Er hatte 18 Monate lang gekämpft, um diesen Tag zu ­verhindern. Vergeblich. Am 23. Dezember, einen Tag vor Heiligabend, wurde Tian Wang (Name von der Redaktion geändert), ehemals Forscher bei Novartis, am Flughafen Zürich von den Schweizer Behörden dem amerikanischen FBI übergeben und noch am selben Tag in ein Flugzeug in Richtung Philadelphia gesetzt.

Die Schweiz hat kurzen Prozess gemacht mit dem chinesischen Wissenschafter und ehemaligen Mitarbeiter des zur Novartis-Forschung gehörenden renommierten Friedrich Miescher Institute for Biomedical Research (FMI).

Wertvolle Dokumente von Pharma-Konzern GSK gestohlen

Die Auslieferung des fünfzigjährigen Krebsforschers erfolgte nur wenige Stunden nachdem das Bundesgericht abschliessend entschieden hatte: Der mutmassliche ­Industriespion, der von der amerikanischen Justiz verdächtigt wird, die britische GSK – zusammen mit seiner Schwester – um Geschäftsgeheimnisse im Wert von 1 Milliarde Dollar gebracht zu haben, wird an die USA ausgeliefert.

Seither sitzt der zwischen 2008 und 2014 am FMI beschäftigte Wissenschafter im Untersuchungsgefängnis von Philadelphia und wartet auf seinen Prozess. Die amerikanische Justiz wirft ihm vor, Teil einer Verschwörung zu sein, bei der es ­darum ging, dem Pharmakonzern GSK «ausserordentlich wertvolle, vertrauliche Dokumente» zu stehlen, wie es in den Gerichtsunterlagen heisst.

Im Zentrum des Falls, den die «Handelszeitung» im Juli 2019 publik machte, steht Wangs Schwester. Sie hat sich schuldig bekannt, die Dokumente bei GSK ­gestohlen zu haben. Doch auch die Anklage gegen Tian Wang sei «sehr gut abgestützt», heisst es in den Unterlagen.

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Er soll nicht nur vertrauliche GSK-Unterlagen von seiner Schwester bekommen haben, sondern diese seinerseits mit vertrau­lichen Forschungsergebnissen versorgt haben, die Novartis beziehungsweise dem FMI gehörten. Allerdings: Novartis hatte die Verluste als «vernachlässigbar» bezeichnet.

Zudem soll Wang die Labors des FMI dazu missbraucht haben, Tests an Antikörpern für die von seiner Schwester mitgegründete Renopharma durchgeführt zu haben, einem vom chinesischen Staat mehrmals mit Beträgen von mehreren zehntausend bis hin zu einer Million Yuan ausstaffierten Biotech-Startup aus dem chinesischen Nanjing.

«Besser, du leitest dieses E-Mail an deine private Adresse weiter und zerstörst es.»

Tian Wang

Herzstück der Beweisführung der US-Justiz ist der E-Mail-Verkehr zwischen den beiden Geschwistern. Er zeichnet das Bild eines Mannes, der sich sehr wohl bewusst war, dass das, was er tat, nicht in Ordnung war. So schrieb er etwa am 9. November 2010, also zwei Jahre nach seinem Stellenantritt beim FMI: «Beiliegend drei Files (...), die dir helfen könnten. Die ersten beiden sind hochgradig vertraulich, du solltest sie NICHT jemandem anderen zeigen.»

Oder an anderer Stelle: «Besser, du leitest dieses E-Mail an deine private Adresse weiter und zerstörst es.» Und: Im Wissen um die «illegale Natur seines Tuns» habe Wang eingewilligt, die Resultate der Tests, die er für Renopharma durchgeführt habe, zu vernichten.

Wang riskiere eine «substanzielle Strafe», heisst es in den Gerichtsunterlagen. Konkret: Die Maximalstrafe liege bei einer Gefängnisstrafe von 180 Jahren und einer Busse von 3 Millionen Dollar.

Verteidigung fordert Freilassung gegen Kaution

Die Verteidigung hingegen schreibt von einer «vergleichsweise schwachen Beweislage».

Er habe nur einen kleinen Teil der gestohlenen Unterlagen bekommen und er werde nicht beschuldigt, das Material verwendet zu haben. Zudem habe er kein Geld erhalten oder ander­weitig von der Verschwörung profitiert. Die Verteidigung fordert deshalb, dass der Wissenschafter gegen eine Kaution von 500'000 Dollar unter Hausarrest gestellt wird. Begründung: Auch die Schweiz habe ihn zwischenzeitlich gegen eine Kaution von 100'000 Franken freigelassen.

Nächster Termin in der Saga um den mutmasslichen Industriespion von Basel ist die auf März angesetzte Gerichts­verhandlung. Derweil hat Wang seine ­geschäftlichen Verbindungen zu Basel ­gekappt und ist aus dem Verwaltungsratsratspräsidium des von ihm mitgegründeten Biotech-Startups Abba Therapeutics ausgetreten.