Hubert J. du Plessix ist ein höflicher Mensch. Auch im Schreiben, das der hochrangige Rolex-Manager in seiner Funktion als Präsident des Komitees der Schweizer Aussteller an der Baselworld vergangenen Montag an Baselworld-Chef Michel Loris-Melikoff adressiert hat, wahrt er seine Contenance.

Aber was du Plessix schreibt, hat es in sich. Es ist eine eigentliche Bombe. «Wir befürchten», schreibt du Plessix, «dass dies das Ende der Baselworld sein könnte, schlicht und einfach». Im französischen Original: «Nous craignons que ce soit la fin pure et simple de Baselworld.» Boom!

Das Schreiben, welches der HZ vorliegt, ist eine Reaktion auf ein als vertraulich kennzeichnetes E-Mail vom 1. April, welches die Baselworld an die Aussteller verschickt hat. Die Absender: Loris-Melikoff und sein Vorgesetzter, MCH-Chef Bernd Stadlwieser. Auch dieses E-Mail liegt der HZ vor.

Baselworld baut Druck auf die Aussteller auf

Das E-Mail informiert die Aussteller über die finanziellen Folgen der ersatzlosen Verschiebung der Baselword in den Januar 2021 und schlägt eine «einvernehmliche Lösung» vor. «In Absprache mit unserem Verwaltungsrat haben wir beschlossen, Ihnen trotz unserer kumulierten Kosten von 18,36 Millionen Franken und entgegen den vertraglichen Vereinbarungen» zwei Möglichkeiten vorzuschlagen.

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Die erste Variante sieht vor, dass 85 Prozent der Gelder, die für die annullierte Baselworld 2020 bereits einbezahlt wurden auf die Ausgabe 2021 übertragen werden. Die restlichen 15 Prozent würde die Messebetreiberin für sich einbehalten. Die zweite Variante würde eine Rückzahlung an die Aussteller von 30 Prozent beinhalten. Zudem würden 40 Prozent der bereits einbezahlten Beträge auf die Baselworld 2021 übertragen. Aber 30 Prozent würde die Baselworld für sich behalten.

Loris-Melikoff und Stadlwieser geben den Ausstellern bis Ende April Zeit, sich für eine der beiden Varianten zu entscheiden. Ansonsten, droht die Baselworld, «wird Ihnen ein Anteil der Kosten für die Vorbereitung der Baselworld 2020 in Rechnung gestellt und von den bereits geleisteten Zahlungen abgezogen». Im Klartext: Friss' oder stirb! Und lass' Dir nicht zuviel Zeit!

Michel Loris Melikoff

Michel Loris-Melikoff: Macht Druck auf die verbliebenen Aussteller.

Quelle: Keystone

Aussteller wollen ihr Geld zurück

Der Druck und die Drohung der Baselworld ist zuviel für du Plessix. Er schreibt: «Die Rücksichtslosigkeit erinnert leider an eine Zeit, die wir für beendet hielten.» Der Rolex-Manager stellt weiter klar: «Das Komitee der Schweizer Aussteller fordert Sie dazu auf, die vollständige Rückerstattung der für die Ausgabe 2020 geleisteten Vorauszahlungen vorzuschlagen». Ansonsten könnte es eben zur Situation kommen, welche das Ende der Baselworld bedeuten könnte. Nur eine vollständige Rückzahlung könnte die Aussteller dazu ermutigen, an einer nächsten Baselworld teilzunehmen.

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Loris-Melikoff hat für den Aufschrei der Aussteller ein gewisses Verständnis, wie er der HZ sagt: «Uns allen geht es wegen der Krise schlecht. Wir alle haben Angst um unsere Existenz.» Da seien auch harte Bandagen «legitim». Die Baselworld werde in den kommenden Wochen mit allen Ausstellern einzeln über die Situation und die offerierten Lösungen sprechen: «Wir verstecken uns sicher nicht hinter unseren AGB oder unseren Verträgen.»

Baselworld: «Wir übernehmen zwei Drittel der Kosten»

Er sei der Meinung, er habe den Ausstellern einen «fairen Deal» vorgeschlagen. «Wir übernehmen zwei Drittel der Kosten, die Aussteller teilen sich das andere Drittel.» Und in Einzelfällen sei die Messe selbstverständlich bereit, kleinere Aussteller zusätzlich zu unterstützen. Wenn die Baselworld aber alles Geld zurückerstatten würde, gäbe es die Ausstellung nicht mehr. «Ich sehe meine Verantwortung aber vor allem darin, auch 2021 und darüber hinaus der Uhren-, Schmuck- und Edelsteinbranche sowie deren Zulieferern eine Plattform zu bieten.»

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Klar ist: Die Situation ist ungemütlich für die Baselworld. Und sie wird ungemütlicher. Denn die Aussteller-Front gegen die Vorschläge von Loris-Melikoff und Stadlwieser wächst. Wie «Le Temps» berichtet (nur für Abonnenten), schliessen sich auch Eurotempus, die Dachorganisation der Uhrenverbände aus Frankreich, Italien und Deutschland, sowie der Ständige Ausschuss der europäischen Uhrenindustrie, dessen Vorsitz dieses Jahr die Schweier FH (Fédération de l'industrie horlogère Suisse) führt, der Forderung nach vollständiger Rückzahlung an. Eurotempus prangert «einen Mangel an Rücksichtnahme an, der die Zukunft der Baselworld für immer zu gefährden droht».

Für das Gros der Marken sind auch 100'000 Franken viel Geld

Sicher: Die Verträge, welche die Aussteller mit der Baselworld respektive MCH abschliessen, sehen keine Rückzahlungen vor, auch dann nicht, wenn die Messe aus irgendwelchen Gründen abgesagt werden muss. Doch in der aktuellen Situation muss die Baselworld ein Zeichen setzen, um die noch verbliebenen Aussteller bei der Stange zu halten. Noch sind die ganz grossen Namen der Schweizer Uhrenindustire, namentlich Rolex und Patek Philippe, mit an Bord. Ebenso Chanel und die Marken von LVMH (TAG Heuer, Zenith, Hublot, Bulgari). Vergrault die Messe nur noch einen einzigen dieser Aussteller, macht sie sich selbst überflüssig.

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Und das würde der nationalen und internationalen Uhrenbranche erheblichen Schaden zufügen. Während die grossen Marken ohne Weiteres über die Mittel verfügen, ihre Neuheiten global den Händlern, Fans und Konsumenten zu präsentieren, sind die allermeisten Labels auf einen Ort wie die Baselworld angewiesen, wo sie ihre Händler mit wenig Zeit- und Reiseaufwand treffen können.

So hält denn auch das Uhren-Fachmagazin «SJX» aus Singapur zurecht fest: «Für viele, wenn nicht sogar für die Mehrheit der Aussteller der Baselworld, bei denen es sich um kleine oder mittelgrosse Marken handelt, ist die sechs- oder siebenstelligen Summe, welche für eine Teilnahme an der Baselworld zu inevstieren sind, viel Geld. Und für die kleinsten Marken könnte das möglicherweise vorlorene Geld sogar darüber entscheiden, ob sie die aktuelle Krise überleben oder untergehen.»

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