Das Anforderungsprofil ist weitestgehend bekannt: Wer über einen vorzeigbaren operativen Leistungsausweis, fachliche Kompetenz, eine gewisse Bekanntheit sowie über ein verzweigtes Netzwerk in seiner Branche verfügt, hat realistische Chancen, als Verwaltungsrat gefragt zu sein. Altersmässig ist man mit «50 plus» gut im Rennen. Denn: Im Jahr 2020 ist der durchschnittliche Verwaltungsrat in einer SMI-Firma 59,95 Jahre alt.

Mehr als die Hälfte aller Verwaltungsräte bei den 20 wichtigsten Schweizer Firmen ist demzufolge zwischen 60 und 69 Jahre alt, mehr als ein Drittel zwischen 50 und 59 Jahre. Immerhin noch 7,58 Prozent der Verwaltungsräte haben den 70. Geburtstag schon gefeiert.

Den ältesten Verwaltungsrat findet man bei Givaudan: Das Durchschnittsalter im obersten Gremium des Aromen- und Riechstoffherstellers liegt bei 63,38 Jahren. Es folgen die Verwaltungsräte von Novartis (62,71), Nestlé (62,43) und Zurich (62,27). 

Dagegen findet sich der jüngste Verwaltungsrat bei der Swisscom: Beim grössten Telekommunikationskonzern sind die Mitglieder im Schnitt «junge» 57 Jahre alt. Danach folgen Roche (57,42) und die Credit Suisse (57,77).

Führungserfahrung und Branchenwissen sind gefragt

Mit der älteste Verwaltungsrat im SMI ist Frits van Dijk. Der 73-jährige gebürtige Niederländer sitzt seit 2012 im Board des Bauchemiekonzerns Sika. Er studierte Wirtschaft in Rotterdam und Lausanne und war über 40 Jahre in verschiedenen Funktionen für Nestlé tätig: Er assistierte dem Managementdirektor in Indien, war für die Fertigung von Milchprodukten auf den Philippinen zuständig, arbeitete als Marketingchef in Sri Lanka, Malaysia und Japan, wurde CEO der Nestlé Waters in Issy-les-Moulineaux bei Paris und übernahm die Position des Direktors für Asia Pacific. Die letzten zehn Jahre – bis 2011 – war van Dijk Mitglied der Konzernleitung von Nestlé, verantwortlich für Asien, Ozeanien, Afrika und den Nahen Osten.

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Auch der österreichische Unternehmer Cornelius Grupp, seit 2011 im Spitzengremium bei SGS, und Clay Brendish, Richemont-VR seit 2017, kommen auf stolze 73 Jahre.

Laut Headhunter Guido Schilling ist die Altersstruktur im Verwaltungsrat seit Jahren stabil. Das sei auch nicht verwunderlich, sagt der Herausgeber des Schilling Reports: «Gefragt sind Personen mit Führungserfahrung, Branchenwissen, funktionalem Know-how wie Audit oder Compliance-Expertise und oft auch spezifischen Marktkenntnissen. Gemessen an diesen Anforderungen ist klar, dass Verwaltungsräte ein entsprechendes Alter mitbringen müssen.»

Junge haben entscheidenden Nachteil

Hinzu kommt, dass das oberste Gremium nicht nur beaufsichtigt, sondern auch die Strategie des Unternehmens erarbeitet und für die Ernennung und Abberufung der Geschäftsleitung verantwortlich ist. «Verwaltungsrat zu sein, ist keine Freizeitbeschäftigung, das ist die Königsdisziplin», sagt Schilling. Viele Junge haben hier einen entscheidenden Nachteil: Wie will man als Verwaltungsrat vorangehen, wenn man weniger Erfahrung hat als die Geschäftsleitung? «Für einen kritischen Gedankenaustausch braucht die operative Führung im Verwaltungsrat erfahrene Ansprechpersonen, die spezifische Situationen beurteilen können.» Diese Erfahrung haben die meisten Mitte 30 noch nicht, so Schilling. «Wer noch nie im Topmanagement eines Grossunternehmens gearbeitet oder dies beraten hat, dem fehlt das Verständnis für die Komplexität und geringere Manövrierbarkeit von Konzernen.»

