Die britische Revolut hat mit ihrer Billig-Kreditkarte innert kürzester Zeit 250 000 Kunden in der Schweiz akquiriert. Was heisst das für Sie als grösstem Schweizer Anbieter?

Max Schönholzer: Die Zahlen von Revolut sind beeindruckend, die Steigerung ist in der Tat gross. Viele Kunden probieren das mal aus und verwenden Revolut im Ausland. Im Inland fühlen sie sich aber mit unseren Karten sicherer.


Der Grund dafür ist einfach: Sie verlangen für Auslands-Transaktionen sehr hohe Gebühren, während Revolut praktisch komplett auf solche verzichtet. Müssen Sie sich da nicht langsam anpassen?

Panik wäre der falsche Ratgeber. Revolut hat trotz allem keinen hohen Marktanteil. Wir sollten nicht gleich überreagieren, sondern das in Ruhe analysieren. Vor zehn Jahren hatten wir eine ähnliche Situation, als die Gratiskarten von Migros und Coop lanciert wurden. Das hatte ebenfalls einen Einfluss auf den Markt, aber am Ende des Tages lief unser Geschäft gut weiter.


Sie verzichten auf preissensible Kunden, um die Margen hoch halten zu können?

Die Margen sind bereits seit Jahren rückläufig, das ist kein neuer Trend. Dies gilt insbesondere für die so genannte Interchange-Fee, also die Umsatzprovisionen, die wir aus dem Handel erhalten.

 

Aber Ihre Kunden zahlen immer noch eine Jahresgebühr, hohe Bankomat-Gebühren und Devisenmargen von mehr als vier Prozent. Bei Konkurrenten wie Revolut gibt es das nicht.

Seien wir ehrlich: Revolut dumpt den Markt. Ich glaube nicht, dass sie mit diesen Ertrags- und Kostenstrukturen einen Profit machen können. Es wird sich weisen, ob Revolut – wie Uber – über lange Zeit Geld verbrennen wird und kann, oder ob das ein nachhaltiges Geschäftsmodell wird. Revolut hat eine gute App, das muss man anerkennen. Doch wir bieten den Kunden ein wesentlich umfassenderes Leistungspaket wie beispielsweise Versicherungen, ein Bonusprogramm und einiges mehr. Und wir haben den klar besseren Kundendienst. Da kann man auch mal anrufen und es nimmt jemand ab, der vier Sprachen spricht.

 

Wieso bezahle ich bei Ihnen trotz Negativzinsen noch immer 12 Prozent Kreditzins?

Der Markt hat sich so entwickelt. Insbesondere die kleinen Kredite sind administrativ sehr aufwändig.

 

Aber das war früher schon so. Die Zinsen kamen schlicht nicht runter.

Sie kamen runter von 15 auf 12 Prozent.

 

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Stände es Ihnen frei, ein eigenes Billigangebot zu lancieren, oder müssten Sie erst die Banken fragen, denen Aduno gehört und die Ihre Kreditkarten vertreiben?

Grundsätzlich wäre es möglich. Ich frage mich aber, ob es sinnvoll wäre. Die Banken sind unsere Kunden. Sie sagen, was über ihre Kanäle absetzbar ist. Und nur dort, wo im Vertrieb eine Wertschöpfung möglich ist, machen neue Karten Sinn.

 

Für die Konsumenten läuft vieles Doppelt: Sie haben ein Konto bei der Bank und eines bei Ihnen. Eine App für die Bank und eine App für die Kreditkarte. Müsste man das nicht stärker integrieren?

Ich sehe das Gesamtangebot als grosses Schiff, in dem wir den Maschinenraum betreiben und nebenbei auch Services wie das Catering organisieren. Auf der Brücke steht die Bank. Dieser wollen wir alle Optionen anbieten. Wenn sie will, kann sie unsere Daten komplett in ihre App oder ihr E-Banking integrieren. Oder die Bank verwendet unsere App. Separate Apps müssen nicht zwingend ein Nachteil sein. Google führt für Maps und Street View auch separate Apps.

 

Sie verwirren Ihre Kunden mit diversen Bezeichnungen. Die Gruppe heisst Aduno, die Kreditkarte kommt von Viseca und die Manor-Karte von Accarda. Macht das Sinn?

Genau das diskutieren wir auch. Wir haben etablierte Marken wie Viseca, Accarda und Contovista. Man kann sich zurecht fragen, ob es da die Bezeichnung Aduno auch noch braucht. Aber eigentlich will ich etwas ganz anderes: Ich will mit gar keiner dieser Marken beim Endkunden wahrgenommen werden.

 

Sie wollen unsichtbar werden?

Bingo! Wir sind eigentlich ein Business-to-Business-Anbieter. Sehen Sie sich meinen ZKB-Kreditkarten-Auszug an. Da steht jetzt gross ZKB drauf mit einem kleinen Verweis auf Viseca. Ein Monat zuvor prangte da noch das Viseca-Logo. Die Bank soll im Vordergrund stehen, nicht wir. Wir müssen uns selber in den Hintergrund nehmen. 

