Nun ist bestätigt, was seit dem vergangenen Wochenende in der Schweizer Uhrenindustrie und weit darüber hinaus für rote Köpfe sorgt: Wie die Zeitung «Schweiz am Wochenende» berichtet (Link kostenpflichtig) hat, belegt die Wettbewerbskommission (Weko) die Swatch-Group-Tochter ETA mit einem faktischen Lieferverbot für 2020.

Die Massnahmen der Weko stossen nicht nur bei Patron Nick Hayek auf heftigen Widerstand; er nennt sie in einem Communiqué «unverständlich und inakzeptabel», spricht von einem «Diktat der Weko».

Für alle ausserhalb der Uhrenindustrie sind die Details der Massnahmen darüber hinaus auch schwer zu durchschauen, zumal die Weko selbst in ihrer Mitteilung von einer «möglichen Verlängerung der Lieferverpflichtung der ETA» schreibt.

Was denn nun? Gibt es ein Lieferverbot oder besteht eine Lieferverpflichtung? Stärkt oder schwächt die Weko die Konkurrenz bei mechanischen Uhrwerken? Werden die Konkurrenten der Swatch Group – also andere Uhrenmarken – unter den Massnahmen leiden oder profitieren?

Mit zehn Fragen und Antworten bringen wir Klarheit in die Unübersichtlichkeit:

1. Wie sieht die Marktsituation bei mechanischen Uhrwerken überhaupt aus?

Gemäss Schätzungen von Luxeconsult, einem Schweizer Beratungsunternehmen für die Uhrenindustrie, hat die ETA bei mechanischen Uhrwerken aus der Schweiz einen Marktanteil von 57 Prozent (siehe Grafik). Der zweitwichtigste Uhrwerkshersteller, Rolex, kommt auf einen Anteil von 17 Prozent. Die Nummer 3, Sellita, kommt noch auf 15 Prozent. Die restlichen 11 Prozent teilen sich die Luxus-Konzerne LVMH und Richemont sowie Patek Philippe und weitere, teils winzige Anbieter – etwa das Schweizer Uhrwerks-Startup The+.

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Will heissen: Die ETA ist dominant. Wenn man berücksichtigt, dass Rolex als Nummer 2 nur für den Eigenbedarf produziert, also keine Uhrwerke an Dritte liefert, wird die Dominanz noch grösser. «Dann steigt der Marktanteil der ETA auf 68 Prozent», sagt Olivier Müller von Luxeconsult.

Die Weko allerdings schaut sich nicht den Gesamtmarkt für Uhrwerke an, sondern nur einen Teilmarkt – jenen, in dem Hersteller an Dritte liefern.

2. Was will die Weko genau?

Die Wettbewerbshüter wollen mehr Wettbewerb bei mechanischen Uhrwerken. Anders formuliert: Die Dominanz der ETA soll gebrochen oder zumindest reduziert werden. Das ist das Ziel aller Eingriffe in den Markt, welche die Weko bislang vorgenommen hat.

Damit der Wettbewerb besser spielt, muss die Weko einerseits sicherstellen, dass die ETA die Lieferungen an Drittkunden – zum Beispiel Chopard oder die deutsche Marke Junghans – nicht plötzlich einstellt und nur noch für die Marken der Swatch Group produziert. Denn die Alternativen zu ETA sind dünn gesagt (siehe Frage 1).

Andererseits verbessert sich die Wettbewerbssituation im Uhrwerks-Markt nur dann, wenn die Konkurrenten der Swatch Group in die Produktion von Uhrwerken investieren. Viele Marken tun das, allerdings nicht mit dem industriellen Elan, den die Familie Hayek seit Jahrzehnten an den Tag legt.

Die meisten Uhrenfirmen begnügen sich damit, für einzelne, tendenziell höherpreisige Uhren sogenannte «Inhouse-Caliber», sprich eigene Werke, zu entwickeln. Eine hochvolumige Produktion, welche ernsthaft mit ETA rivalisieren kann, entsteht so nicht.