Tatsächlich ist der Anteil der Jungen verschwindend gering: Nur etwa einer von hundert Verwaltungsräten hat das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht (1,4 Prozent); und nur gerade 5,7 Prozent sind zwischen 40 und 49 Jahre alt.

Ausnahmen gibt es immer wieder. Beispiel Anthony Edward Rupert alias Anton Rupert. Mit 33 Jahren ist der Sohn von Richemont-Patron Johann Rupert das jüngste VR-Mitglied im SMI. Seit 2017 ist er beim Genfer Luxusgüterkonzern Mitglied des Verwaltungsrates und zudem im Aufsichtsgremium von Remgro, der südafrika­nischen Beteiligungsgesellschaft der Familie. Auch war Anton Rupert anderthalb Jahre lang Verwaltungsrat bei Watchfinder, ­einem Händler für Occasions-Uhren aus dem Richemont-Portfolio. Auf der Website von Richemont heisst es zu seiner beruflichen Erfahrung: «Er bringt wertvolle Einblicke in das sich ändernde Konsumentenverhalten, das digitale Marketing und den E-Commerce. In den letzten acht Jahren pflegte er umfangreiche Kontakte zu allen Geschäftsbereichen der Gruppe.»

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Zur jungen VR-Garde zählt auch Jörg Duschmalé. Erst im März trat mit dem 36-Jährigen bei Roche die nächste Generation der Besitzerfamilie ins Rampenlicht. Duschmalé, dessen Ururgrossvater Fritz Hoffmann-La Roche 1896 den Pharmakonzern gründete, ersetzte dort seinen Onkel Andreas Oeri, Arzt und Orthopäde in Basel, der bereits 70 Jahre alt ist und seit 1996 im Verwaltungsrat Einsitz hatte. Duschmalé, seines Zeichens Doktor der Chemie, hat sich nach seinem Abschluss an der ETH Zürich 2013 für die Wissenschaft entschieden und mehrere Jahre lang als Forscher in den Labors von Roche gearbeitet.

Wahrung der Familieninteressen

Die Fälle Duschmalé und Rupert junior zeigen jedoch auch: Ihr bisher erreichter Leistungsausweis mag zwar beachtlich sein, er reicht für die Berufung in den Verwaltungsrat eines SMI-Konzerns in der Regel aber nicht aus. Was da geholfen hat, war wohl der Name: So standen bei ihrer Wahl vor allem die Familieninteressen am Unternehmen im Vordergrund, die durch einen jugendlichen Sitz im Board gewahrt werden sollen. So besetzen im Roche-Verwaltungsrat die zwei Familienzweige des Besitzerclans, die Hoffmanns und die Oeris, traditionell je einen Sitz. Und auch bei Richemont möchte Patron Johann Rupert die Leitung am liebsten in den Händen seiner Familie belassen.

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«Grundsätzlich entscheiden sich Unternehmen für Verwaltungsräte, die bestimmte Eigenschaften und Kompetenzen mitbringen, welche bislang im Board noch fehlen und das Gremium entsprechend sinnvoll ergänzen», sagt Schilling. Nicht immer stünde das konträr zum Alter.

So ist im strategischem Gremium von Richemont auch Keyu Jin anzutreffen. Mit 38 Jahren ist die gebürtige Chinesin die jüngste Frau im Verwaltungsrat eines SMI-Konzerns. Die Harvard-Absolventin ist Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der London School of Economics, wo sie zu Themen der Globalisierung und der chinesischen Wirtschaft forscht. Zudem ist sie Beraterin der China Banking Regulatory Commission für Fintech in China. Vor zwei Jahren nahm sie Einsitz beim Luxusgüterkonzern und soll dabei vor allem eines sein: Brückenbauerin. Jin ist Repräsentantin einer neuen Generation und soll Richemont dabei helfen, das Business in den asiatischen Boomregionen China, Japan oder Korea noch stärker auszubauen.

In der Erhebung nicht enthalten ist die Swatch Group; der Konzern macht keine Angaben zum Alter seiner Verwaltungsräte.

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