Es wäre der Showdown des Jahres gewesen. Am Mittwoch hätten Befürworter und Gegner der Fusion von Sunrise und UPC an einer ausserordentlichen Generalversammlung im Zürcher Hallenstadion die Klingen gekreuzt. Hier Sunrise-­Präsident Peter Kurer, der den Deal mit UPC-Eignerin Liberty Global ausgehandelt hatte. Da Christoph Vilanek, der als Chef von Freenet die grösste Sunrise-Aktionärin vertritt und die Fusion bekämpft.

Ein letztes Mal hätte Präsident Kurer sein Bestreben verteidigen müssen: aus Sunrise die klare Nummer zwei im Schweizer Telekommarkt machen zu wollen. Hätte. Denn einen Tag vor dem Aktionärstreffen zog Kurer die Notbremse.

Frühmorgens teilte Sunrise mit, die GV sei abgesagt. Eine «deutliche Mehrheit» der Aktionäre würde gegen die für die Fusion nötige Kapitaler­höhung stimmen. Die Lastminute-­Absage kam, gut eine Woche nachdem Kurer in der NZZ Zuversicht ­versprüht hatte, genügend Aktionäre hinter sich zu scharen. Wie konnte sich Kurer dermassen verschätzen?

Es ist die Chronologie einer Niederlage, die abzeichnete. Doch Kurer und Co. ignorierten die Signale; ein Investmentbanker spricht von «selektiver Wahrnehmung». Statt sich mit den Kritikern auseinanderzusetzen, zeichnete die Sunrise-Spitze lieber das Zerrbild eines einzigen, querulierenden Grossaktionärs. Dabei wurde das Sunrise-Management bereits im April nach Toronto vorgeladen, weil der zweitgrösste Aktionär, der Canada Pension Plan Investment Board, die UPC-Übernahme kritisch beurteilte.

Querulierender Grossaktionär

Von einer breiten Opposition gegen die Megafusion erfuhr der Sunrise-Verwaltungsrat erst viel zu spät. Kurer, der sich gegenüber der «Handelszeitung» nicht äussern wollte, ­sowie seine Dealmaker liessen die Board-Mitglieder lange im Glauben, alles im Griff zu haben. Mehr noch: Der Sunrise-Präsident dachte, Freenets Fundamentalkritik sei bloss Kesseltreiben – am Ende würde man die Grossaktionärin schon noch zum UPC-Deal bekehren können.

Das böse Erwachen kam im ­August, als Freenet öffentlich ankündigte, gegen die Fusion stimmen zu wollen. Und sich daraufhin andere Aktionäre der Deal-Kritik anschlossen. Da kippte die Stimmung am Zürcher Sunrise-­Sitz. Fortan agierten Kurer und Co. im Panikmodus: Nach dem Freenet-Njet kanzelte der Verwaltungsrat auf ­beispiellose Weise den Haupteigner öffentlich ab.

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Freenet sei in der UPC-Diskussion «unkonstruktiv» gewesen, habe unverhält­nismässige Forderungen zulasten anderer Sunrise-Aktionäre gestellt und die beiden Freenet-­Vertreter im VR hätten möglicherweise ihre Treuepflichten verletzt. Das Board schloss sie von ­allen Fusionstraktanden aus. Das Tuch zwischen Präsident Kurer und Freenet-Chef Vilanek war endgültig zerschnitten. Da half auch die Anpassung der Übernahmestruktur (mehr Schulden, weniger Kapital) nichts mehr.

Plötzlich sass Sunrise wieder am Verhandlungstisch

Zuletzt wirkte die Sunrise-Spitze verzweifelt. Noch zehn Tage vor der GV kündigte sie eine Beteiligung von Liberty Global am neuen Konstrukt an. Doch der genaue Blick auf den Wortlaut zeigte: Verbindlich war daran gar nichts. Doch das war auch egal. Die Stimmung im Sunrise-Aktionariat war längst gekippt. Als auch noch der mächtige Stimmrechtsberater ISS den Daumen senkte, war Präsident Kurer vom «Dealmaker» (NZZ) zum Dealbreaker geworden.

