Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) wollte es im letzten Jahr genau wissen: Wem gehören eigentlich die Schweizer Börsenkonzerne?

Das Ergebnis der behördlichen Analyse des «SMI Ex­panded» ist eindeutig: «Blackrock ist mit Abstand der grösste Aktionär aufgrund der ungewichteten Anteile.» Der US-amerikanische Investment­koloss war – zum Stichtag Anfang Februar 2019 – in 38 der 46 Unternehmen aus dem Börsenindex investiert.

Damit besass Blackrock Beteiligungen über der 3-Prozent-Meldeschwelle bei mehr als 80 Prozent der grössten kotierten Unternehmungen im Lande. Dahinter folgt mit weitem Abstand die UBS als Fondsmanagerin. Sie kommt bloss auf 22 Prozent. Selbst wenn man die kumulierte Marktkapitalisierung als Massstab nimmt, rangiert der ­angelsächsische Assetmanager in den Top-Drei. Hinter der Familie Hoffmann und Novartis.

Blackrock begründet Voten

Mit anderen Worten: Vermögensverwalter Blackrock um Chef Larry Fink ist eine ernst zu nehmende Investmentmacht aus Sicht der Schweizer Börsenkonzerne. Nicht zuletzt, weil die Amerikaner gekommen sind, um zu bleiben.

Im Gegensatz zu ak­tivistischen Anlegern setzt das New Yorker Vermögenshaus aufs passive, indexbasierte Investieren. Blackrocks Haltung zur Aktionärsdemokratie ist deswegen jedoch keine passive. Dies zeigt eine Auswertung der «Handelszeitung» zum Abstimmungsverhalten von Blackrock an den diesjährigen Generalversammlungen.

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Das US-Investmenthaus setzt mit klaren Voten seine öffentlich einseh­baren Governance-Grundsätze durch: Wer als hiesige Spitzenkraft Verwaltungsratsmandate sammelt, wie an­dere das mit Hemden tun, ist bei Blackrock unten durch. Auch intransparente Vergütungsstrukturen, die den Vergleich mit Mitbewerbern scheuen, finden bei den angelsächsischen Profi-­Anlegern keine Gnade.

Ebenso wenig verschworene Männerbünde auf der Teppichetage: Wer als Verwaltungsrat nach Ansicht der Amerikaner zu wenig Diversität an den Tag legt, erhält keinen Sukkurs mehr an der GV. Wobei Blackrocks «Investment principles» keineswegs ethisch-moralischer Selbst­zweck sind, sondern mithelfen sollen, die langfristige Profitabilität der Unter­nehmen zu sichern.

Keine Stimmen für Geberit-Präsident

Schon seit Jahren macht der gewichtigste SMI-Investor sein Abstimmungsverhalten im Nachgang zur GV-Saison publik. Allerdings verzichtete Blackrock bislang darauf, die ­Voten einzeln zu begründen. Das hat sich 2020 nun grösstenteils geändert. So musste beispielsweise Geberit-Prä­sident Albert Baehny an der diesjäh­rigen GV des Sanitärkonzerns ohne die Stimmen des amerikanischen Gross­investors auskommen.

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Die fadenge­rade Begründung Blackrocks: Baehny trage als Präsident die Verantwortung für den «schlecht strukturierten Verwaltungsrat». Zudem sitze er in einer «übermässigen Anzahl an Verwaltungsräten», weshalb Blackrock erhebliche Bedenken habe hinsichtlich ­seiner Fähigkeit, ausreichend Aufsicht im Amt auszuüben.

Nebst seinem Präsidentenamt bei Geberit hat Baehny nämlich noch das Doppelmandat beim Chemie- und Pharmakonzern Lonza als interimistischer Chef und Verwaltungsratspräsident. Zudem sitzt er im VR der kotierten Zürcher Immobilienfirma Investis. Blackrocks Breitseite gegen Geberit-­Übervater Baehny mag der Sanitärkonzern auf Anfrage nicht kommentieren: Man äussere sich nicht zum Verhalten einzelner ­Aktionäre.

Unklare Vergütungspolitik bei Swiss Life

Transparenter ist da schon der ­Versicherungskonzern Swiss Life. Deren Vergütungsbericht fand ebenfalls keine Zustimmung. Für Blackrock ­erschloss sich der Zusammenhang zwischen «leistungsabhängiger Vergütung und Unternehmensleistung» nicht. Die Unterlagen böten kein ausreichendes Verständnis für die Ver­gütungspolitik des Unternehmens.

