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E-Commerce
Zalando: Schrei vor Schreck

Zalando Pakete auf dem Weg zum Kunden

Zalando: Immer mehr Pakete. Aber immer weniger drin.

Quelle: KEYSTONE/Laurent Gillieron

Zalando legte 2018 in der Schweiz beim Umsatz stark zu. Und bei der Anzahl Päckli noch stärker. Da steckt ein Problem drin.

Von Andreas Güntert
am 07.02.2019

Die Menge ist gigantisch. Was in der Schweiz an Päckli im orange-weissen Look hin und her spediert wird, würde reichen, um jeden Einwohner des Kanton Glarus an jedem Arbeitstag mit zwei Zalando-Boxen zu beglücken. 

Das zumindest zeigen die Zahlen der Schweizer E-Commerce-Beratungsfirma Carpathia, die Zalandos Schweizer Siegeszug seit den Beginnen im Jahr 2011 verfolgt, untersucht und dokumentiert. Nur schon die Zahl der eintreffenden Pakete steigerte sich 2018 in der Schweiz um 27 Prozent auf 13.3 Millionen. Dazu gesellten sich die Retouren, noch einmal 8 Millionen Pakete.  

Doppelthron in der Schweiz 

Mit einem von Carpathia errechneten Netto-Umsatz von 785 Millionen Franken setzt sich Zalando nicht nur an die Spitze aller Modehändler der Schweiz, sondern erreicht erstmals auch den Rang des stärksten Online-Händlers im Lande.

Die Firma erreicht diese Doppel-Thron-Position notabene ohne einen einzigen Mitarbeiter in der Schweiz.  Dass Zalando im schrumpfenden Schweizer Modemarkt weitere 100 Millionen Franken Umsatz gewinnen konnte, ist eine starke Leistung.

Umsatz: Plus 15 Prozent. Anzahl Päckli: Plus 27 Prozent

Im langjährigen Vergleich fällt aber auf: Die hohen prozentualen Wachstumsraten kann Zalando – auch wegen des Basiseffekts – nicht mehr halten. Und der Vergleich aus dem Total der Verkäufe (plus 15 Prozent) und der Anzahl der Inbound-Pakete (plus 27 Prozent) zeigt: Die Päckli keuchen dem Umsatz hinterher. 

Abgesehen von Promotionen und Gutschein-Aktionen sank der durchschnittliche Warenkorb in der Schweiz. Betrug er im Jahr 2017 noch 65 Franken, so waren es 2018 nur noch 59 Franken.  Lang hat dafür einen «Doppel-Effekt» ausfindig gemacht: «Einerseits sind die Warenkörbe in der Schweiz, wie auch über die ganze Firma hinweg kleiner geworden.

Dies könnte mit den zunehmenden Bestellungen per Smartphone zu tun haben: Am Mobile bestellt man unterwegs eher mal ganz spontan nur eine Hose oder einen Pulli; am Desktop zu Hause werden in der Regel grössere Bestellungen verfasst.»  

Mehr Pakete pro Bestellung

Zum Zweiten habe sich der Paket-Split verändert; pro Bestellung resultierten mehr Boxen als 2017: «Marken und andere Teilnehmer auf dem Zalando-Marktplatz liefern vermehrt direkt Pakete aus, auch in gemischten Warenkörben.»

Der Trend mit den sinkenden Warenkörben zeigt sich in einer Vielzahl der 16 Zalando-Länder. Für die Firma ist das eine beunruhigende Entwicklung, denn sinkende Umsätze pro Bestellung gefährden ein Element des Zalando-Erfolgsmodells: Kostenlose Lieferung, kostenloses Retournieren.

Wird ein gewisses Bestellmengen-Mass pro Paket unterschritten, legen die Berliner drauf: «Bei einer Bestellung von nur gerade 8 oder 10 Euro bleibt für Zalando abzüglich der Logistik-, Porto- und Retourenkosten nichts mehr übrig», weiss Lang. 

Das erfolgsverwöhnte Unternehmen musste 2018, im Jahr des 10. Firmenjubiläums, zwei Gewinnwarnungen abgeben. Einerseits wurde Zalando, wie andere Modehändler, vom heissen Sommerwetter getroffen. Andererseits aber drückten Ausgaben für Versand und Retouren auf die Gewinnspanne.

Mindestbestellwert in vier von 16 Zalando-Ländern

Seither griff die Firma zu unpopulären Massnahmen. Mitte November führte Zalando in Italien einen Mindestbestellwert von 24.90 Euro für kostenlose Lieferungen ein. Wer drunter bleibt, bezahlt eine Liefergebühr von 3.50 Euro.

Ende Januar packte das Unternehmen auch Kunden in Spanien, Grossbritannien und Irland in diese Zwangsjacke. Zalandos Begründung dafür: «Wir haben festgestellt, dass unsere Kunden in diesen Märkten eher kleine Bestellungen aufgeben und so den Zalando-Service und seine Vorteile nicht vollständig nutzen.» Carpathia-Chef Lang hingegen sieht das als «erzieherische Massnahme». 

Ob Zalando auch in der Schweiz Mindest-Bestellmengen einführen wird, ist unsicher. Mit den von Carpathia errechneten Durchschnittswerten – Zalando selber äussert sich dazu und zur Umsatzhöhe auf Länderebene nicht – scheint das aktuell eher nicht angebracht.  Zalando-Sprecherin Julia Zweigle sagt, dass die Firma «jeden Markt auf einer sehr lokalen Ebene» be­trache und und entsprechend der lokalen Besonderheiten steuere.: «Wir werden Massnahmen ergreifen, wann immer diese notwendig sind, um weiterhin in ein optimales Einkaufserlebnis für unsere Kunden in jedem Zalando-Markt zu investieren.»

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