Profit ja – aber nicht um jeden Preis. Immer mehr Investoren richten ihr Portfolio nach diesem Credo aus. Das Zauberwort: Impact Investing. Das Versprechen dahinter: Investieren in die gute Sache und gleichzeitig eine Rendite erzielen.

Unternehmen, die eine solche Impact-Investition absorbieren könnten, gibt es eigentlich zuhauf. Mindestens 16 000 mittelgrosse Firmen sind es weltweit laut einer Studie des Verbands Sustainable Finance Geneva. Doch nicht immer finden nachhaltige Unternehmen Investoren, die ihre Vision teilen. Das will der Verband nun ändern und plant, Sozialunternehmen vermehrt an die Börse zu bringen. Dafür schafft er die Initiative Swiss Social Stock Exchange, kurz Swisox.

Ähnliche Projekte in Kanada,Grossbritannien, Singapur

Sustainable Finance Geneva ist nicht die erste Organisation mit dieser Idee. In Kanada, Grossbritannien und Singapur wurden bereits ähnliche Projekte lanciert. Zum grossen Durchbruch kam es bisher nirgends.

«Eine neue Plattform zu schaffen, reicht nicht aus», kommentiert Zina Sanyoura, Projetleiterin Swisox bei Sustainable Finance Geneva. «Basierend auf den Erkenntnissen von ähnlichen Initiativen im Ausland wollen wir nun innerhalb einer bestehenden Schweizer Börse ein Untersegment einrichten, in dem Wertpapiere von Sozialunternehmen gehandelt werden können.»

Infrage kommen die SIX oder die Berner Börse BX. Beide Handelsplätze reagieren vorerst noch zurückhaltend. Die SIX prüfe laufend neue Initiativen im Markt, heisst es auf Anfrage. Da die Swisox allerdings noch immer in der Konzeptphase steckt, kann weder die SIX noch die BX Stellung nehmen.

Impact Investing

Impact Investitionen gehen bei der Sozialverträglichkeit und der Nachhaltigkeit einen Schritt weiter als ESG-Anlagen (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung). Sie schliessen nicht nur Investitionen in gewisse Unternehmen aus, die Nachhaltigkeitsvorgaben nicht genügen, sondern suchen gezielt Firmen, die einen positiven Einfluss auf ihre Umwelt haben.

Bis erste Sozialunternehmen gelistet werden können, hat die Schweizer Nachhaltigkeitsbörse also noch einen langen Weg vor sich. Doch Sustainable Finance Geneva hat einen ambitionierten Zeitplan: 2021 sollen die ersten Investitionen über die Swisox fliessen. In einer ersten Phase werden voraussichtlich vor allem Firmen oder Fonds aus Kontinentaleuropa und einigen Entwicklungsländern zugelassen, später soll die Börse weltweit allen Unternehmen offenstehen. Privatanleger und Institutionelle sollen dann sowohl in Unternehmensaktien und Obligationen als auch in nachhaltige Fonds investieren können.

 

Sozialunternehmen

Sozialunternehmen lösen Probleme mit dem Markt: Sie generieren Gewinn mit einem Produkt, das soziale oder umwelttechnische Probleme löst. Oft werden sie mit der Idee gegründet, ihre Umwelt positiv zu beeinflussen. Damit unterscheiden sie sich von Unternehmen, die versuchen, negative Umweltauswirkungen zu minimieren. Bei der Erfolgsbewertung von Sozialunternehmen zählen sowohl finanzielle Aspekte als auch Klimaschutz und Sozialverträglichkeit der Geschäftsaktivitäten.

Um an der Nachhaltigkeitsbörse gehandelt zu werden, sollen Firmen nicht nur standardisierte Reports und detaillierte Finanzdaten, sondern auch die Auswirkungen ihrer Geschäfte auf Mensch und Umwelt offenlegen. Ein Punktesystem soll den Nachhaltigkeitsvergleich zwischen einzelnen Firmen ermöglichen. «Das Punktesystem basiert auf einer Art Buchhaltungsstandard für Impact», erklärt Sanyoura.

Vergleich mit einer Branchen-Benchmark

Wer also sozial und nachhaltig wirtschaftet, kriegt mehr Punkte. An der Börse würden einzelne Firmen mit einer Branchen-Benchmark verglichen, damit Investoren sowohl ihren Risikoappetit als auch ihre Nachhaltigkeitserwartung in den Investitionsentscheid einfliessen lassen können.

Soweit die Theorie. In Bezug auf die Praxis lautet die Gretchenfrage, welche Impact-Messmethode die Swisox auswählen wird. Heute gibt es verschiedene Standards. Die Branche tat sich bisher schwer damit, einen gemeinsamen Massstab für Nachhaltigkeit zu finden. Welche Investition «sozial» oder «grün» ist, liegt daher heute bis zu einem gewissen Grad im Auge des Betrachters.

Manche Vermögensverwalter nutzen dies aus und verwenden Impact Investing statt als Anlagenphilosophie als Marketing-Label, um sich ein Stück vom Nachhaltigkeitskuchen abzuschneiden. «Impact washing» nennen das jene Anbieter, die tatsächlich nachhaltige Investitionsprodukte auf den Markt bringen.

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Diesen Impact-Hochstaplern würde die Swisox den Wind aus den Segeln nehmen. Denn Unternehmen, die an der Nachhaltigkeitsbörse gelistet werden, müssten ihre Auswirkungen auf die Umwelt von externen Revisoren prüfen lassen.

Der St. Galler Sozialunternehmer Lars Willi begrüsst die Idee einer Nachhaltigkeitsbörse. Mit seiner Firma Weconnex bietet er Fischereien auf Madagaskar Zugang zu einer gekühlten Lieferkette und hilft ihnen so, neue Märkte zu erschliessen.

Komplexe Finanzierung

Die Finanzierung des Sozialunternehmens ist komplex. Sie kombiniert verschiedene Investoren mit verschiedenen Renditevorstellungen und Risikobereitschaften. «Die Finanzierungsdeals aufzusetzen, hat viele Ressourcen in Anspruch genommen», sagt Willi. «Diese Energie hätten wir lieber in das eigentliche Business gesteckt. Falls eine Nachhaltigkeitsbörse diesen Prozess vereinfachen kann, wäre das eine gute Nachricht für Sozialunternehmen

Auch aufseiten der Investoren stösst die Idee zur Swisox grundsätzlich auf offene Ohren. David Hertig der Globalance Bank gibt jedoch zu bedenken: «Eine Nachhaltigkeitsbörse zielt lediglich auf die Spitze des Eisbergs. Sie positioniert Impact Investments als separate Nischenkategorie.

Relevanter wäre es, an der breiten Basis anzusetzen: Anleger sollten zu jedem kotierten Unternehmen transparente Informationen zum Impact erhalten.» Dazu fehlt es heute aber erstens am Interesse von vielen gewichtigen Marktteilnehmern und zweitens an einem Standard, zu dem sich alle bekennen.

Der heilige Gral für die Swisox wird es also sein, einen Massstab auszuwählen und ihn massentauglich zu machen. Das ist kein leichtes Unterfangen.