Rund 300 Millionen Menschen nutzen weltweit die Messenger-App Telegram. Direktnachrichten, Gruppen-Chats und Kanäle: Neben Facebook mit seinem Whatsapp ist Telegram im Westen der wohl wichtigste Anbieter von Nachrichtendiensten.

Und die Konkurrenz zwischen den Giganten nimmt zu: Wie Facebook mit seiner Währung Libra setzt auch Telegram auf ein ­eigenes Bezahlsystem, mit dem sich die Nutzerinnen und Nutzer künftig gegen­seitig Geld überweisen können.

Umzug aus Dubai denkbar

Facebook hat den Verein Libra für seine neue Währung bereits in Genf angesiedelt. Nun zeigen Recherchen, dass auch Telegram auf die Schweiz setzt. Das Unternehmen will sich stufenweise in der Schweiz niederlassen.

Der Prozess steht bereits nicht mehr am Anfang: Mit der Finanzmarktaufsicht Finma gab es Sondierungsgespräche. In Zug werden Räumlichkeiten geprüft. Und mit kantonalen Wirtschaftsförderern ist man im Gespräch über Arbeitsbewilligungen. Das berichten Per­sonen mit Kenntnis des Sachverhaltes. ­Telegram war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Der Plan sieht einen stufenweisen Ausbau der Niederlassung in der Schweiz vor. Beginnen soll es damit, dass die Forschung und Entwicklung von Telegram in der Schweiz zusammengefasst wird. Offenbar geht es zunächst um rund 35 Stellen. Heute sind die meist russischen Softwareentwickler an verschiedenen Orten tätig, grösstenteils aber in Dubai, wo Telegram seinen Hauptsitz unterhält. Auch dieser könnte längerfristig in die Schweiz gezügelt werden.

Telegram App auf Handy

Telegram App: Der Messengerdienst verspricht verschlüsselte Nachrichtenübermittelung.

Quelle: LightRocket via Getty Images
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US-Börsenaufsicht blockiert die Telegram-Währung

Es geht also nicht nur um das geplante Telegram-Bezahlungssystem, sondern um alle Aspekte des ­Messengers. Und dieser ist im Wachstum begriffen. Im Zentrum des Ausbaus steht das geplante Telegram Open Network – kurz TON. Die Nutzer sollen einander darin nicht nur Geld überweisen können, sondern dereinst weitere Dienstleistungen angeboten bekommen.

Doch in den letzten Tagen hat das ­Ansiedlungsprojekt einen argen Dämpfer erfahren. «Alles ist gewissermassen on hold», berichtet eine gut informierte Person. Der Grund ist ein kürzlich erfolgter Entscheid der US-Börsenaufsicht SEC. Die Behörde blockierte ein wesentliches ­Puzzleteil in Telegrams Plänen – die eigene Währung Gram. Dieser Coin war 2018 im grossen Stil an Investoren verkauft worden und sollte die Grundlage bilden für die Telegram-eigene Blockchain, auf der das Telegram Open Network TON basiert.

Investorensuche am Zürcher Paradeplatz

1,7 Milliarden Dollar hatte Telegram bei qualifizierten Grossinvestoren eingesammelt. Nicht in den Kryptowährungen Bitcoin oder Ether, sondern in Dollar. Viel ­davon über die Schweiz. Beim Closing der Investorenrunde hechtete Telegram-Mitgründer Pavel Durov am Zürcher Paradeplatz offenbar von Meeting zu Meeting.

Diesen Herbst nun sollten die Investoren ihre Grams erhalten. Dazu kam es nicht. Vor vier Wochen erklärte die Aufsicht SEC, dass das Verteilen der Grams ein nicht registriertes Offering von Wertschriften und damit illegal sei, und erwirkte bei einem Gericht in Manhattan eine einstweilige Verfügung.

Eineinhalb Jahre hatte sich Telegram um eine Stellungnahme der SEC bemüht. Zur Tat schritt die Aufsicht, wenige Tage bevor die Verteilung der Währung angelaufen und damit kaum noch rückgängig zu machen gewesen wäre. Zahlreiche Beobachter ­vermuten politische Motive. Auch Facebooks Projekt Libra erfährt zurzeit mas­siven Widerstand in den USA. Telegram hat in Absprache mit den ­Investoren nun entschieden, TON erst im Frühling 2020 zu lancieren.

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Existenzielle Fragen

In der Zwischenzeit wird geprüft werden müssen, ob eine Einigung mit der SEC möglich ist. Das dürften die Investoren und involvierte Banken begrüssen. Denn in der aktuellen Situation ist es für Letztere schwierig, weiterhin mit US-Investoren zu geschäften, die in Telegram investiert haben. Auf jeden Fall stellen sich für die Telegram-Macher existenzielle Fragen.

Deshalb verzögert sich auch das Ansiedelungsprojekt in der Schweiz. Dabei ­hatten die Aktivitäten in Zug und Zürich in den letzten Monaten zugenommen. Da wurden im Telegram-Umfeld bereits Firmen mit prominenter Beteiligung ge­gründet, welche das Payment-Netzwerk stützen sollen. Zum Beispiel die Firma Swiss Digital Group mit Sitz in Zug. Die Firma steht gemäss Homepage hinter gramvault.com. Gram Vault seinerseits offeriert den grossen Telegram-Investoren die Aufbewahrung ihrer Gram-Coins und andere Dienste.

Zu den Aktionären von Swiss Digital Group gehören etwa John Hyman, zumindest phasenweise Telegrams Chief Investment Advisor, aber auch Genesis Digital; auch Oleg Seydak, Chef der Finanzgruppe Blackmoon, hält laut öffentlich zugänglichen Informationen Anteile. Im globalen Asset Mana­gement und in der Kryptobranche sind das allesamt bekannte Gesichter.

Zweites hochbrisantes Projekt nach Libra

In der Branche ist zu hören, dass einige Behörden in Bern nicht unglücklich seien über die Verzögerungen. Denn mit Telegram würde die Schweiz nach dem Libra-­Verein bereits das zweite hochbrisante und global diskutierte Projekt an der Schnittstelle zwischen Banken, Bezahl­systemen und Währungsfragen beher­bergen. Spannend bleibt die Ausgangs­lage allemal: Im Westen dürfte Telegram auf Unternehmensseite auf absehbare Zeit der einzige ernsthafte Herausforderer von Facebook für einen länderübergreifenden Nachrichtendienst mit integrierten Finanzdienstleistungen sein.

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