Auch Initiativen wie die Produktionsfirma Kenissi – ein Joint-Venture zwischen Rolex und Chanel, das für die Rolex-Tochter Tudor Uhrwerke produzieren wird – lindern die Situation nur mariginal. Dies umso mehr, als es sowohl bei Kenissi als auch bei den «Inhouse-Calibern» nicht um industrielle Vorhaben für die Branche, sondern um Vertikalisierungsvorhaben innerhalb von Firmen handelt.

Die Weko steckt also in einem Dilemma: Sie muss den Swatch-Rivalen deutlich machen, dass sie sich nicht ewig auf ETA-Werke verlassen dürfen. Und sie muss sicherstellen, dass die Swatch Group ihre dominante Stellung nicht zum Nachteil der Konkurrenz ausnützt.

3. Und was für Ziele hat die Swatch Group?

Den Hayeks ist es seit langem ein Dorn im Auge, dass faktisch fast nur die Swatch Group in die industrielle Basis der Schweizer Uhrenindustrie als Branche investiert. Während die Rivalen lieber Geld für Marketing ausgeben würden, investiere die Swatch Group kontinuierlich in Produktionskapazitäten und Innovation, wettert Nick Hayek regelmässig.

Im Kern will Nick Hayek aus einer einvernehmlichen Regelung mit der Weko aus dem Jahr 2013 aussteigen. Diese sah vor, dass die ETA ihre bisherigen Kunden noch bis Ende 2019 mit mechanischen Uhrwerken beliefern muss und anschliessend keine Lieferverpflichtung mehr besteht. Zwischen 2013 und 2019 soll die Menge an Uhrwerken, für die es eine Lieferverpflichtung gibt, von Jahr zu Jahr kleiner werden.

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4. Wie ist es überhaupt zur Dominanz der Swatch Group gekommen?

Um diese Frage zu beantworten, muss man weit ins letzte Jahrhundert zurück blicken. Zum Schutz gegen aufkommende Konkurrenz aus Japan und den USA, beschlossen die Schweizer Uhrenhersteller in den 1920er-Jahren ein Kartell zu schaffen: Sie bündelten ihre Produktionsressourcen, insbesondere jene für Uhrwerke.

In den 1930er-Jahren legalisierte der Bund das Kartell in mehreren Schritten. 1934 erliess er zum Beispiel eine Bewilligungspflicht für die Eröffnung und Vergrösserung von Unternehmen sowie für den Export von Uhrenbestandteilen und Rohwerken. Weitere rechtliche Schutzmassnahmen folgten bis 1937. Die protektionistischen Massnahmen sind als «Uhrenstatut» in die Geschichte eingegangen.

In den 1970er- und 1980er-Jahren dann war die Schweizer Uhrenindustrie von billigen Quarz-Uhrwerken aus Japan in ihrer Existenz bedroht. Und wieder griff der Staat ein: Er drängte die Banken, eine Lösung zur Rettung der beiden wichtigsten Uhrengruppen – Asuag und SSIH – zu finden. Der damit beauftragte Unternehmensberater – Nicolas Hayek – empfahl, die beiden Firmen zusammenzulegen, inklusive der gesamten Produktionskapazitäten.

Es entstand die Swatch Group, mit der Tochter ETA. Und es entstand die bis heute anhaltende Dominanz.

5. Welche Folgen haben die Massnahmen der Weko für die Swatch Group?

Finanziell muss die Swatch Group keine gravierenden Folgen fürchten. Die Reaktion der Börse – die Swatch-Aktien verlieren zeitweise über 2 Prozent an Wert – auf die Neuigkeiten der Weko ist überzogen.

Die Swatch Group verdient ihr Geld vereinfacht gesagt nicht mit ETA-Uhrwerken, sondern mit den hohen Margen auf ihre Uhren – insbesondere bei den Milliarden-Töchtern Omega, Longines und Tissot.

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Ausserdem ist das Volumen, das die ETA an Dritte liefert im Vergleich zum dem, was sie an die Marken der Swatch Group selbst liefert, relativ bescheiden. Allein Tissot und Longines kommen auf einen Absatz von zusammen gut 5 Millionen Uhren pro Jahr. An Dritte liefert die ETA rund einen Zehntel davon.

