Die weiss-roten Apparate tragen Namen wie Santa Fe, London oder St. Tropez. Und spucken alle paar ­Minuten etwas Ess- oder Trinkbares aus. Geld rein, Mineralwasser oder Schokoriegel raus.

Fast in derselben hohen Kadenz, wie die Selecta-Verpflegungsautomaten Ware ausliefern, geht es auch am Selecta-Firmensitz in Cham zu und her. In rekordverdächtigem Tempo werden Kaderleute umgetopft oder verabschiedet, die einen freiwillig, anderen wird nachgeholfen.

Bereits zwei Wochen nach Jobantritt war der Frankreich-Chef Geschichte.

Allein im Top-Management machten sich in den letzten Wochen zwei Dutzend ­Manager vom Acker. Es gingen der Konzernchef, der VR-Präsident, der Finanzchef, die HR-Chefin, die Mehrheit der Verwaltungsräte sowie der Länderchefs von Grossbritannien und Frankreich.

Ein Kommen und Gehen im Kader

Selbst ihre Nachfolger hielten sich mitunter nicht allzu lange: Die neue HR-Chefin blieb nur wenige Wochen; ihre Vorgängerin, die man Anfang Jahr eigens aus den USA einflog, war auch nur ein paar Monate im Amt.

Dem Nachfolger des abservierten Frankreich-Chefs war nicht einmal Zeit fürs Einarbeiten gegönnt: Bereits zwei Wochen nach Jobantritt war er Geschichte. Derweilen herrscht Betriebsamkeit in der Personalabteilung: Via Headhunter und einschlägige Portale wie Jobs.ch wird eifrig nach frischem Kanonenfutter gesucht.

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Stürmische Zeiten bei jenem Zuger Konzern, der sich rühmt, Europas grösster Automatenverpfleger zu sein. Der europaweit mit dem munteren Motto «Make the day work» wirbt. Wie lange dieser Spruch firmenintern noch Bestand hat, ist allerdings so offen wie nie in der siebzigjährigen Geschichte der Firma, die einst ein Basler Tüftler namens Joseph Jeger gründete.

Dramatische Gewinneinbrüche in der Pandemie

Denn die Zukunft ist offen. Bereits laufen Wetten, in welche Richtung es geht: Sanierung oder Zerschlagung? Nervenaufreibend wird es ohnehin. Denn Selecta droht von einer Schuldenlast von 1,7 Milliarden Franken erdrückt zu werden, was alljährliche Zinszahlungen in der Höhe von 115 Millionen verursacht.

Und mit dem Coronavirus begann der Überlebenskampf.

Doch bei dramatischen Einbrüchen bei Umsatz und Betriebsgewinn ist nicht ans üppige Geldverdienen zu denken, im Gegenteil. Je länger das Coronavirus grassiert, desto schwieriger wirds für die Firma: Ein Grossteil der Arbeitnehmer verharrt noch immer im Homeoffice und sorgt weder in den Büros, den Kantinen noch auf den Bahnperrons für Betrieb in den 455'000 Selecta-­Verpflegungsautomaten.

Schlechte Zeiten für die 9000 Selecta-­Mitarbeitenden, schlechte Zeiten auch für die Geldgeber. Der US-Investor Kohlberg Kravis & Roberts (KKR) ist seit 2015 Besitzer der Firma.

Doch glücklich wurden er nie mit dem Investment. Statt nach ein paar Jahren mit vollen Kassen zu neuen Ufern aufzubrechen, kam die Ernüchterung – zu wenig Profit, zu hoch der Investitionsbedarf. Und mit dem Coronavirus begann der Überlebenskampf.

Fonds wollen Aufspaltung

Derzeit streitet sich Selecta-Eigner KKR mit diversen Fonds, die der Firma Geld geliehen haben. Im Powergame gehts darum, wer die stärkeren Nerven hat. Hier KKR, beraten durch die Investmentbank PJT Partners, dort die Bond-Halter, die auf die Dienste von Perella Weinberg zählen.

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KKR, hiess es gerüchteweise, wolle zur Sanierung weitere 200 Millionen Franken in die angeschlagene Firma stecken. Aber nur, wenn die Fonds im Gegenzug auf einen Haircut – einen gewaltigen Abschreiber auf ihr Investment – einwilligen. Auf Anfrage wollte sich KKR nicht zu den Vorgängen äussern.

Die Fonds wiederum haben eine andere Strategie: Sie wollen für ihre ausstehenden Anleihen in Aktien abgefunden werden, um so zum gewichtigen Miteigentümer von Selecta zu werden.

Konkurrenten an Ländergesellschaften interessiert

Noch lieber wäre ihnen, wenn sich KKR ganz aus der Firma verabschiedete. Dann nämlich könnten sie das tun, was ­ihnen KKR verwehrt: Selecta aufspalten und in Einzelteilen verscherbeln.

Längst schleichen sich kapitalstarke Konkurrenten an Selecta heran und hoffen, die eine oder andere Länderge­sellschaft schnappen zu können. So soll die Kaffeekette JDE Peet’s, welche der deutsche Kaffeedynastie Reimann gehört, Interesse an Selecta Italia haben, die besonders stark unter der Covid-19-Pan­demie leidet.

Auf Branchenportalen wird dort über die «Svizzeri» gelästert, die ihre Sommerferien genössen, während die Monteure im Blaumann von einem Serviceeinsatz zu nächsten eilten.

Dabei hätten die Selecta-Chefs den Italienern bei der Übernahme vor drei Jahren doch eine Vorwärtsstrategie versprochen. Diese Hoffnung aber sei längst verflogen.

Von Moody's zurückgestuft

Dieser Meinung ist auch die Ratingagentur Moody’s. Sie hat Selecta vor wenigen Tagen empfindlich zurückgestuft. Begründung: Corona-Krise, ungewisse Strategie, nicht absehbarer Zeithorizont bis zur Gesundung. Noch sind die Weichen im Headoffice in Cham nicht gestellt, noch sind viel zu viele Fragen offen.

Doch die Zeit drängt, das wissen auch die KKR-Chefs, zuvorderst VR-Präsident Joe Plumeri und Konzernchef Christian Schmitz. Was ihre Herkulesaufgabe nicht einfacher macht: Plumeri lebt in New York, Schmitz in Kalifornien.

Immerhin haben sie es trotz Corona-Reiserestrik­tionen diese Woche ins Zugerland geschafft. Allzu viele Mitarbeitende dürften die Eingeflogenen am Firmensitz nicht angetroffen haben: Die einen hat man geschasst, die anderen sitzen im Home­office.

Disclaimer: In einer ersten Version hiess es fälschlicherweise, dass der Grossbritannien-Chef nach zwei Wochen gegangen sei. Richtig ist, dass es der Länderchef von Frankreich war.

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