Als Martin Scholl 2007 Chef der Zürcher Kantonalbank wurde, war der Handyhersteller Nokia noch Weltmarktführer und Apple arbeitete gerade mal im Geheimen an der Präsentation eines neuartigen Mobiltelefons, das ohne Tastatur auskommen sollte. Bankgeschäfte machten die Schweizerinnen und Schweizer damals per Post, am Schalter oder – die Aufgeschlossenen – am PC. Die erste Banking-App der ZKB war noch nicht einmal angedacht.

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Inzwischen hat sich das Banking verändert. Apps prägen die Landschaft, ausländische Konkurrenten sind kein Fremdwort mehr. Neobanken wie Revolut oder Neon setzen fast ausschliesslich auf Handy-Apps, auch die Grossbank Credit Suisse hat mit CSX ein eigentliches Handy-Konto lanciert. Die App der ZKB hingegen sieht seit Jahren gleich aus. Sie erhält von den Kundinnen und Kunden zwar gute Noten. Doch in der Branche rätselt man eher über das Phänomen. Selbst in der Bank gibt man mittlerweile zu, dass viele Prozesse zu kompliziert und überholt sind.

Neue Bank-Apps im kommenden Jahr

Kurz vor seinem Rücktritt im kommenden Jahr schickt Scholl die Bank nun doch noch in die App-Gegenwart. Im ersten Halbjahr 2022 lanciere man einen komplett überarbeiteten Mobile-Auftritt, sagt Beatrice Sidler, die von der Obwaldner Kantonalbank nach Zürich eingewechselte Leiterin Multichannel Management, gegenüber der «Handelszeitung». Die inhouse entwickelte App solle das Kundenerlebnis verbessern und die Basis für eine neue Art Banking legen.

Als eine der letzten grosse Banken führt die ZKB in einem zweiten Schritt 2022 auch die rein digitale Kontoeröffnung ein. Heute muss noch immer an den Schalter, wer bei den Zürchern ein Konto will. Die von anderen Banken in den letzten Jahren eingeführte Videoidentifikation, bei der ein Angestellter kurz den Ausweis mit der Kundin abgleicht, habe man «bewusst übersprungen», sagt Scholl. Bei der ZKB setze man künftig auf Selfies und das Scannen des Ausweises. Das kennt man zwar bereits von Fintechs wie Yapeal. Mit einer vollen Banklizenz sei das bisher aber noch nicht erlaubt gewesen, sagt Scholl.

Vor allem aber soll die von Grund auf neu gebaute App die Kundinnen und Kunden anders «begleiten». Sie soll sich dereinst flexibel an die Kundschaft anpassen, die am häufigsten genutzten Funktionen in den Vordergrund rücken und bei Transaktionen unterstützen. Auch Fragen zur Vorsorge oder Finanzplanung sollen besser abgebildet werden.

Hybrides Banking statt Mobile only

Baut die ZKB ihr eigenes CSX? Scholl wehrt sich gegen den Vergleich mit der Grossbank. Man befinde sich auf dem Weg zu Mobile First. Schon heute könne man Alltagsgeschäfte bei der ZKB voll digital abwickeln. Man ziele aber auch künftig nicht allein auf reine Digitalkunden und -kundinnen, sondern setze auf «Hybridität». Für Infos, Abwicklung und Selbstbedienung die App, für Beratung oder Finanzplanung das Gespräch. Und eine Online-Plattform, die beides nahtlos verbindet. Der Kunde werde etwa mit der App Dokumente hochladen können, die er anschliessend im Gespräch mit der Beraterin brauche, so Sidler.

Eine Handy-App müsse nicht alles können, erklärt Scholl überzeugt. Auch in Zukunft werde in vielen Bereichen der persönliche Kontakt wichtig bleiben. Bei der CS dagegen ersetzt CSX den Schalterbesuch. CSX-Kundinnen und -Kunden leben in einer anderen Welt.

«Statt einer Expansion mit der ZKB im Retailgeschäft in die restliche Schweiz machen wir lieber noch einmal drei Franklys.»