6. Und was sind die Folgen für andere Uhrenhersteller?

Für Dritte sind die Folgen mit Sicherheit härter als für die Swatch Group selbst. Marken wie Chopard haben bereits gesagt, dass sie im kommenden Jahr ihre Uhren und Neuheiten wohl nicht wie bislang geplant ausliefern können.

Fakt ist: Viele Marken im In- und Ausland sind auf die ETA-Werke angewiesen und können den Lieferanten ohne Einbussen nicht kurzfristig wechseln. «Ich sehe nicht, wie Sellita und andere die rund 500'000 Werke, welche ETA nicht mehr liefern darf, auch nur ansatzweise produzieren sollen», sagt Experte Müller.

Die Swatch Group ihrerseits behauptet in ihrer Reaktion auf die Weko-Massnahmen, dass Sellita «die Liefermenge von ETA bei Weitem übertroffen» habe. Sellita hätte 2019 rund 1 Million mechanische Uhrwerke hergestellt und ausgeliefert, so die Swatch Group weiter. Sellita sei damit «der neue marktbeherrschende Akteur». Die Kunden seien somit nicht mehr von ETA abhängig.

Überprüfen kann das nur die Weko selbst. Welche Marken zu welchen Anteilen von welchen Lieferanten von Uhrwerken abhängig sind, ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Uhrenbranche.

7. Können andere Uhrwerkshersteller in die Bresche springen?

Höchstens zum Teil. Sellita zum Beispiel beliefert schon heute diverse Marken mit Werken, unter anderem TAG Heuer. Ausserdem hat Sellita diverse Werke im Angebot, die als Klone von ETA-Werken gelten. Sie könnten in Uhren eingebaut werden, die von einem ETA-Werk getaktet werden.

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Die grosse, derzeit nicht beantwortbare Frage ist: Ist Sellita tatsächlich in der Lage, kurzfristig die notwendigen Mengen zu liefern, um den ETA-Ausfall zu kompensieren? Alle Branchenkenner mit Ausnahme von Nick Hayek bezweifeln dies.

Japanische Uhrwerks-Hersteller könnten wohl in die Bresche springen. Das aber nützt den meisten Schweizer Marken wenig. Sie müssten auf ihr «Swiss Made» verzichten – also ihr Alleinstellungsmerkmal.

8. Beleben die Massnahmen der Weko die Konkurrenz bei Uhrwerken?

Das ist derzeit noch nicht abschätzbar (siehe auch Frage 2). Alles hängt davon ab, wie die Konkurrenten der Swatch Group reagieren – und wie die Weko die Marktposition von Sellita einschätzt.

Fakt ist: Wenn LVMH, Richemont, Kering, Rolex oder andere finanziell potente Gruppen nicht mit stattlichen Summen in die industrielle Basis der Schweizer Uhrenbranche investieren, wird die ETA dominant bleiben.

9. Die Weko macht eine Liefer-Ausnahme für KMU: Ist das relevant?

Nein. ETA liefert die gleichen Werke an grössere Kunden wie an kleinere. Wird die Produktion des Unternehmens für Dritte faktisch aus dem Markt genommen, ist sie aus dem Markt.

10. Wie geht es nun weiter?

Das faktische Lieferverbot – im Sprachgebrauch der Weko eine «vorsorgliche Massnahme» – für die ETA bleibt bis maximal Ende Dezember 2020 in Kraft.

Die Weko will dann «voraussichtlich» im Sommer 2020 entscheiden, ob und in welchem Umfang sie die Swatch Group respektive die ETA verpflichten will, weiterhin an Dritte zu liefern.

Wie in Frage 3 angesprochen, will die Swatch Group künftig selbst entscheiden, ob sie Dritte mit Uhrwerken versorgen will. Und sie will selbst entscheiden, welche Dritten sie beliefern will. Heute muss sich auf Geheiss der Weko alle Kunden gleich behandeln.

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