Mit einem geschätzten Vermögen von gegen 4 Milliarden Franken ist der Schweizer In­dus­trielle Michael Pie­per einer der erfolgreichsten Wirtschaftskapitäne der Schweiz. Das weckt Begehrlichkeiten. Etwa bei Unterneh­mens­­grün­dern: «Wir werden», sagt ­Pieper, «überschwemmt von Startup-­Anfragen.»


In den allermeisten Fällen kommt ein Njet vom Artemis-Hauptsitz im aargauischen Aarburg. Weil man «weder die Zeit noch das Netzwerk» habe, um Startups seriös zu beurteilen, sagt der Präsident der Artemis Group, zu der neben Küchenbauer Franke auch Beteiligungen an Firmen wie Forbo, Arbonia, Autoneum und Rieter gehören.
Jetzt macht Pieper eine Ausnahme. Der Industrielle ist eine der massgeblichen finanziellen Kräfte hinter dem neuen Schweizer Investitionsvehikel Wingman Ventures. Pieper: «Wir sind ein substanzieller Investor, im hohen einstelligen Millionenbereich.»


Die Finanzkraft von Wingman Ventures ist das eine. Das andere: Für den Fonds engagieren sich Schweizer Persönlichkeiten, die erfolgreich Firmen aus dem Nichts aufgebaut haben. Schweizer Startup-Legenden, die jetzt weitere Firmen flügge machen wollen.
Sie könnten sich zurücklehnen, die Beine hochlagern und es auf einer Jacht krachen lassen. Doch Pascal Ma­this und Lukas Weder, beide Mitgründer des Ausflugsportals Getyourguide und des Mahlzeitenportals Eat.ch, zwei der schönsten Erfolge der Schweizer Start­up-Szene, denken nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. Stattdessen haben sie in den vergangenen Monaten, zusammen mit Alex Stöckl von der Restaurantgruppe Gärtnerei, den Ri­sikokapitalfonds Wingman Ventures gestartet.


«Natürlich soll die Sache zum Schluss auch finanziell Spass machen.»


Michael Pieper (Präsident Artemis Group)

Im Visier: Einhörner


Ziel ist es, 60 Millionen Franken exklusiv in die Seed-Finanzierung von Schweizer Tech-Startups zu pumpen. Die Schweiz habe trotz führenden Hochschulen und ausgezeichneter Ingenieurausbildung erst wenige Unicorns – also Startups mit einer Be­wertung von mindestens 1 Milliarde Franken – hervorgebracht, sagt Mathis. «Das wollen wir ändern.»


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Zu den erfolgreichen Gründern, die den künftigen Tech-Stars mit Rat und Tat zur Seite stehen, gehören nebst dem Spitzentrio prominente Figuren der Schweizer Tech-Szene wie Oliver Herren von Digitec, Myke Näf von Doodle, Herbert Bay von Kooaba und Stefan Brunner von Bexio. Auch die Investorengemeinde von Wingman Ventures hat eine beachtliche Portion Prominenz. Neben Pieper finden sich Namen wie Tobias Knechtle, bis vor kurzem Finanzchef von Valora, oder Roland Brack, Gründer des gleichnamigen Online-Händlers.
«Die Idee, Unternehmer und Startups zusammenzubringen, gefiel mir auf Anhieb», sagt Selfmade-Mann Brack.

Sein Engagement habe sich ganz natürlich ergeben, «denn am Ende ist es ja immer der persönliche Kontakt, der zählt». Klar, dass er als Online-Händler und Logistiker auch darauf spekuliert, dass in dem von ihm mitfinanzierten Start­up-­Universum womöglich ein Stern aufgeht, der für ihn interessant sein könnte: «Der Fonds hat den Vorteil, dass ich in mehrere Startups investiert bin und so auch grössere Projekte finanzierbar sind.»

 

Michael Naef, Informatiker, aufgenommen am 31. Januar 2014 in seiner Firma Doodle in Zuerich. Naef entwickelte die Web-Applikation den Online Terminplaner Doodle. (KEYSTONE/René Ruis)

Myke Näf hat mit Doodle einen Standard kreiert. Und einen Haushaltsnamen.

Quelle: Keystone
Michael Pieper - President/CEO Artemis Group.

Der schwerreiche Industrielle Michael Pieper hilft - und sucht neue Inputs und Netzwerkvergrösserung.

Quelle: Keystone
Roland Brack, CEO and owner of Competec Holding, which consists of the companies Alltron, Brack.ch, Jamei, Competec Logistik and Competec Service, pictured at Brack.ch in Maegenwil, Canton of Aargau, Switzerland, on November 28, 2017. (KEYSTONE/Christian Beutler)Roland Brack, CEO und Inhaber der Competec Holding, die aus den Unternehmen Alltron, Brack.ch, Jamei, Competec Logisitk und Comeptec Service besteht, portraitiert am 28. November 2017 am Brack.ch Standort in Maegenwil. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Roland Brack ist eine Grösse im Schweizer Online-Handel. Und jetzt auch Wingman-Investor.

Quelle: Keystone
First X-Googlers day in Zurich, Switzerland

Pascal Mathis: Der Mitgründer von Getyourguide ist treibende Kraft hinter Wingman Ventures.

Quelle: Marc Latzel
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Begriff aus der Combat-Aviatik

Gründer für Gründer, Seed-Finanzierung, Tech, ausschliesslich Schweiz: Mit diesem Profil beschreiten die ­«Flügelmänner» Neuland. Der Begriff Wingman kommt aus der Combat-Aviatik und bezeichnet den Kampfpiloten, der am Flügel eines Jets fliegt und diesem ­Rückendeckung gibt. «Es ist toll, wenn Gründer, die im Ausland erfolgreich waren, zurückkommen und ihre Erfahrungen zurückgeben», sagt Pascale Vonmont, Direktorin der in der Start­up-­För­derung ­engagierten Gebert Rüf Stiftung.

Der Fonds zeige, dass die Startup-­Finan­zierung spezialisierter und profes­sioneller geworden sei – «und das ist gut so».
 Zugleich ist der Slogan «Von Gründern für Gründer» auch ein Plus im gerade bei der Seed-Finanzierung immer härter werdenden Kampf um die besten Projekte. Bei der frühen Finanzierung sei es für Investoren zunehmend schwierig, an gute Startups heranzukommen, sagt Stefan Kyora, Chefredaktor der Online-Plattform startupticker.ch. «Da ist es ein Vorteil, wenn man erfolgreiche Gründer im Boot hat.»


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Sind gute Spieler gute Trainer?


Der von Unternehmern gepowerte Fonds lässt sich vergleich mit einer Schweizer Fussball-Nati, die sich nach der Aktivkarriere als Trainerkollektiv für den Nachwuchs einsetzt. «Das ist in dieser Zusammenstellung zwar einzigartig», sagt der zwölffache Schweizer Startup-Gründer Nicolas Berg, «aber diese eins­tigen Top-Feldspieler müssen beweisen, dass sie auch als Firmentrainer nachhaltig erfolgreich sind.»


Pieper jedenfalls glaubt fest daran: Da es sich bei den Initianten um bereits erprobte Gründer handle, sagt der Industriekapitän, «kommt Erfolg in die Sache – und die Gewissheit, dass die üblichen Basisfehler nicht mehr gemacht werden».
Und alles auch zum eigenen Nutzen. Pieper erhofft sich von Wingman nicht nur Tech-Input und Vergrösserung des Netzwerks. Sondern zudem etwas, was jeden Investoren antreibt: «Natürlich soll die Sache zum Schluss auch finanziell Spass machen.»