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Eric Sarasin
«Wie eine Miss-Schweiz-Wahl, bei der nur eine dicke ­Rothaarige antritt»

Eric Sarasin.
Eric Sarasin: «Die Safras sind gute Geschäftsleute. Aber die alte Sarasin-Identität ist verloren gegangen.»Quelle: Christian Aeberhard / 13 Photo

Der Ex-Topbanker sagt, warum der FC Basel ein Schnäppchen war, warum der Bankierpräsident eine Notlösung ist und warum J. Safra Sarasin den Namen ändern sollte.

Von Sven Millischer und Michael Heim
am 26.01.2018

Herr Sarasin, wie müssen wir uns Ihr neues Leben als Ex-Banker vorstellen?
Eric Sarasin: Inspirierend und angenehm. Ich muss nicht jeden Morgen meine Krawatte binden (lacht).

Ihnen gehört nun die Softwarefirma Gambio. Was hat es damit auf sich?
Es ist eine E-Commerce-Plattform. Neudeutsch: Software as a Service. Wenn Sie ein Produkt haben, dann übernimmt Gambio die Abwicklung des gesamten Handels. Von Marketing über Verkauf bis Zahlung und Versand. Der Hersteller muss nur sein Lager bewirtschaften. Alles andere machen wir für ihn.

Womit verdient Gambio Geld?
Wir erhalten einen Festbetrag vom Hersteller und sind an den Schnittstellen beteiligt. Inzwischen zählt Gambio über 25 000 Shops auf seiner Plattform, hat eine Partnerschaft mit Google und ist Marktführer in Deutschland.

Nicht Ihr einziges Tech-Investment.
Ich bin in gut ein halbes Dutzend Firmen investiert. Darunter Centralway Numbrs von Martin Saidler und das Startup Mindmaze des Inders Tej Tadi. Das Lausanner Medizinaltechnikunternehmen will mithilfe von Virtual und Augmented Reality Schlaganfallpatienten behandeln. Schon heute hat Mindmaze eine Bewertung von über 1 Milliarde Dollar und soll innert drei Jahren an die Börse gehen.

Wie wird ein Private Banker zum Tech-Unternehmer?
Ein alter Freund von mir ist Paulus Neef, Gründer von Pixelpark. Er hat mich vor ein paar Jahren mit den Gründern von Gambio zusammengebracht. Das sind junge, hoch seriöse Leute. Paulus und ich haben eine intensive Due Dilligence der Firma gemacht und sind schliesslich eingestiegen. Seit Gambio bringe ich mich vermehrt auf diesem Gebiet ein.

Mit Pixelpark-Gründer Neef verbindet Sie auch eine Beteiligungsgesellschaft.
Wir haben zusammen mit einer weiteren Person die Zuger Firma Fresh & Bold Capital. Sie investiert nur in Unternehmen aus der DACH-Region, die aktiv in der digitalen Transformation sind. Dazu haben wir einen Investmentberater beigezogen. Diesen Sommer haben wir die erste Finanzierungsrunde abgeschlossen und bei Friends and Family 10 Millionen Franken eingesammelt. Nun streben wir eine zweite Runde mit 20 bis 30 Millionen an.

Nach den Cum-Ex-Turbulenzen scheinen Sie zurück im Business zu sein.
Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass sich so rasch so viele neue Dinge ergeben. Aus heutiger Sicht sieht alles spielend einfach aus. Aber vor drei Jahren war die Situation eine völlig andere. In dieser Zeit tat sich ein schwarzes Loch vor mir auf, als die Cum-Ex-Vorwürfe in Deutschland hochkochten, die Razzia der Steuerfahnder in meinem Haus stattfand und ich den Rücktritt als Vize-Chef der Bank J. Safra Sarasin gab. Dies nach dreissig Jahren als erfolgreicher Privatbankier.

J. Safra Sarasin trägt zwar Ihren Namen, hat aber nichts mehr mit Ihnen zu tun.
Auf Englisch würde man sagen: «I’ve turned the page.» Mit der Bank kann ich mich aus diversen Gründen heute nicht mehr identifizieren. Es gab auch Meinungsverschiedenheiten. Das Institut läuft zwar nach wie vor gut und die Safras sind gute, harte Geschäftsleute. Aber die alte Sarasin-Identität ist verlorengegangen. 