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Vielleicht auch, weil «Aduno» etwas angeschlagen ist? Die Firma ist vielen Leuten als Teil der «Affaire Vincenz» ein Begriff. Im Umfeld der Firma fanden Transaktionen statt, an denen der frühere Raiffeisen-Chef mitverdient haben soll. Wie oft haben Sie mit diesen Altlasten zu tun?

In meiner Agenda finden Sie nur Termine, die mit der Zukunft von Viseca zu tun haben. Was die Vergangenheit angeht, ist heute Sache der Staatsanwaltschaft. Punkt. Um Fragestellungen wie offene Forderungen, die wir noch gegenüber Herrn Vincenz haben, kümmert sich bei uns der Verwaltungsrat. Dazu kann ich Ihnen nichts sagen.

 

Sie haben letztes Jahr die Manor-Karten-Herausgeberin Accarda gekauft. Werden die Manorkarten jetzt zu vollwertigen Kreditkarten mit Visa-Label?

Accarda hat auch andere Karten ohne Kreditkartenlabel, etwa die vielen Tankstellen-Karten. Wir sind mit Manor in Diskussionen. Am Ende muss sie entscheiden, was sie will. Aber heute und morgen ist eine Manor-Kreditkarte kein Thema.

 

Bei Ihnen im Hauseingang hängt ein Plakat, auf dem so etwas steht wie «Hurra, endlich Apple Pay». Wie lange lag es schon herum, bis sie es aufhängen konnten?

Das war eine Spontanidee unserer Marketingleute. Sie haben das kurzfristig auf den Launch von Apple Pay hin entworfen und gedruckt.

 

Viseca gehört zu den Letzten, die Apple Pay einführt. Es gibt jetzt nur noch eine Kartengesellschaft, die UBS, die keine Karten zur Nutzung mit Handys freigibt.

Als ich die Stelle als Aduno-CEO antrat, lag das Dossier bei mir auf dem Tisch. Lange sprach zwar jeder über Apple Pay, aber die effektive Nachfrage war gering. Erst Ende 2018 kam das Thema beim Publikum an. Und jetzt zieht es richtig an.

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Ihre Kunden waren zunehmend unzufrieden, dass Sie nicht mitmachten.

Anfang 2019 versuchten unsere Kunden zunehmend, ihre Karten bei Apple Pay anzumelden. Wir registrieren das ja in unseren Systemen. Gleichzeitig bezahlten immer mehr Leute kontaktlos mit ihren Karten, was die Akzeptanz, so ähnlich auch mit dem Handy zu zahlen, erhöhte. Da wussten wir, dass die Zeit reif war.

 

Was ist ihr bisheriges Fazit?

Die Nutzung nimmt klar zu. Aber das ist ein Dorf pro Tag und noch kein Kanton. Technologie-Begeisterte haben schon lange nach Apple Pay gerufen. Aber in der Breite kommt das Thema erst jetzt an.

 

Im Gespräch: Aduno-CEO Max Schönholzer (l.) und HZ-Redaktor Michael Heim
Quelle: Marc Wetli/13 Photo

Warum ziehen nicht alle Banken mit? Raiffeisen blockiert Apple Pay weiterhin.

Die einzelnen Banken gestalten ihr Produkt letztlich selbst, wir stellen Ihnen nur die Technologie zur Verfügung. Es gibt ja noch ganz andere Produkte wie Swatch-Pay oder das Bezahlen mit einem Fitbit-Armband. Da wird sich noch viel entwickeln. Ich persönlich bezahle gerne mit der Uhr. Wir wollen alles anbieten. 

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Sie müssen den Konsumenten ja erst mal vom Bezahlen mit Bargeld abbringen.

Und das wird geschehen, je einfacher das bargeldlose Bezahlen wird. Da hilft uns auch unsere App. Denn viele Leute bezahlen noch immer bar, weil sie den Überblick über ihre Ausgaben nicht verlieren wollen. Und genau das bietet unsere App, welche Buchungen in Echtzeit abbildet.

 

Es gibt Konsumenten, die aus Datenschutzgründen bar bezahlen. Sie wollen nicht, dass jemand ihr Zahlungsverhalten analysieren kann. Was sagen Sie denen?

Ich akzeptiere das, wir werden niemanden bevormunden. Natürlich hinterlässt Bargeld weniger Spuren als eine Kartentransaktion. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir in der Schweiz je ein Problem damit hatten. Wer bei uns ins Haus kommt, muss durch eine Sicherheitsschleuse. Unsere Datenschutz-Standards sind hoch. Über die Zeit werden wir die Benutzer davon überzeugen können, dass ihre Daten bei uns sicher sind.