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Dabei hatte der Übernahmeversuch einst so verheissungsvoll begonnen: Im Herbst 2017 ­regte Freenet-Chef Vilanek im Sunrise-Verwaltungsrat selbst an, ein Zusammengehen mit der Kabelnetzbetreiberin UPC zu prüfen. Doch rasch wurde klar, dass die ­Preisvorstellungen zu weit auseinander lagen. Die Gespräche verliefen im Sand.

Im Sommer 2018 nahm der Sunrise-VR erneut einen Anlauf. Denn die UPC-Mutter Liberty Global wollte raus aus der Schweiz, ja aus ganz ­Kontinentaleuropa. Diesmal war kein Zusammengehen unter Gleichen angedacht. Vielmehr sollte die kleinere Sunrise die grössere UPC schlucken. Dazu hätte Liberty sich mit bis zu ­einem Drittel an Sunrise beteiligen und darüber hinaus eine Tranche in Cash erhalten sollen. Die Angelsachsen um Liberty-Chef Mike Fries zeigten Interesse. Sunrise sass wieder am Verhandlungstisch.

Peter Kurer

Trotz seiner Erfahrung als Jurist, scheiterte Peter Kurer bei dem Übernahme-Deal kläglich.

Quelle: Keystone

Der Jurist

Name: Peter Anton Joseph Kurer
Funktion: VR-Präsident Sunrise
Alter: 70

Ausbildung:
1974: Lizentiat Ius, Universität Zürich
1976: LLM, University of Chicago
1980: Anwaltspatent, Zürich

Laufbahn:
1977 bis 1979: Gerichtsschreiber, Bezirksgericht Zürich
1980 bis 1990: Partner Baker McKenzie
1991 bis 2001: Partner Homburger
2001 bis 2008: Konzernjurist UBS
2008 bis 2009: VR-Präsident UBS
ab 2012: Beirat Accenture
ab 2013: Partner BLR & Partners
ab 2014: VRP Kein & Aber

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Kurers Governance-Papier


Da schlug die Stunde von Wirtschaftsjurist und Ex-Homburger-Partner Peter Kurer. Er entwarf ein Cor­porate-Governance-Papier, das dem Sunrise-Management die Kontrolle über das neue Konstrukt sichern sollte, auch wenn die beiden Ankeraktionäre Liberty und Freenet gemeinsam die Hälfte aller Aktien der neuen Sunrise kontrollieren würden. Den beiden Grossaktionären wollte er nicht nur verbieten, weitere Aktien zuzukaufen, sondern auch, ihr Paket zeitnah abzustossen. Darüber hinaus hätten sie im Verwaltungsrat nur eine Minderheit stellen sollen. Auch die Sunrise-­Geschäftsführung hätte Liberty und Freenet nicht abwählen dürfen.


Es kam, wie es kommen musste: ­Liberty lehnte Kurers Governance-­Pläne rundweg ab. Die Sunrise-Spitze musste nochmals über die Bücher. Im Dezember 2018 machte der Verwaltungsrat Liberty ein letztes Angebot: UPC gegen Cash. Sunrise würde den Kabelnetzbetreiber zum Preis von 6,3 Milliarden Franken auskaufen. Kurz vor Weihnachten ging die Cash-­Offerte nach London zum Liberty-Sitz. Schon im Vorfeld äusserte Freenet-­Chef Vilanek Zweifel, doch Dealmaker Kurer drückte aufs Tempo. Die Begründung: UPC könnte sonst in die Hände von Konkurrentin Salt fallen.


Nach den Feiertagen signalisierte Liberty, dem Verkauf zuzustimmen. Doch Freenet-Vertreter Christoph Vilanek deponierte sein explizites Nein zur UPC-Transaktion. Freenet fürchtete vor allem, dass ihre Beteiligung im Zuge der Kapitalerhöhung an Wert verlieren könnte. Doch Kurer wischte die Kritik des Grossaktionärs beiseite. Der Sunrise-Präsident war sich sicher, Vilanek noch herumzukriegen. Nötigenfalls mit öffentlichem Druck mittels einer klandestinen PR-Kampagne gegen den eigenen Grossaktionär.
 Doch Kurers Kurs sollte sich als ­fatale Fehleinschätzung erweisen.

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