Schmerzt die Erfahrung?
Persönlich nicht, aber fürs Institut schon. Die Safras haben einen guten Namen gekauft, der sie in der Schweiz auf die Landkarte brachte. Da die Bank zu 100 Prozent in ihren Händen ist, könnten sie jetzt den Namen Sarasin abhängen. Denn das Institut hat nicht mehr viel zu tun mit der alten Sarasin, wo wir uns nachhaltig auf nationaler und kommunaler Ebene engagierten. Die Mitarbeiter, mehrheitlich von der alten Sarasin, machen zwar einen ausgezeichneten Job. Aber den Eignern geht es in erster Linie darum, die Safra-Bank durch Zukäufe zur grössten Privatbank zu machen. Andere Werte gehen verloren.

Jetzt handeln Sie für Kunden die Gebühren mit Banken aus. Ihre späte Rache?
Nein, ich hege keine Rachegefühle. Dafür ich war zu lange Vollblutbanker. Richtig ist, dass ich als Verwaltungsrat des Atag Family Office für Kunden Vermögen strukturiere. Dabei verhandle ich mit den Banken auch über Gebühren. Aber das ist nur ein Teilaspekt. Im Kundenkontakt spüre ich, dass viele Vermögende von den Banken die Nase voll haben, die ihnen einfach ihre eigenen Produkte einbuchen. Sie wollen eine wirklich unabhängige Beratung, und die bieten wir ihnen.

Hier gleich ums Eck hat die Bankierver­einigung ihren Sitz. Sie gelten als scharfer Kritiker des Branchenverbands. Warum?
Die Bankiervereinigung war früher eine sehr bedeutsame Institution. Eine wich­tige Stimme und Kraft im Land, die im Auftrag aller Banken den Finanzplatz verteidigt und weiterentwickelt hat.

Und heute?
Der Fokus der Bankiervereinigung ist in den letzten Jahren verloren gegangen. Die Entwicklung hat unter Präsident Patrick Odier eingesetzt, der den Umständen entsprechend einen guten Job gemacht hat. Heute verliert sich der Verband in Arbeitsgruppen und Spezialgremien, ohne je den Rückhalt aller Banken zu besitzen. Symptomatisch war die Suche nach Odiers Nachfolger.

Inwiefern?
Kein Privatbanker wollte das Präsidium. Am Ende bequemte sich Vontobel-Prä­sident Herbert Scheidt. Eine Notlösung und kein kraftvoller Repräsentant, den der Finanzplatz so dringend nötig hätte. Zudem finde ich es stossend, dass zwei der wichtigsten Finanzinstitutionen des Landes – der Dachverband und die Regulierungsbehörde – von zwei Ausländern mit Schweizer Pass geleitet werden: Der Brite Mark Branson bei der Finma und der Deutsche Herbert Scheidt bei der Bankiervereinigung. Das wäre in Deutschland, England oder den USA undenkbar.

Braucht es die Bankiervereinigung noch?
Es gibt einige Mitglieder, die ich kenne und die mir im Vertrauen gesagt haben, dass sie sich den Mitgliederbeitrag getrost sparen könnten. Das bringe keinen Mehrwert. Diese Meinung teile ich nicht. Aber es fehlt dem Branchendachverband sicher an Leadership und Visionen.

Was ist zu tun?
Vielleicht sollten jene die Vereinigung führen, die am meisten zahlen. Und das sind nun mal die beiden Grossbanken. Es wäre eine ehrliche Lösung. Denn am Ende geht es nicht um das Prestigedenken einzelner Privatbanken, sondern um den Schweizer Finanzplatz als Ganzes, der immer noch einen gewichtigen Beitrag zum Brutto­sozialprodukt leistet.

Die Branche spricht längst nicht mehr mit einer Stimme. Inland-, Privat- und Grossbanken verfolgen Partikularinteressen. Was sind die Gründe?
All diese Teilverbände und Splittergruppen gibt es aus dem einfachen Grund, dass die Bankiervereinigung so schwach geworden ist. Der Verlust der Dominanz begann bei der Debatte um nachrichtenlose Vermögen und setzte sich im Steuerstreit mit dem Ausland fort. Zwar wäre das Bankgeheimnis so oder so nicht zu halten gewesen. Aber man hätte es nie auf diese Weise preisgeben sollen.

Was ist schiefgelaufen?
2004 schrieb der Bankier Hans J. Bär seine «Seid umschlungen, Millionen»-Memoiren. Darin beschreibt er, dass das Bankgeheimnis unsere Zunft «fett und impotent» gemacht hat. Eine treffende Analyse. Als ich damals sagte, man müsse den Unterschied zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug aufheben, wurde ich fast ­gesteinigt. In dieser Phase hätte die Bankiervereinigung die Regularisierung der Schwarzgelder aktiv vorantreiben müssen. Es hätte zwar einen enormen Kraftakt gebraucht, das lukrative Geschäftsmodell von sich aus zu ändern. Aber die Schweiz wäre nicht in der ganzen Welt am Pranger gestanden.