 

Wie sehr ist Facebook Pay oder die Krypto-Community eine Konkurrenz für Sie?

Der Zahlungs-Markt fragmentiert sich zunehmend. Es gibt heute mehr Zahlungsmittel als noch vor fünf Jahren. Die Facebook-Währung Libra ist noch Zukunftsmusik, aber wir haben Anbieter wie Twint oder Paypal. Wir befinden uns in einem offenen Wettbewerb.

 

Aduno hat zuletzt Geschäftsbereiche verkauft: Das Händler-Geschäft ging an SIX, das Kleinkredit-Geschäft an Cembra. Kaufen Sie auch mal wieder dazu?

Das haben wir mit der Accarda getan. Den Zugang von einer Million Karten müssen wir erst mal verarbeiten. Wir fokussieren uns aber stark auf das klassische Kartengeschäft und die Digitalisierung. Da spielt auch Contovista eine grosse Rolle, die in der Analyse von Zahlungsdaten tätig ist. 

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Wie lange kann sich Aduno als nationaler Anbieter halten? Der Payment-Markt wird zunehmend von grossen, internationalen Unternehmen wie Worldline oder – ebenfalls globalen – Nischenanbietern wir Revolut oder Transferwise getrieben. Die können mit viel tieferen Kosten agieren.

Diese Frage diskutieren wir natürlich. Ich denke aber, dass unsere Kreditkarten-Kunden die Nähe zu ihren Banken schätzen. Die wollen ihren Lohn doch nicht nach Litauen überweisen.

 

Früher buchten wir die Ferien im lokalen Reisebüro. Heute kaufe ich online, und ich habe keine Ahnung, wo diese Firmen überhaupt ihren Sitz haben. Ist es nicht gefährlich, zu sehr auf Nähe zu vertrauen?

Wir müssen uns so schnell wie möglich in diese digitale Welt begeben. Aber ich brauche die Balance zwischen Globalität und Lokalität. Wo wir am Ende landen, wissen wir heute noch nicht. Heute findet die Konsolidierung vor allem bei Firmen statt, die im Acquiring, im Geschäft mit den Händlern, tätig sind. Bei den Kartenherausgebern und im Retail-Banking hat sie noch nicht stattgefunden.

 

Wenn dieser Schritt kommt, wird es eng.

Wir haben mit Revolut und N26 schon Anzeichen dafür. Ich sage nicht, wir sollten uns nicht bewegen. Aber wir dürfen nicht einfach jedem Trend hinterherrennen.

Aduno-Gruppe: Was gehört dazu?

Die Aduno-Gruppe ist heute hauptsächlich im Kreditkartengeschäft tätig. Folgende Firmen gehören heute oder gehörten einmal dazu:

Viseca

1999 beschliessen die Kantonalbanken, Raiffeisen, Migros Bank sowie weitere Regional- und Privatbanken, gemeinsam eine Firma für die Ausgabe von Kreditkarten zu gründen. Am 1. Januar 2000 nimmt die Viseca den Betrieb auf. Bis heute läuft das Kartengeschäft unter dem Label «Viseca».

Accarda

2018 erwirbt Aduno das vor allem auf Detailhandels-Kundenkarten und Tankstellen-Karten spezialisierte Unternehmen Accarda mit rund einer Million ausgegebener Karten. Das Geschäft wird weiterhin unter dem Label Accarda geführt. Aduno war schon zuvor mit 30 Prozent an Accarda beteiligt. Die restlichen 70 Prozent gehörten bis anhin Manor-Besitzerin Maus Frères. 

Commtrain Card Solutions

2007 übernimmt Aduno die Firma Commtrain Card Solutions, die im technischen Kreditkartengeschäft tätig ist. Die Übernahme findet später Eingang in die so genannte Affäre «Vincenz», da es dabei möglicherweise zu unrechtmässigen Vorkommnissen kam, von denen der damalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz profitierte. 

Verkauft: Aduno

Der Firmenteil Aduno entsteht, als Viseca 2005 das so genannte Acquiring-Geschäft von der Tessiner Cornèrbank übernimmt. Als Acquiring bezeichnet man das Geschäft der Akzeptanz-Geschäft mit Geschäften und Restaurants, die Kreditkarten als Zahlungsmittel abrechnen wollen. Dieses Geschäft wird neu unter Aduno geführt. 2006 werden Aduno und Viseca unter dem gemeinsamen Dach, der Aduno-Gruppe, zusammengeführt. 2017 wird der Geschäftsbereich Aduno an die SIX Group verkauft. 

Verkauft: Cashgate

2008 übernimmt Aduno das Kleinkreditgeschäft der Aktionärsbanken Raiffeisen und BCV sowie die Kleinkredit-Gesellschaft Cashgate, die zuvor von verschiedenen Kantonalbanken gehalten wurden. 2019 wird Cashgate an die Cembra Money Bank verkauft. 

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