Roche-Konzernchef Severin Schwan dämpft Hoffnungen, dass bald ein Impfstoff gegen Covid-19 zur Verfügung stehen wird. Er persönlich halte den Zeithorizont von zwölf bis 18 Monaten angesichts der zu bewältigenden Herausforderungen für «ehrgeizig». Üblicherweise dauere die Entwicklung eines Impfstoffs Jahre. Das wahrscheinlichste Szenario sei leider, dass vor Ende 2021 kein Impfstoff verfügbar sei, sagte Schwan.

Fragwürdige Tests

Zudem übte der Roche-Chef heftige Kritik an den bislang auf den Markt gebrachten Antikörper-Tests zum Nachweis einer möglichen Immunität gegen das Virus. «Es ist ethisch sehr fragwürdig, mit diesem Zeug auf den Markt zu gehen», sagte Schwan.

Unzuverlässige Antikörper-Tests sind besonders dann ein Problem, wenn sie angeben, jemand habe Antikörper gegen das neue Coronavirus, wenn dies tatsächlich nicht der Fall ist. Es führt dazu, dass sich die Betroffenen in falscher Sicherheit wiegen.

Es sei zwar viel einfacher, einen Antikörper-Test als einen Virus-Test zu entwickeln, es sei aber sehr anspruchsvoll, eine präzisen Test zu entwickeln, sagte Schwan. Es gebe Tausende Coronaviren – und die Schwierigkeit sei, den richtigen zu erkennen. Das erfordere umfangreiche Testreihen und Validierungen.

Roche werde erst zum Zeitpunkt der Lancierung des Antikörper-Tests im Mai sagen, wie hoch die Verlässlichkeit genau sei. «Wir haben aber bereits jetzt genügend Tests durchgeführt, um sagen zu können, dass unser Test sehr zuverlässig sein wird». 

Antikörper-Tests in hoher zweistelliger Millionenhöhe

Roche will bis Anfang Mai einen Coronavirus-Antikörpertest auf den Markt bringen und ab Juni monatlich eine hohe zweistellige Millionenzahl bereitstellen.

Die Antikörper-Tests gelten als Schlüsselfaktor für die Bekämpfung der Pandemie. Antikörper-Testing macht es möglich festzustellen, wer die Infektion bereits durchgemacht hat und deshalb womöglich gegen das Virus immun ist. Die Immunisierung der Bevölkerung ist eine wichtige Grösse, wenn es darum geht, die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wieder aufzuheben. Experten gehen davon aus, dass ab eine Normalisierung möglich ist, wenn 60 bis 70 Prozent die Infektion bereits durchgemacht haben.

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Wie weit die Immunität bei denjenigen geht, die bereits eine Infektion durchgemacht haben, ist allerdings noch nicht gesichert. Die WHO warnte vergangenen Woche vor voreiligen Schlüssen. Antikörper im Blut heisse noch nicht zwingend, dass jemand gegen eine zweite Infektion geschützt sei.

Massentests beim Virus sind nicht möglich

Zudem warnte der Konzernchef vor übertriebenen Erwartungen beim Covid-19-Virus-Testing. Ein Massentesting sei nicht möglich. Nach Angaben von Diagonstik-Chef Thomas Schinecker hat Roche hat in den vergangenen Wochen 50 Millionen Virus-Test-Kitts für Covid-19 ausgeliefert. Das Unternehmen trat damit Spekulationen entgegen, es gebe Schwierigkeiten bei der Auslieferung der Tests.

Die grössten Engpässe gebe es dort, wo die Infrastruktur nicht gut ausgebaut sei, sagte Schwan. Länder wie Deutschland oder die Schweiz verfügten über eine sehr gute diagnostische Infrastruktur, «das zahlt sich nun aus». In Grossbritannien sei die Infrastruktur demgegenüber nur halb so gut ausgebaut wie in anderen Ländern Europas.

Roche war das erste Unternehmen, das im Februar einen Virus-Test auf den Markt brachte. Mitte März lancierten die Basler zudem einen Test, der mit sehr hohem Durchstich vollautomatisch auf grossen Laborgeräten läuft.

(reuters/tdr/rai)