Martin Scholl

Die ZKB weiterhin nur für Zürcherinnen und Zürcher? Mit der Online-Kontoeröffnung wird die Bank theoretisch auch für Kundinnen aus Genf oder Kunden aus Romanshorn erreichbar. Das sei sicher so, sagt Scholl. Aber nicht die Strategie der Bank. Man konzentriere sich im Privatkundensegment weiterhin auf den Wirtschaftsraum Zürich.

Dabei spielt auch die ZKB längst in der gesamten Schweiz mit. Nicht nur im Firmenkundengeschäft und Private Banking, wo Filialstandorte keine grosse Rolle spielen. Sondern auch da, wo der Name ZKB etwas kleiner gedruckt ist.

Vor ein paar Jahren kauften die Zürcher das Fondsgeschäft von Swisscanto und 2020 lancierten die darauf basierende Vorsorge-App Frankly. Über diese wird mittlerweile mehr als 1 Milliarde Franken verwaltet. «Statt einer Expansion mit der ZKB im Retailgeschäft in die restliche Schweiz machen wir lieber noch einmal drei Franklys», sagt Scholl mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Konkrete Pläne für eine weitere App bestünden bereits, Details verrät er jedoch noch keine. «Die Köpfe laufen heiss, das kann ich Ihnen sagen.»

25 bis 30 Millionen Marketingkosten für eine Bank-App

In der Branche wurde Frankly mit Argwohn beobachtet. Die Idee und das Konzept dafür kopierten Scholls Leute fast eins zu eins von der App Viac, hinter der unter anderem die Bank WIR steht. Mit viel Geld und tiefen Gebühren drückte die ZKB Frankly in den Markt, was kleineren Anbietern wohl einige Kundinnen und Kunden abspenstig machte. Mit Freya gibt nun ein erster 3a-Anbieter bereits wieder auf. Nach nur einem Jahr ging dem Startup der Schnauf aus.

Scholl macht keinen Hehl daraus, dass viel Geld braucht, wer eine Bank-App lancieren will. 25 bis 30 Millionen Franken Marketinginvestitionen müsse man dafür schon über mehrere Jahre tragen können, sagt er. Und bei Frankly dürfte es unter dem Strich wohl noch mehr gewesen sein.

Die ZKB kann sich das leisten. Wenn sie es damals nicht schon war, hat Scholl sie in den 15 Jahren als Chef zur faktisch dritten Grossbank der Schweiz gemacht. Bilanz und Hypothekarsummen legten um etwa 70 Prozent zu und die verwalteten Kundenvermögen hat Scholl beinahe verdreifacht – auf 361 Milliarden Franken Ende 2020. Nicht ganz so steil legte der Gewinn zu. Doch die fast immer zwischen 700 und 900 Millionen Franken pro Jahr hielten Kanton und Gemeinden in Zürich allemal bei Laune. Um seinen Job musste sich Scholl kaum je sorgen.

«Das nächste grosse Ding suchen Sie da vergebens.»

Martin Scholl

Auf grosse Umstürze hat Scholl seine Bank nicht vorbereitet. Dank dem breit aufgestellten Geschäftsmodell könne sie nicht einfach disrumpiert werden, sagt Scholl. Fintechs wie Revolut, Wise oder N26 lassen ihn «völlig kalt». Banking finde «bei den Banken statt – auch in fünf oder zehn Jahren noch», ist er sich sicher. Der Absender einer soliden Bank sei für die Kundschaft wichtiger als eine fancy App. «Das nächste grosse Ding suchen Sie da vergebens», sagt er. Auch die Preise hält er für sekundär. «Wir haben andere Argumente und werden nie die billigsten sein.»

Eine Smart-Follower-Strategie sei im Banking oft besser, als vorzupreschen, so Scholl. Weil man Technologie und alle Entwickler hier in Zürich habe, könne man in relativ kurzer Zeit gute digitale Angebote bauen, die das Leben von Kundinnen und Kunden verbesserten. Ob man damit etwas früher oder später komme, spiele keine Rolle. Urs Baumann wird dereinst sagen können, ob Scholl damit richtig liegt. Dieser übernimmt im kommenden Jahr das Ruder bei der Zürcher Kantonalbank.