Es ist anders gekommen.
Ja, weil die Banken bequem waren und sich zu lange auf dem Schwarzgeld-Geschäft ausruhten. Spreche ich mit meinem Vater, der heute 93 Jahre alt ist, dann halfen die Bankiers ihren ausländischen Kunden vor den Zumutungen des heimischen Fiskus. Da gab es kein Schuldbewusstsein. Jene Kollateralschäden, die das abrupte Ende des Bankgeheimnisses mit sich brachten – daran sind wir selber Schuld.

In Ihrer Zeitungskolumne forderten Sie «bessere, konstruktivere und zukunfts­gerichtetere Impulse» für die Bankierver­einigung. An welche Impulse denken Sie?
Die sinkenden Netto-Neugeldzahlen aus dem Ausland sprechen Bände. Wir brauchen neue Alleinstellungsmerkmale für den Finanzplatz, zum Beispiel Crypto Finance. Was im Zuger Crypo Valley abgeht, ist schlicht atemberaubend. Und letzte Woche hat Bundesrat Johann Schneider-Ammann bei der ersten Crypto-Finance-Konferenz noch einen draufgelegt und die «Crypto Nation Switzerland» ausgerufen.

Aber von den hiesigen Banken höre ich zu Bitcoin und Co. bisher wenig bis gar nichts.
Das ist leider so. Einige in den Teppich­etagen verschlafen den Trend. Dort glaubt man, das Phänomen aussitzen zu können, wie damals das Internet. Dafür legt sich die Finanzmarktaufsicht ins Zeug und ­bietet ein sehr gutes Umfeld für die zahlreichen neuen Blockchain- und Bitcoin-­Unternehmen, die sich hier ansiedeln.

Haben Sie selber Bitcoins?
Nein, keine Bitcoins, aber Ether. Das sagt mir mehr zu. Auch schaue ich mir die chinesische Ve-Chain an. Eine Kryptowährung, mit welcher der Detailhandelsmarkt umgekrempelt werden soll.

Wie sind Sie überhaupt auf das Krypto­thema gekommen?
Vor drei Jahren hat mir Investor und Freund Daniel Gutenberg erzählt, er sei in Bitcoin investiert. Damals dachte ich, es handle sich um einen neuen Brotaufstrich. Danach habe ich mich intensiver mit Bitcoin und der zugrundeliegenden Technologie beschäftigt. Ich bin überzeugt, dass Blockchain unser aller Leben verändern wird. Mit Blockchain lassen sich Geschäfte aller Art effizient, eindeutig und nachvollziehbar abwickeln.

Grossbanker wie UBS-Präsident Axel Weber oder JP-Morgan-Chef Jamie Dimon warnen eindringlich vor Bitcoin und Co.
Ich glaube, da ist viel Heuchelei dabei. Schauen Sie sich doch Jamie Dimon an. Der verteufelt Bitcoin und gleichzeitig ­arbeiten tausend Leute für ihn in New York an Blockchain-Lösungen. Dasselbe mit den Chinesen, die Initial Coin Offerings verbieten ­wollen, weil sie selber an Krypo-Crowdfunding-Lösungen arbeiten. Klar ist aber auch: Eine Regulierungswelle rollt an. Und die steuerlichen Aspekte sind ebenfalls rasch zu klären.

Eine weitere Konstante in Ihrer Kolumne ist der FC Basel. Wären Sie gerne Präsident geworden?
Ich habe nie ein Geheimnis darum gemacht, dass ich eines Tages FCB-Präsident werden möchte. Ich wurde im Dezember 2016 auch als Erster von Bernhard Heusler kontaktiert – dem damaligen Präsidenten, Mitbesitzer und Freund –, ob ich das Amt und den Club übernehmen wolle.

Was geschah dann?
Zunächst lief es auf eine Ausmarchung zwischen mir und Marco Streller hinaus, dem heutigen Sportchef, der ebenfalls ­einen Kandidaten als FCB-Präsidenten zur Hand hatte. Also machte ich mich daran, ein fünfseitiges Konzept auszuarbeiten und einen VR zusammenzustellen.

Wen hatten Sie an Bord?
Das möchte ich nicht sagen. Nur so viel: Es waren sehr renommierte und respektierte Leute aus der Region Basel. Aber Anfang 2017 hiess es dann plötzlich, ich müsse mit meinen VR-Kollegen vor ein Gre­mium, um diesem meine Pläne als FCB-Präsident vorzustellen. Das Gremium bestand aus Donatoren, einem Mitglied der Muttenzer Fankurve, der Leiterin der Geschäftsstelle, dem Stararchitekten Jacques Herzog und anderen Personen. Ich verstand die Welt nicht mehr.

