Björn Rosengren nimmt fleissig Deutsch-Nachhilfe. Ein paar Brocken konnte er ja schon, weil er in den 1990er Jahren zwei Jahre im St. Galler Rheintal verbracht hatte. Der Schwede will parat sein, wenn er Anfang März den Chefposten beim Industrieriesen ABB übernimmt. Inoffiziell startet er in Zürich-Oerlikon früher, am 1. Februar. Zuoberst in seinem Pflichtenheft steht das schwedische Wort Ombyggnaden, zu Deutsch: der Umbau.

Unter Rosengren wird der Konzern auf den Prüfstand gestellt. Es wird im grossen Stil umgebaut, verkauft, akquiriert, verschoben. Von 18'000 Menschen, die ABB global mit Zentralfunktion beschäftige, werden am Schluss maximal noch 1000 Arbeitsplätze übrig bleiben. «Die anderen 17'000 werden in die Geschäftsbereiche hineingeschoben», kündigte Präsident und Interim-CEO Peter Voser im Dezember an.

25 Prozent mehr Jobs gestrichen als angeündigt

Doch der Umbau geht viel tiefer. So hat es Rosengren bereits bei seinem aktuellen Nocharbeitgeber Sandvik vorexerziert. Voser, der sich ab März wieder aufs Präsidentenamt beschränkt, ist überzeugt: «Rosengren hat dafür das nötige Know-how schon im Rucksack.»

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Sein Radikalumbau beim Bergbaukonzern Sandvik ist die Blaupause für ABB. Rosengren hat ganze Firmenteile verkauft, Sparten zugekauft, die Digitalisierung vorangetrieben und die Firma forsch auf Rentabilität getrimmt. Der passionierte PS-Aficionado – in der Garage stehen ein Audi S5 Cabrio, ein Range Rover Sport und ein Porsche Macan Turbo – gibt auch im Geschäft Gas. Allein in den letzten drei Wochen hat er drei Firmen zugekauft, alle in den USA.

Sandvik wurde in ein «dezentralisiertes, schlankes Unternehmen umgewandelt und die Entscheidungskompetenz zum Kunden hin verschoben». Kosten wurden optimiert, Tausende Jobs gestrichen – um 25 Prozent mehr als zuvor angekündigt –, verkündete Rosengren im Sandvik-Aktionärsbrief voriges Jahr. Am 21. Januar stellt er die Zahlen fürs abgelaufene Jahr vor – seine letzte Amtshandlung bei Sandvik.

Erster Auftritt in der Schweiz am 26. März

Am 26. März wird sich Rosengren erstmals dem Schweizer Publikum präsentieren, wenn er an der Generalversammlung auftritt. Dann spricht er auch erstmals über seine Vorstellungen für den Konzern. Eine Dividende von 80 Rappen je Aktie darf er Aktionären dort schon mal versprechen.

Doch der Schwede will mehr: eine höhere Dividende, weniger Zentralismus, mehr Unternehmertum. Auch weniger Wortwolken, dafür klare Ansagen. Auch will sich Rosengren – im Gegensatz zu Vorgänger Uli Spiesshofer – nicht mit einem Tross von Adlaten umgeben, der ihn rund um die Uhr zu Diensten ist. Der Schwede gilt als uneitel, unkompliziert. Die Mitarbeitenden können mit ihm.

Kernbereiche stehen zur Disposition

Der Hands-on-Stil, den er mit Präsident Voser teilt, wird ihm helfen, harte Massnahmen umzusetzen. Denn nicht nur Abrundungen stehen an, sondern ganze Kernbereiche stehen zur Disposition. Genannt wird die Division Elektrifizierung, die derzeit noch ansprechend rentabel ist – und zu einem anständigen Preis verkauft werden könnte. Nach dem erfolgten Verkauf der Stromnetzsparte wäre eine Abspaltung «ein logischer Schritt», sagt ein Insider.

Voser selbst will künftige Verkäufe gar nicht dementieren. Vor einer Journalistenschar in Frankfurt sagte er kürzlich: «Wenn wir das Bedürfnis sehen, uns von einem Bereich zu trennen, dann machen wir es.» Und im Übrigen sehe er bei den vier ABB-Divisionen kaum Synergien.

