In Dübendorf ist Stephanie Naegeli wieder Stephanie Naegeli. Das war nicht immer so. In den letzten Jahren wurde der Name der Food- und Trend-Fachfrau meist «Netscheli» oder auch mal «Nai-Tschelli» ausgesprochen. So halt, wie sich die Menschen Naegelis Namen phonetisch zurechtlegten in Kalifornien.

Sieben Jahre lang, von 2013 bis 2019, war die Schweizerin dort zugange, wo Milch, Honig und Daten fliessen. Im Silicon Valley baute Naegeli für Nestlé den «Silicon Valley Innovation Outpost» auf, zuletzt richteten dort zwanzig Leute die Trend-Satellitenschüssel für den Schweizer Food-Konzern aus.

Glace-Drohne im Garten

Lernen von quirligen Tech-Startups, Neues erkennen – das war für Naegeli die Devise im Tal der Täler, auch mal verbunden mit Aktivitäten der schrilleren Sorte: «Wir haben beispielsweise eine Glace-Drohne getestet, die ihre süsse Fracht per Fallschirm im Garten der Kunden absetzte. Oder eine Augmented-Reality-App, mit der Tierliebhaber Hunderassen bestimmen konnten.»

Lehrreiche Jahre waren das für die Flexitarierin, 39, die eine Passion für Yoga und natürlich Food hat und in letzterer Freizeitbeschäftigung auf Bowls aller Art, Falafel, Baba Ganoush und Momos abfährt.

Die kalifornische Hightech-Hochburg, sagt Naegeli, sei ein faszinierender Ort, «aber einiges wird auch überhyped im Valley. Man kann auch in Dübendorf etwas bewegen.» Was sie jetzt absolut kann. Oder besser gesagt muss.

Umsatzeinbrüche über Nacht

Naegeli hat angeheuert bei der SV Group. Das Unternehmen, 1914 gegründet, hat in seiner Geschichte schon vieles erlebt. Aber jemanden mit einem Job als «Chief Strategic Business Development Officer» – das gab es beim Schweizer Kantinen-König in über hundert Jahren noch nie.

Die Stelle wurde geschaffen, um auf Neues zu setzen. Umsetzerin Stephanie Naegeli beschreibt ihre Aufgabe so: «Innovation entwickeln und skalieren, verbunden mit Ergebnisverantwortung.»

«Grob gesagt fehlt gegenüber der Vor-­Corona-Zeit ein Tag pro Arbeitswoche.»

Was bald nach Naegelis Start im November weit oben auf der Menu-Liste stand: Die Entwicklungen, die Corona mit sich bringt. Zwei Folgen zeigten sich für den Schweizer Marktführer schnell in der Gemeinschaftsgastronomie, der hierzulande 325 Mitarbeiterrestaurants führt. Während des Lockdowns wurden Uni-Mensen und Firmenkantinen über Nacht geschlossen. Folge: Die Umsätze brachen innert weniger Tage ein.

Homeoffice-Trend bleibt

Nach dem Lockdown besserte sich die Lage zwar wieder, doch weil Schweizerinnen und Schweizer weiterhin Gefallen an der Arbeit zu Hause finden, bleiben viele Kantinentische leer.

Naegeli macht eine Überschlagsrechnung: «Grob gesagt fehlt gegenüber der Vor-Corona-Zeit ein Tag pro Arbeitswoche.» Im grossen Bild sieht das so aus: Die SV Group tischt in der Gemeinschaftsgastronomie in der Schweiz, Deutschland und Österreich jährlich 41,7 Millionen Mahlzeiten auf. Fallen 20 Prozent davon weg, fehlen acht Millionen Teller. Das ist ziemlich viel Schnipo.

Naegeli sieht einen stabilen Trend: «Mein Bauchgefühl sagt mir: Der Homeoffice-Trend bleibt stark.» Dem Bauchgefühl folgt der Business-Ansatz: «Wenn die Leute weniger zu uns kommen, müssen wir mehr zu den Leuten.»

Kantinen-Gigant liefert nach Hause

Naegelis erster Wurf bei der SV Group ist das Liefersystem Andiamo Delivery, das derzeit in Zürich, Bern und Basel aktiv ist. «Das haben wir aufgrund der Corona-Krise intern in Windeseile entwickelt», sagt die Bernerin. Ob dieses Liefersystem, bei dem SV Group selber ausliefert, selber schnell genug ist, muss sich aber erst noch weisen.