Warum?
Der Club gehörte doch Bernhard Heusler und seinen Mitstreitern. Weshalb also sollten wir uns vor diesem basisdemokratischen Grüppchen präsentieren? Das war mir und meinen Kollegen nicht verständlich und so zogen wir unser Interesse am FCB zurück – ohne böses Blut!

Stand der heutige FCB-Präsident, Film­unternehmer Bernhard Burgener, damals bereits an der Seitenlinie bereit?
Nein. Ursprünglich wollte Heusler drei bis vier Konzepte für den FCB auf dem Tisch haben, um eine Auswahl treffen zu können. Doch nachdem ich abgesagt hatte und Strellers Wunschpräsident sich ebenfalls zurückgezogen hatte, war Heuslers Plan schwierig zu realisieren.

Am Schluss gab es also keine Alternative zu Präsident Burgener.
Genau. Das ist wie eine Miss-Schweiz-Wahl, bei der am Ende nur eine dicke ­Rothaarige antritt.

Gut für Burgener.
Definitiv. Burgener soll, soviel ich weiss, zwischen 15 und 20 Millionen Franken für den Club bezahlt haben. Dies entspricht ungefähr einem halben Jahresgewinn, wenn man den FCB-Abschluss für 2016 nimmt.

Ein Schnäppchen. Wie viel hätten Sie denn für den Club hingeblättert?
Ich ging eigentlich vom Eineinhalbfachen eines Jahresgewinns aus, also zwischen 40 und 50 Millionen Franken. Insofern kann man sicher sagen, dass Burgener den Club zu einem sehr vorteilhaften Preis übernehmen konnte. Damit winkt dereinst ein satter Gewinn bei einem Verkauf.

Warum hat Heusler den FCB für diesen Schnäppchenpreis überhaupt verkauft?
Bernhard Heusler hat immer gesagt, dass er den Club für 100 Millionen Franken ­einem Araber hätte verkaufen können. Aber dann hätte er sich in Basel nicht mehr blicken lassen können. Deshalb setzte er von Anfang an auf eine lokale Lösung. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er die Zitrone nicht auspressen wollte. Umgekehrt bin ich mir aber sicher, dass Burgener auch 40 Millionen Franken für den FCB bezahlt hätte. Ich möchte jedoch betonen, dass ich die jetzige Lösung gut finde und voll hinter den neuen Exponenten stehe.

Sie sind zwar nicht FCB-Präsident, aber in zahlreichen gemeinnützigen Gremien aktiv. Haben Sie eine wohltätige Ader?
Es ist mir wichtig, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Das liegt in der DNS der alten Bank Sarasin. Wir hatten ein ungeschriebenes Gesetz, dass 20 Prozent der Zeit der Partner für die Gemeinschaft eingesetzt werden sollte. Damit bin ich aufgewachsen und führe diese Tradi­tion fort. So habe ich zum Beispiel Anfang der Neunziger mitgeholfen, das Basel Lighthouse für Aids-Kranke aufzubauen.

Nun gelten Banker gemeinhin nicht als Wohltäter.
Der humanistische Gedanke ist in den traditionellen Privatbanken tief verankert. Aber der Druck im Geschäftsleben hat zugenommen. Gleichzeitig sind die Eigen­tümer der grossen Bankhäuser heute international, meist Staatsfonds und Beteiligungsgesellschaften. Die interessiert nur die Rendite. Denen ist es doch egal, ob der Bankchef sich noch fürs Opernhaus oder das Rote Kreuz engagiert. Das finde ich schade, denn die Engagements öffnen ­einem den Horizont und sind mir ein wichtiger Gegenpol zu den Geldgeschäften.

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Der Vollblutbanker

Name: Eric G. Sarasin
Funktion: VR Atag Family Office, Inhaber Gambio GmbH, Private Equity Investor, Stiftungsrat
mehrerer Institutionen
Alter: 60
Familie: vier erwachsene Kinder
Ausbildung: KV-Lehrabschluss,
BA in Finance & Economics ­Babson College, Boston USA, ­Diplom der Swiss Banking School (heute Swiss Finance Institut)
Karriere:
Ab 2015: PE Investor, Atag
Family Office, diverse VR- und Stiftungsrats-Mandate.
2002–2012: Präsident der
Handelskammer Deutschland-Schweiz
1988–2014: Bank Sarasin & Cie AG, zuletzt stellvertretender Chef
1985–1988: Citibank, New York, ­Senior Accountant Officer
1980–1982: Pictet & Cie, Genf, ­Analyst