Migros-Genossenschaftsbundes (MGB).

Quelle: Valeriano Di Domenico

Mit dem Hörgerätebusiness will sich der orange Riese einen äusserst lukrativen Markt erschliessen: Hohe Preise, hohe Margen und niedrige Herstellungskosten beziehungsweise Einkaufspreise prägen diese Sparte des Gesundheitssektors. Würde die Migros hier den preislichen Rammbock ausfahren wollen – sie könnte es. Zur Misenso-Positionierung heisst es in der Migros-Zentrale nur: «Das beste Angebot zu fairen Preisen.»

Migros spitzt die Löffel nicht umsonst. Bei Hörgeräten gibt es einiges zu holen. Im europäischen Vergleich ist die Schweiz das Höchstpreisland bei Hörmitteln. Hierzulande sprechen Akustiker von durchschnittlich 3000 Franken im Laden – pro Qualitätsgerät und Ohr. Ab Werk kostet ein Hörgerät im Schnitt nur 600 Franken.

An diesem einträglichen Geschäft dürfte sich so rasch auch nichts ändern: «Trotz der leichten Zunahme beim Wettbewerb und tieferem Durchschnittspreis bei den Geräten ist das Niveau der Hörgerätepreise in der Schweiz weiterhin sehr hoch», schreiben die Preisüberwacher in einer Studie vom vergangenen Januar.

Riesiges Wachstumspotenzial

Parallel dazu ist das Wachstumspotenzial riesig: In vier Jahren wuchs der Hörgerätemarkt in der Schweiz auf derzeit fast 100'000 verkaufte Stück pro Jahr an. Und das bei geringer Marktdurchdringung: Nur 3,3 Prozent der Bevölkerung besitzen ein Hörgerät. Die Anzahl der Personen, die erwiesenermassen Kandidaten für ein Hörgerät wären, liegt bei bis zu 44 Prozent.

Mitbewerbern auf dem Schweizer Hörmittelmarkt ist das Projekt der Migros schon zu Ohren gekommen. Brancheninsider kennen sogar die Details. Geplant soll die Lancierung ursprünglich schon im Oktober gewesen sein, nun dürfte es später werden. Die Pilotphase soll bis Mitte 2021 dauern. Dann wolle die Migros entscheiden, ob das Format fortgesetzt und gegebenenfalls expandiert wird.

2792 Franken

Margen Schweizer Ab-Werk-Preise für Hörgeräte sind global Spitze. Der Höchstpreis: 2792 Franken, der Mindestpreis: 88 Franken, im Schnitt: 600 Franken. Der Handel verkauft ein Gerät meist zum Höchstpreis.

Kosten Um Kundenkosten zu senken, führten IV/AHV 2011 neue Vergütungssysteme ein. Trotz mehr Wettbewerb sind die Preise aber weiterhin sehr hoch, so der Preisüberwacher.

Für Jubel in der Branche sorgt das Vorhaben der Migros als neue Konkurrentin nicht. Aber auch nicht für schlaflose Nächte: «Die Migros verfügt natürlich über eine gewaltige PR- und Marketingmaschine», sagt ein Hörgerätehändler, «das ist eine neue Dimension im Markt.» Aber der Grossverteiler kämpfe auch nur mit gleich langen Spiessen, wenn es darum gehe, genügend Akustiker zu finden.

Das Business ist lokal. Es geht um Vertrauensverhältnisse mit der Kundschaft. Und die Anzahl ausgebildeter Hörberater im Markt ist knapp. Das gilt für Amplifon, Kind, Audika, Neuroth und Co. gleichermassen wie für die Migros. Bei dem vorherrschenden Fachkräftemangel in der Akustik und in der Optik fragt sich ein Händler: «Welche guten Mitarbeitenden wollen in einem Einkaufscenter und bei dort geltenden Ladenöffnungszeiten arbeiten?»

Für Auge und Ohr

Das Misenso-Sortiment sei zu Beginn auf zwei Herstellermarken ausgelegt, sagen Insider. Sonova-Geräte seien dem Vernehmen nach nicht dabei. Ob die Palette doch noch auf deren Produkte ausgeweitet werden soll, ist unklar. «Generell kommentieren wir nicht Verhandlungen mit Geschäftspartnern, die laufen oder nicht abgeschlossen sind», sagt ein Sonova-Sprecher.

Die Migros versuchte sich schon einmal im Geschäft mit günstigen Hörverstärkern. Bei Handel und Vertrieb hochwertiger Geräte ist sie aber ein Neuling. Deshalb hat sich Kreienbühl im alten Unternehmen umgehört und gleich zwei Sonova-Topshots zu Misenso geholt. Wenn die Migros auch in den Volumenmarkt der Brillen einsteigen will, bekommt sie es dort mit dem faktischen Duopol von Visilab und Fielmann zu tun. Das hat Kreienbühl natürlich im Auge. Und hat, wie Insider berichten, das Naheliegende getan: einen Kadermann von Fielmann an Bord geholt.

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