Die erste Kantine der Schweiz

Hunderttausende von Schweizerinnen und Schweizer verköstigen sich jeden Tag in einer Kantine. Solche Betriebsrestaurants hielten in der Schweiz erst relativ spät Einzug. Mehr zur ersten Kantine der SV Group hier.

Konkret erhält eine teilnehmende Firma einen Weblink mit Menu-Vorschlägen. Bestellungen für den gleichen Tag müssen derzeit noch bis 9 Uhr morgens eintreffen. Zu einer Zeit also, bei der noch kaum jemand an den Lunch denken will. «Da müssen wir schneller werden», gibt Naegeli zu.

Ein gewisser Business-Charme wohnt dem System aber inne. Indem der Kantinen-Gigant SV Group mit Andiamo Delivery zielgenau auf Bestellungen eingeht, gibt er sich flexibler. Auch – und das die «Secret Sauce» der Sache – im Umgang mit Firmen, die bisher kein Fall waren für die SV Group.

Second Movers besser positioniert

Naegeli rechnet vor: «Damit sich ein Personalrestaurant für ein Unternehmen rechnet, braucht es in der Regel 200 bis 300 Mittagessen täglich. Da fallen etwa 99 Prozent der Schweizer KMU durch die Maschen.»

Schafft es der Riese, mit seinem neuen System kleinere Firmenkunden zu gewinnen und dieses Geschäft profitabel zu betreiben, kann die SV Group in neue Gefilde vorstossen. Naegeli glaubt daran: «Hier eröffnen sich mit Andiamo Delivery grosse Chancen für uns.»

Schon vor Naegelis Zeit lancierte die SV Group einen digitalen Kühlschrank, den Firmen in ihren Räumen installieren können. Beim System «Emil Fröhlich» wählen Mitarbeiter per App ihre Speisen aus und bezahlen sie gleich damit.

SV lanciert ein Burger-Konzept

Brix: Neben dem Kantinen-Hauptgeschäft sowie Hotellerie ist die SV Group auch in der öffentlichen Gastronomie tätig. Aktuell mit den Konzepten Spiga (Italianità) und Sesh (Bowls). Nun lanciert das Unternehmen auch ein Burger-Konzept. Der erste Ableger von «Brix Burger & Salad» öffnet Ende Oktober mit 70 bis 80 Plätzen im Seedamm-Center in Pfäffikon SZ.

Backsteine: Das gemäss Stellenanzeige «neueste kulinarischen Ass» der SV Group gehört zum Typus der «Better Burger»-Systemgastronomie. Angesagt sind «qualitativ hochstehende Burger aus frischem Schweizer Rindfleisch», ferner auch vegane Burger mit «Beyond Beef», serviert in Loft-Atmosphäre. Von dort kommt auch der Name: «Brix» leitet sich vom Wort «Bricks» (Backsteine) ab.

Einzigartig ist das aber nicht; auch die Migros-Tochter Snäx und das Startup Felfel arbeiten mit Kühlschränken als Kantinenersatz. Frage an die Innovations-Fachfrau: Besser Neues erfinden oder Bestehendes verbessern? Naegeli: «Ich mache beides gern. Aber die Erfahrung zeigt, dass oft der Second Mover am Schluss besser positioniert ist im Markt.»

Neues Projekt Emil@Home

In einer Erweiterung des Emil-Modells testet die SV Group nun erstmals auch die Heimlieferung. «Remote Office Delivery» nennt es Naegeli. Konkret geht es darum, dass man unter dem Projektnamen Emil@Home zusammen mit einem grossen Schweizer Versicherer – den Namen will Naegeli nicht nennen – schweizweit kooperiert.

Den Angestellten des Testpartners werden Mahlzeiten nach Hause geschickt; Logistikpartnerin ist die Post. Der Versuch laufe seit Mitte Juni, man sei noch «im ersten Stadium».

Mit dem Kalifornien-Import Naegeli wird die SV Group vermutlich noch einiges pilotieren und neu anschieben. Geht es nach dem Bauchgefühl von «Miss Nai-Tschelli», sollen dereinst auch hier Dinge wahr werden, die heute noch erst im Silicon Valley ausprobiert werden: «Wir werden es alle noch erleben, dass unser Essen per Drohne zu uns nach Hause geliefert wird.»