Barcelona, Avinguda Diagonal. In dem gesichtslosen Geschäftshaus an der Verkehrsschlagader der katalanischen Hauptstadt wird in den oberen Stockwerken an der Zukunft gearbeitet. An der Zukunft des Apothekenmarktes.

Dutzende von jungen Frauen und Männern sitzen eng aufgereiht vor ihren Computern. Coder, Daten-Cracks, Logistik-Nerds, Programmierer, Designer, Marketingleute. Es wimmelt von Turnschuhen, Hoodies und Kaffee aus Pappbechern – Startup-Groove wie aus dem Bilderbuch. Willkommen bei Promofarma, dem Unternehmen, das zwei Welten vereint. Die Welt der traditionellen, stationären Apotheken. Und jene der Online-Apotheken.

Promofarma gehört seit August letzten Jahres zum Schweizer Apothekenkonzern Zur Rose mit Sitz in Frauenfeld. Die Übernahme des kleinen Jungunternehmens im fernen Spanien hat in der Schweiz für keinerlei Aufsehen gesorgt. Dabei könnte Promofarma entscheidend dazu beitragen, dass die Schweizer Zur Rose – schon heute Europas mit Abstand grösste Online-Apotheke mit Umsätzen von 1,2 Milliarden Franken – ihre führende Position weiter ausbauen kann. Einerseits wegen der Software, die Promofarma entwickelt hat. Anderseits, weil das kleine Unternehmen den strategischen Spielraum von Zur Rose deutlich ausweitet.

800 Apotheken, 120 000 Produkte

Zunächst die Basics: Promofarma ist ein Online-Marktplatz. Hier bieten Apotheken ihr nicht rezeptpflichtiges Sortiment an – von Sonnencreme über Hustensaft bis zu Pflastern oder Beauty-Produkten. Aktuell bildet Promofarma gemäss den Angaben von Zur-Rose-Sprecherin Lisa Lüthi die Sortimente von knapp 800 Apotheken ab. 120 000 Produkte von 6000 Marken sind im Angebot. Vereinfacht gesagt verbindet die Promofarma-Plattform in ganz Spanien Apotheken mit Kunden – wie früher der Marktplatz im Dorfkern die Produkte der Landwirte mit den Konsumenten zusammenbrachte.

Dank der Integration von Promofarma ähnelt das Geschäftsmodell von Zur Rose nun jenem von E-Commerce-Grössen wie Zalando oder Amazon. Alle drei vereinen nun unter einem Dach Marktplätze, auf denen Dritte Waren anbieten, mit klassischem Online-Handel, bei dem Kunden aus eigenen Lagern mit zuvor eingekauften Waren beliefert werden.

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Neue Märkte mit wenig Kapital

Hinzu kommt: Durch den Anschluss von stationären Apotheken an die grösste Online-Apotheke Europas gelingt es Zur Rose, Apotheker zu Geschäftspartnern zu machen. Bislang haben diese, insbesondere in der Schweiz und in Deutschland, fundamental gegen Anbieter wie Zur Roseopponiert und das Geschäft der Schweizer wo immer möglich juristisch behindert. Nun können aus Feinden Freunde werden, aus Konkurrenten Mitstreiter. Im Zweikampf mit der deutschen Shop Apotheke, der Nummer zwei im E-Commerce-Apotheken-Markt Europas, ist dies für Zur-Rose-Chef Walter Oberhänsli ein vielleicht matchentscheidender Vorteil.

Schliesslich erlaubt es ihm die Technologie von Promofarma, ohne grossen Kapitaleinsatz neue Märkte für Zur Rose zu erschliessen. Und genau das wird in den kommenden Monaten passieren: Bereits mitten im Rollout der Promofarma-Plattform ist Zur Rose in Frankreich. Als Nächstes folgt Italien. Auch Deutschland hat Oberhänsli bereits im Visier für seinen Apothekenmarktplatz. Im grössten Medikamentenmarkt Europas ist Zur Rose schon heute mit Doc Morris und weiteren Marken sehr stark.

Und wie sieht es in der Schweiz aus? «Ein Marktplatz mit der Promofarma-Technologie für die Schweiz ist in Prüfung», sagt Sprecherin Lüthi. Die starke Stellung des Medikamenten-Grosshändlers Galenica könnte dabei ein Hindernis sein. Fast ein Fünftel der 1800 Schweizer Apotheken gehören direkt dem Berner Unternehmen. Für viele weitere ist Galenica der wichtigste Lieferant.

Noch sind die Umsätze, die Promofarma für Zur Rose generiert, bescheiden. Sie summierten sich von Januar bis September 2019 auf knapp 28 Millionen Franken. Und noch wird das Potenzial der Plattform von den Zur-Rose-Aktionären nicht geschätzt (siehe Chart). Die Aktie wird für weniger als 100 Franken gehandelt. Seit der IPO-Euphorie im letzten Juli ging es fast nur bergab. Schon beim Börsengang sagte Oberhänsli selbstbewusst: «Wir sind das Apotheken-Zalando.» Damals war die Aussage kokett. Mit Promofarma stimmt sie.

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