Tobias Pogorevc hatte einen guten Lauf: Der Chef von Helvetic Airways freute sich über ein stabiles Geschäft, konnte sich auf eine solide Zusammenarbeit mit der Swiss verlassen, investierte kräftig in neue Flieger und versprach nebenbei, dieses Jahr noch 100 neue Stellen zu schaffen, die sein Team von 450 Mitarbeitenden ergänzen.

Dann kam der Corona-Schock. Alle Helvetic-Flieger am Boden, Entlassungen und wie bei allen Airlines die bange Frage: Wie überleben wir? Helvetic ist eine unabhängige Airline, aber stets primär für die Swiss unterwegs gewesen. Ausserdem gibt es Charterflüge für Reiseanbieter und Privatkunden sowie eigene Routen.

Jetzt soll es ganz langsam wieder losgehen, im Juli Richtung Mallorca. «Mallorca ist ein Testfall», sagt Pogorevc im Podcast-Interview mit «HZ Insights», wo er ausführlich zum Aviatik-Geschäft und zu seinen Plänen Stellung nimmt. Die Insel sei nicht so stark von der Corona-Krise betroffen gewesen, dort lasse sich zudem gut ausprobieren, wie touristische Schutzkonzepte funktionieren. Und: Das Kunden­interesse sei vorhanden.

Mallorca ist eine einigermassen sichere Option. Vor dem virusbedingen Grounding galt die Route als Rennstrecke der Flugbranche, um sonnenhungrige Touristen schnell ans Meer zu bringen. Diese Strecke will Pogorevc auch für Flybair ­anbieten, die virtuelle Airline aus Bern hat keine eigenen Flugzeuge. Wer bei Flybair bucht, reist mit Helvetic.

Einreiseregeln und geringe Nachfrage

Viele Menschen wollen im Sommer wieder fliegen, die Anbieter versprühen Optimismus. Doch die Realität ist auch: Es herrscht viel Unsicherheit. Zahlreiche ­angekündigte Flüge werden von Airlines kurzfristig abgesagt. Entweder sind es Einreiseregeln, die das verhindern, oder die Nachfrage ist niedrig. Hinzu kommt der Ärger wegen der verzögerten Rückerstattung bereits bezahlter Tickets.

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Podcast zum Thema: So will Helvetic Airways wieder starten

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Quelle: Keystone

Warum das erste Ziel Mallorca heisst, wie die Geschäfte mit der Swiss laufen – und was Eigner Martin Ebner fordert. Antworten im Podcast «HZ Insights» mit Helvetic-Airways-Chef Tobias Pogorevc.

Hier gehts zu allen Folgen der Podcast-Serie.

So bleibt das Buchungsverhalten noch eine ganze Weile pessimistisch. Fluggesellschaften, die lediglich auf Leisure, also Ferienflüge, setzen, «werden ganz fest leiden diesen Sommer», sagt Pogorevc. Die Krise werde seine Branche noch Jahre beschäftigen. Dabei wollen die Gesellschaften so schnell wie möglich wieder loslegen und Geld in ihre Kasse spülen. Viele über­leben ohnehin nur dank Staatshilfe. Davon will Helvetic nichts wissen. Die Eigentümer, das Milliardärsehepaar Martin und Rosmarie Ebner, springen ein. Doch spendierfreudige Milliardäre als Eigner, die mal eben Helvetic retten, so einfach sei das nicht, sagt Pogorevc. Er habe beim Eigner sicherlich mehr Businesspläne abliefern müssen, als wenn er beim Bund um Staatshilfe gerufen hätte.

Nun habe Helvetic «eine grosse Unabhängigkeit von der Politik und einen hohen Freiheitsgrad in der Zukunft, viel mehr, als wenn wir Staatshilfe hätten».

Staatshilfe für die Swiss, seinen wichtigsten Kunden, findet Pogorevc aber okay: Die Swiss habe eine wichtige Rolle in der Schweiz, eine andere Airline könne solch ein Netzwerk nicht von heute auf morgen anbieten. Andere Gesellschaften zu retten, hält er hingegen für zweifelhaft: «Condor ist nicht systemrelevant.»

Die Firma sei «eine Familie»

Helvetic will mit Kurzarbeit und Fluktuation über die Runden kommen, nötig waren aber auch Entlassungen. Es traf zehn Piloten. Es hiess, sie hätten gehen müssen, weil sie sich kritisch gegenüber dem Helvetic-Management geäussert hätten. Zudem habe gestört, dass manche von ihnen sich gewerkschaftlich engagierten. Pogorevc kontert: Auf keinen Fall sei jemand entlassen worden, weil er sich kritisch äussere. «Das stelle ich fest in Abrede.»

Dass er seine Firma als «Familie» bezeichnet und von Gewerkschaften wenig hält, mit denen er sich nicht «herumschlagen» will, daraus macht er aber auch keinen Hehl. Weitere Entlassungen soll es vorerst nicht geben. Viele der Mitarbeitenden des Kabinenpersonals würden im Sommer Helvetic verlassen, um ein Studium aufzunehmen. Diese Fluktuation helfe.

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Vage bleibt die Zusammenarbeit mit der Swiss. In Vor-Corona-Zeiten belief sich dieses Geschäft bei Helvetic auf rund 70 Prozent. Ein gewisses Klumpenrisiko ist also nicht von der Hand zu weisen. Und nun steht bei Lufthansa und der Tochter Swiss viel eigenes Fluggerät ungenutzt ­herum. Pogorevc räumt ein, dass jeder Grosskunde ein gewisses Risiko darstelle, doch mit der Swiss existiere eine Partnerschaft schon seit dem Jahr 2006.

Wie genau die Verträge mit der Swiss aussehen, will der Helvetic-Chef nicht verraten. Nur so viel: «Wir sind zuversichtlich, dass die Swiss uns maximal einsetzen wird.» Acht seiner Maschinen seien langfristig unter Vertrag für die Swiss, fünf weitere werde er selbst «für die Eigenproduktion» einsetzten. Bei der Swiss heisst es dazu, dass man «seit Jahren eine enge und sehr gute Zusammenarbeit pflege». Diese werde auch in Zukunft fortgeführt. «Wir stehen im engen Austausch mit Helvetic.» Pogorevc baut darauf, dass mit Blick auf das eher geringe Passagieraufkommen seine neu angeschafften Embraer-Maschinen nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen gefragt seien: Sie haben nur Platz für 110  Passagiere. Der kleinste Swiss-Flieger hat 125 Sitze.