Die grosse Anzeigetafel für Abflüge im Terminal 1 am Flughafen Zürich ist ein Gradmesser für die Geschäftslage: Schon seit Monaten sind hier kaum Flüge aufgeführt.

Jetzt, im Winter, sind es noch weniger. Die Flaute gilt nicht nur für den grössten Flughafen des Landes, die gesamte Branche befindet sich im Winterschlaf. Zwangsläufig.

Wie soll es auch Normalität geben? 2020 war bisher wegen Corona ein Desaster; es gab im Sommer zwar einen kurzen Aufschwung, doch kam ab Herbst wieder die Ernüchterung.

Schrumpfendes Reiseangebot

Reisebeschränkungen und hohe Infektionszahlen sorgen für eine Gemengelage, in der kaum jemand fliegen will und kann. Das Angebot schrumpft, in den Fliegern herrscht oft gähnende Leere, Airlines sind im Sparmodus und Mitarbeitende fürchten um ihre Jobs.

Im Winter läuft es für Fluggesellschaften generell gemächlicher. In normalen Zeiten, gäbe es nicht Corona, wären jetzt aber vor allem Fernreisen zu warmen Destinationen begehrt. Solche Angebote gibt es tatsächlich, aber nur wenige.

Im Frühjahr hiess es bei der Swiss noch, dass im Winter rund 50 Prozent der im Vergleich zum Vorjahreszeitraum geplanten Kapazität angeboten werden könnte. Nun sind es 20 bis 25 Prozent.

  • Für ZKB-Analyst Michael Nawrath dürften die Corona-Restriktionen auch mit mehreren Impfstoffen noch lange notwendig sein.

Bei Günstig-Gesellschaften wie Easyjet sieht es ähnlich aus: Die britische Billig-Airline, die vor der Corona-Krise bezüglich Sitzplatzangebot hinter der Swiss stets der zweitstärkste Player im Schweizer Markt war, senkt ihr Angebot in den Wintermonaten auf höchstens 20 Prozent.

Warum auch Flieger in den Himmel schicken, wenn in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien Lockdowns herrschen? Die Hoffnung auf ein Anziehen des Geschäfts im Winter: zerplatzt.

Ryanair zeigt sich zäh

Konkurrent Ryanair hingegen, der grösste Billigflieger in Europa, will 40 Prozent der Vorkrisenflüge offerieren. Ryanair, ebenfalls hart getroffen von der Pandemie, zeigt sich allerdings zäh und hat, anders als Legacy-Gesellschaften wie der Swiss-Mutterkonzern Lufthansa, die Kosten deutlich besser im Griff.

Lufthansa, nur noch am Start dank Staatsrettung, ist weiter in Not und verliert jede Stunde rund eine halbe Million Euro. Bei der Tochter Swiss in Kloten gibt man sich etwas positiver: «Trotz dem äusserst schwierigen Marktumfeld sind wir bezüglich des Bankenkredits auf Kurs.»

Die Liquidität sei nicht gefährdet. Bis Ende des Jahres stünden noch deutlich mehr als 1 Milliarde Franken aus dem Bankenkredit, der vom Staat abgesichert ist, zur Verfügung.

Dennoch: Bei der Swiss stehen 1000 Stellen auf dem Spiel. Mit dem Kabinenpersonal hat sich die Airline schon geeinigt in Sachen Sparpaket, bei den Pilotinnen und Piloten steht das noch aus.

Mitarbeitendenfeste sind abgesagt

In diesen unwägbaren Zeiten wird es natürlich auch keine rauschende Abschiedsparty für Swiss-Chef Thomas Klühr geben. Die grossen Mitarbeitendenfeste, sonst immer die passenden Anlässe, um neue und abtretende Chefs zu feiern, sind bei der Swiss wegen Corona und der angespannten finanziellen Lage gestrichen.

Klühr bleibt bis Ende Jahr an Bord, spätestens kommende Woche, zur Verwaltungsratssitzung am 18. November, soll dann feststehen, wer seine Nachfolge übernimmt. Gute Karten hat Finanzvorstand Markus Binkert.

Podcast-Tipp

Wir leben in sehr volatilen und unsicheren Zeiten: Wie viele Lockdowns, Öffnungen und Mini-Lockdowns können wir uns noch leisten? Mehr dazu im Podcast «HZ Insights».

 

Er war schon lange für das Amt vorgesehen, war daher noch vor der Krise nach München zur Lufthansa entsandt worden, dann aber kurzfristig wegen Corona wieder nach Zürich zurückgerufen worden.

Topjob bei Swiss

Nach der ursprünglichen Swiss-Karriereplanung käme jetzt Binkerts Berufung ins höchste Amt eigentlich etwas zu früh. Aber wer hätte damit rechnen können, dass die Aviatik in ihrer grössten Krise der Geschichte stecken und alles anders werde würde?

Egal, wer den Topjob bei der Swiss übernimmt: Die Aussichten bleiben unsicher. Da es global keine einheitlichen Pandemieregeln gibt, kann sich auch der Flug- und Reisemarkt nicht erholen. Airlines forcieren daher Corona-Schnelltests, um die Quarantäne zu vermeiden.

Die ist schliesslich ein Nachfragekiller. Das gilt fürs Geschäft mit Touristen, ebenso für Geschäftsreisende, die gerade bei der Swiss einen wichtigen Teil des Geschäfts ausmachen. Wenn lukrative Routen wie nach Nordamerika nicht wie vor der Krise angeflogen werden können, gibt es kaum Aussicht auf Besserung.

«Leicht erhöhte Nachfrage»

Laut Swiss habe sich das Buchungsverhalten zuletzt «nur marginal verändert», denn viele Staaten in Europa haben Reiserestriktionen oder Lockdowns. Immerhin: Für manche Routen gibt es bei der Swiss «eine leicht erhöhte Nachfrage».

Mehr zum Thema

  • Um mehr Touristen anzulocken, setzen deutsche Reiseveranstalter Stornogebühren zeitweise aus. In der Schweiz ergibt sich ein anderes Bild. Mehr hier.
  • Der Abbau soll möglichst ohne Entlassungen erfolgen. Die Airline erwartet, das Jahr mit Verlust abzuschliessen – zum ersten Mal seit 15 Jahren. Mehr hier.

Dies betrifft zum Beispiel Ziele in Spanien wie Barcelona, Palma de Mallorca, Málaga und Valencia. Ebenso Portugal (Lissabon, Porto) sowie Ziele wie Stockholm, Göteborg, aber auch Moskau, Belgrad, Bukarest und Kiew.

Das Horrorszenario

Ob Swiss, Golf-Carrier oder Billigflieger: Für die Wintermonate erwartet niemand eine Beschleunigung des Geschäfts. Alle in der Branche hoffen auf das Frühjahr und bangen, dass sich bis dahin die Lage wieder entspannt. Kleine Euphoriesprünge aufgrund der möglicherweise baldigen Zulassung eines Corona-Impfstoffes inklusive.

Das Horrorszenario der Airline-Manager: Sollte sich die Situation bis Ostern 2021 nicht verbessern und der Flugverkehr minimal bleiben, dürfte das Geld wohl nicht mehr lange reichen. Und dann stünde, schlimmstenfalls, erneut ein Gang zum Staat an. Das will niemand.

Weitere Podcasts auf HZ

Mehr Hörenswertes zu Startups, Hintergründe und Analysen finden Sie in unseren anderen Podcast-Reihen.