Vordergründig klingt das selbstbewusst. Doch im Hintergrund wächst der Druck. Die Stromsparte, die ABB für 9 Milliarden Franken nach Japan verkauft hatte, hatte den Gesamtkonzern für potenzielle Käufer unattraktiv, zu teuer gemacht. Dieser Schutz ist jetzt weg. Ergo müssen Geschäftszahlen her, die den Wert der Firma nach oben treiben und sie so weniger angreifbar machen.

Die Konkurrenz macht es vor

Viel Vorarbeit ist gemacht. Noch die alte Führung hatte die Ausrichtung der Firma debattiert; die Knochenarbeit aber hat der zweitgrösste Investor, die schwedische Finanzgesellschaft Cevian, geleistet. Sie hat im Stil von Strategieberatern die «New ABB» gezeichnet, einen zurechtgestutzten Tech-Konzern mit starker Digitalnote.

Wie man dorthin kommt, haben Konkurrenten vorgemacht, etwa Schneider Electric, Siemens, Hexagon oder Honeywell. Schneider hat die Digitalsparte Ecostruxure, die seit 2009 existiert. General Electric hat in die Industrie-Cloud-Plattform Predix 4 Milliarden Dollar investiert.

Siemens steckte in die Internet-der-Dinge-Plattform Mindsphere über 10 Milliarden Dollar. Sie alle sind schon viel länger als ABB an der Digitalisierung, an Netzwerktechnologien oder an neuen Applikationen dran. ABB hat mit der Ability-Plattform erst ab 2017 richtig losgelegt.

Gefragt ist bei ABB eine Kombination aus Investitionen in Hightech und Software sowie smarten Partnerschaften wie jene mit Dassault oder Microsoft. Und das möglichst rasch. Die Zahlen widerspiegeln die Schwäche: Zukunftsthemen wie Software und Dienstleistungen machten bei ABB 2018 bloss 19 Prozent des Umsatzes aus.

Die Konkurrenz lag ungleich höher. Da machte der Anteil 30 Prozent (Schneider), 35 Prozent (Honeywell) oder gar 55 Prozent (Hexagon) aus. Rosengren ist der Herausforderer, der seinen Plan mit Eigenmitteln und Teilverkäufen erst finanzieren und umsetzen muss.

Fünf Jahre Zeit für den Umbau

Fünf Jahre will sich der sechzigjährige Schwede bei ABB nehmen. Wer beim Totalumbau das Sagen hat, ist sonnenklar: die Schweden. Sie stellen nicht nur den Konzernchef, sondern mit Investor AB und Cevian auch die stärksten Aktionäre; sie sind prominent im Verwaltungsrat vertreten. Und personell verknotet: Rosengrens Filius Marcus arbeitet seit zwei Jahren beim ABB-Grossaktionär Cevian.

13 Milliarden Dollar Umsatz weniger

Der Umsatz von ABB ist seit 2013 stark unter Druck geraten: von knapp 42 Milliarden Dollar auf rund 29. Der Bestelleingang hat sich seit 2013 auf rund 13 Milliarden Dollar halbiert. In der Schweiz beschäftigt der Konzern rund 6000 Mitarbeitende.

Der künftige ABB-Chef Björn Rosengren hat den Aktienkurs beim Bergbaukonzern Sandvik innert fünf Jahren mehr als verdoppelt. Seit der Ankündigung seines Wechsels zu ABB im August hat der Kurs angezogen. Die Hoffnungen sind gross.

Es sind gewaltige Aufgaben, die in der Schweiz auf Rosengren warten. Denn die mittelfristige Betriebsmarge muss er auf das obere Ende des Zielbereichs von 13 bis 16 Prozent heben. Dies bei sich eintrübenden Frühindikatoren. Schaffen wird er das Husarenstück nur, wenn er den Kampfgeist der 135'000 Mitarbeiter befeuern kann.

Eine Personalumfrage – die erste seit zwölf Jahren – stimmt hoffnungsfroh. Ein Kernergebnis des «ABB Engagement Survey» lautet: Wandel ja, aber man wolle wissen, wohin die Reise geht. Björn Rosengren, der Konzernumbauer, wird es schon bald beweisen können.

  • Björn Rosengren in einem Imagefilm vom Sandvik, September 2018:

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