Mit dieser Einschätzung steht Blackrock allerdings ziemlich alleine da. So verweist Swiss Life auf die Stimmrechts­berater ISS, Glass Lewis und Ethos. Sie alle würden seit Jahren Zustimmung zum Vergütungsbericht empfehlen. Zudem habe Berater ISS mit seinem Quality Score die Vergütungspolitik von Swiss Life auf einer Skala von eins bis zehn mit der Bestnote eins bewertet.

Ihr «Njet» zur Swiss-Life-Ver­gütung kommunizierte Blackrock nicht: Kurzfristig haben man die Mitteilung erhalten, dass Blackrock gegen den Vergütungsbericht stimmen werde, schreibt der Versicherungskonzern auf Anfrage. Daraufhin hat Swiss Life versucht, wenige Tage vor der GV mit Blackrock in einen Dialog zu treten.

«Eine inhaltliche Diskus­sion wurde seitens Blackrock allerdings abgelehnt», schreibt Swiss Life. Es sei vorgesehen, dass zur Klärung der Thematik mit Vertretern von Blackrock im Herbst 2020 Gespräche geführt würden.

Fehlende Unabhängigkeit bei Schindler

Manchmal kann eine ablehnende Haltung auch unterschiedlichen ­Governance-Auffassungen entspringen, wie etwa bei Schindler. Blackrock stimmte beim Luzerner Lift­bauer gleich gegen mehrere Verwaltungsräte, darunter Präsident Silvio Napoli und Familienpatron Alfred Schindler.

Die Begründung: fehlende Unabhängigkeit. Das Schweizer Corporate-Governance-Modell sei ein anderes als das in den USA. Die Regeln zur Unabhängigkeit seien hierzulande einfacher gehalten, schreibt eine Schindler-Sprecherin. Demzufolge ist als VR unabhängig, wer nie oder vor mehr als drei Jahren der ­Geschäftsleitung angehört hat.

Blackrock

Vermögensverwalter: Die New Yorker Finanzgesellschaft ist der grösste Vermögensverwalter der Welt mit 7,4 Billionen Dollar an verwalteten Anlagen. Blackrock erzielte im letzten Jahr einen Umsatz von 14,5 Milliarden Dollar mit rund 16000 Beschäftigten weltweit.

Anfänge: Blackrock wurde Ende der achtziger Jahre als Assetmanager mit Risikoperspektive für institutionelle Kunden gegründet. Zum Gründungsteam gehörte der heutige Chef Larry Fink. Rund zehn Jahre später, 1999, ging Blackrock an die Börse.

Schweiz: Blackrock ist seit Mitte der neunziger Jahre in der Schweiz tätig und beschäftigt an zwei Standorten rund hundert Mitarbeitende. Seit November 2018 zeichnet Mirjam Staub-Bisang für das hiesige Geschäft verantwortlich. Blackrock ist ungewichtet der wichtigste Einzelinvestor im erweiterten SMI und nach Marktgewichtung der drittwichtigste.

Obwohl Proxy-Vertreter diese Argumente während des häufigen Austauschs verstünden, so die Schindler-Sprecherin, erlaubten deren ­internen Regeln keine Abweichung von den Modellen, was zu einer «schlechten Bewertung» führe.

Die Vertreterin des Liftbauers plädiert deshalb für eine «flexiblere Anwendung von Proxy-Rating-Modellen». Sie würde eine effektivere Beurteilung von nicht amerikanischen Unternehmen ermöglichen, und zwar unter Berücksichtigung des Schweizer Governance-­­Modells.

Swatch-Saläre nicht nachvollziehbar

Während Schindler sich also gegenüber Blackrock und Co. zu erklären versucht, betreibt die Swatch Group bewusst keine Investoren­pflege: «Unser Unternehmen hat vor langer Zeit beschlossen, keine Einzelgespräche mit Aktionären zu führen und auf Roadshows zu verzichten.»

Dies nicht zuletzt auch zur Einhaltung strenger Regeln und Vorschriften betreffend Insiderwissen in der Schweiz. Blackrock scheint derweil für diese vor­nehme Zurückhaltung wenig Verständnis zu haben. Der US-Anlage-­Manager lehnte unter anderem das Vergütungspaket fürs Swatch-Mana­gement um Chef Nick Hayek ab.

Die Salärmodelle seien schlecht struk­turiert, der Zusammenhang zwischen leistungsabhängiger Vergütung und Unternehmensleistung nicht nachvollziehbar. Fünf vor zwölf in Biel. ​

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